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Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“

 - 11:09
Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ Bild: F.A.Z. vom 22. Oktober 2005

Die Kunst, Inhalt und Form eines Sprachkunstwerks in wenigen Sätzen wiederzugeben, hat leider nur sehr wenige Meister hervorgebracht. Hier haben wir einen, der auch nicht gerade zu den Auserwählten zählt: Sein Name ist Alexander von Humboldt, und wir begegnen ihm, als er gerade mit einem Boot den Rio Negro befährt. Der Gelehrte wird von seinen spanischen Reisegefährten gebeten, der quälenden Langeweile an Bord mit einer Geschichte zu begegnen. Geschichten wisse er keine, sagt darauf Humboldt, aber er könne das schönste Gedicht deutscher Sprache vortragen, frei ins Spanische übersetzt: „Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.“ Seine Begleiter schauen ratlos drein. „Fertig, sagte Humboldt.“

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Wenden wir dieses verführerisch unkomplizierte Verfahren rasch auf Daniel Kehlmanns neuen Roman „Die Vermessung der Welt“ an: Zwei Männer forschen ihr ganzes Leben lang wie besessen vor sich hin, sie werden berühmt, begegnen sich einmal, als beide schon in hohem Alter sind, und irgendwann danach müssen sie dann gestorben sein. Fertig.

Humboldt wendet sich nach seinem Vortrag von den verdutzten Freunden ab, steckt einen kleinen Affen, der ihn necken wollte, mit energischem Griff zurück in den Käfig, greift zu seinem Sextanten und nimmt eine Tätigkeit auf, die ihn, wie schon so oft, die ganze Nacht beschäftigen wird: Der Gelehrte vermißt die Welt und das Universum. Er bestimmt den Längengrad, mißt den Winkel der Mondbahn und fixiert mit dem Teleskop die Geisterflecken der Jupitermonde. Dann spricht er mit seinem vierbeinigen Freund: „Nichts sei zuverlässig, sagte er zu dem ihn aufmerksam beobachtenden Hund. Die Tabellen nicht, nicht die Geräte, nicht einmal der Himmel. Man müsse selbst so genau sein, daß einem die Unordnung nichts anhaben könne.“

Der Satz des Hauslehrers

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Der Panzer, mit dem sich Alexander von Humboldt gegen die Unordnung der Welt und andere Zumutungen gerüstet hat, ist auch für die Poesie undurchlässig. Es erreicht ihn, so will es scheinen, überhaupt nur sehr wenig jenseits von Forschung und Wissenschaft. Dabei läßt Kehlmann es nicht an kleinen Hinweisen auf das fehlen, was den Gelehrten im Innersten antreibt: Als das Brüderpaar Wilhelm und Alexander einem Experiment beiwohnt, das Marcus Herz, der Lieblingsschüler Kants und einer der Hauslehrer der Humboldts, durchführt, mißt Herz die Höhe einer Stichflamme, die aus einem Röhrchen schießt: zwölf Zentimeter. „Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen“, sagt der Hauslehrer beiläufig. Das ist alles.

Wenn Humboldt sich viele Jahre später an einem Seil in den Krater des Vulkans Jorullo herabläßt, mit einer Atemmaske die Untiefen der Mine von Taxco erkundet oder im Urwald mit dem Finger vom Pfeilgift Cuare nascht wie ein Kind vom Kuchenteig der Mutter, dann kommt einem der Satz des Hauslehrers wieder in den Sinn. Alexander von Humboldt vermißt den Schrecken, um die Angst zu bannen. Er sucht nach der Ordnung und der Einheit des Lebens, von dem er sich immer ausgeschlossen fühlen wird. Ruhm und Nachruhm sind das Lebendigste an diesem Mann.

Unterhaltung auf subtile, intelligente und witzige Weise

Daß man von diesem Roman auf eine so subtile, intelligente und witzige Weise unterhalten wird, wie man es in der deutschsprachigen Literatur kaum einmal erlebt, ist dabei nur einer der vielen Vorzüge dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Buches. Daniel Kehlmann, der gerade einmal dreißig Jahre alte Verfasser von bislang sieben Büchern, legt mit seinem jüngsten Roman „Die Vermessung der Welt“ ein Buch über den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauß vor, das nicht nur die kurzweilige Doppelbiographie zweier großer Gelehrter des neunzehnten Jahrhunderts ist, sondern viele Themen in sich vereint.

Kehlmann beschäftigt sich mit zahlreichen Fragen, die im Buch nie ausgesprochen werden: Welche Opfer verlangt die Wissenschaft? Warum ist so vielen Genies jedes menschliche Mitgefühl fremd? Was treibt den Forscher wirklich an? Warum sind so viele Söhne genialer Männer die Opfer ihrer Väter? Wo eigentlich liegt der Punkt, an dem das hehre Projekt der Aufklärung in die Entzauberung der Welt umkippte und ihre Bewohner ins Joch von Fortschritt und instrumenteller Vernunft gezwungen wurden?

Schlichtes Referat der Fakten

Kehlmann arbeitet den Apparat seiner Fragen nicht brav und sytematisch ab, sondern stößt uns ab und an mit einem Lächeln darauf. Oder einem Stirnrunzeln. Oder einem Seufzer. Das Erstaunlichste an diesem Buch aber liegt zweifellos darin, daß es auch all jene Leser in seinen Bann schlägt, die geglaubt haben, daß keine dieser Fragen sie sonderlich interessieren würde. Aber wie macht er das? Kehren wir noch einmal zurück zu dem Rezitator auf dem Rio Negro. Kein Zweifel, der Mann ist ein Pedant.

Aber während er durch komplizierteste Berechnungen die Ungenauigkeit seiner Meßgeräte auszugleichen versucht, begnügt er sich bei der Wiedergabe von Goethes Gedicht „Wanderers Nachtlied“, über dem noch heute gelehrte Köpfe in Zwist geraten können, mit dem denkbar schlichtesten Referat der Fakten. Die Fakten stimmen, aber alles andere, Versmaß, Rhythmus, Klang, Stimmung des Gedichts und dergleichen mehr - all das fällt unter den Tisch. Nicht zuletzt aus dem Gegensatz zwischen dem Genauigkeitswahn seiner Messungen und der Oberflächlichkeit der Gedichtwiedergabe erwächst der komische Effekt dieser Szene, die wie viele andere zeigt, was Daniel Kehlmann eben auch ist: ein großer Humorist.

Humboldt ist der Pflichtversessene, Gauß ist der fleißige Melancholiker

Aber das allein genügt nicht. Kehlmann bedient sich schlichter Effekte mit derselben Souveränität, mit der er über die „Disquisitiones Arithmeticae“ spricht, das Gauß'sche Hauptwerk. Wie klug und leichthändig dieser Autor dem Laienverstand die mathematische Fragestellungen von Gauß verständlich macht, wie er seine Figuren zeichnet und führt, Dialoge entwirft und Stimmungen wechselt, wie sorgfältig er darauf achtet, daß die Komik der Darstellung nicht dazu führt, daß seine Helden denunziert werden oder zur Karikatur verkommen, all das zeugt von hoher literarischer Kunstfertigkeit. Kehlmann, mit einem Wort, hat seine Sache im Griff. Darin liegt sein Können, aber bislang auch dessen Grenze. Er ist klug genug, nicht auf jede Frage eine Antwort zu geben, aber er kann nicht verhindern, daß der Eindruck entsteht, er wüßte sie, wenn man ihn nur danach fragte. Es fehlt, bei allen Vorzügen, etwas an diesem Buch, das sich so schwer benennen läßt: das Ungebärdige, Unvernünftige, Überflüssige, Überschießende, Widerständige, Widersprüchliche, Maßlos-Menschliche großer Kunst.

Am wenigsten spürt man dieses Defizit bei der Figur des Mathematikers Gauß. Humboldt ist der Pflichtversessene, Gauß ist der fleißige Melancholiker. Humboldt klagt über die vergeudete Sekunde, Gauß schickt ihr die Bemerkung hinterher, daß jeder Moment verloren sei. Humboldt denkt in jeder Sekunde seines Forscherlebens an die Nachwelt und seine künftige Stellung in ihr. Gauß weiß, daß die Zukunft die Vergangenheit lächerlich erscheinen läßt und kein Mittel existiert, sich dagegen zu wehren. Humboldt ist in der Darstellung Kehlmanns eine Gleichung, die glatt aufgeht, denn der Wettstreit mit dem Bruder Wilhelm und Alexanders verdrängte Homosexualität vermögen allzuvieles in diesem ungewöhnlichen Leben zu begründen. Gauß hingegen bleibt widersprüchlicher, unausgelotet. Ein Widerspruch im Befund ergibt sich daraus nicht: Autoren, die so lesenswerte Bücher schreiben wie Daniel Kehlmann, haben wir nicht viele.

Literatur

Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“. Rowohlt Verlag, Berlin 2008. 304 S., br., 9,95 Euro.

Quelle: F.A.Z. vom 22. Oktober 2005
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