Salman Rushdie

Im Heimatland der Phantasie

Von Tobias Döring
 - 08:08
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Vor zwanzig Jahren unternahm Salman Rushdie eine Reise ins Land seiner Kindheit. Mehr als ein halbes Leben, seit seiner Aufnahme in die englische Eliteschule Rugby, hatte er in Großbritannien verbracht. Mehr als ein halbes Leben war vergangen, seit seine muslimische Familie unter dem politischen Druck seine Geburtsstadt Bombay verlassen hatte und nach Pakistan gezogen war. Geblieben waren ihm Fotos, Geschichten, Erinnerungen. Nun aber, zum vierzigsten Geburtstag des unabhängigen indischen Staates - und acht Wochen nach seinem eigenen vierzigsten Geburtstag -, wollte er die alten Bilder mit der neuen Wirklichkeit vergleichen und erkunden, wie er schrieb, „ob Indien überhaupt existiert“.

Denn unterdessen war ihm dieser Ort längst zu einem Vexierbild geworden, einem „Heimatland der Phantasie“, das er sich mit Versatzstücken aus Erlebtem und Gelesenem, Erhofftem und Erinnertem schreibend zusammengefügt hatte. Sein großer, zweiter Roman „Mitternachtskinder“ von 1981, der dies leistet, ist bis heute nicht nur deshalb lesenswert, weil mit ihm die Postmoderne des Erzählens, die in der englischen Literatur zuvor nie recht heimisch werden wollte, ausgerechnet mit einem postkolonialen Autor triumphal zum Durchbruch kam. Aufregend und bewegend ist Rushdies Erfolgsbuch vor allem auch, weil es mit Witz, Sprachkraft und Scharfsinn vorführt, wie unerbittlich das Erzählen von Geschichten an die politische Geschichte gekettet bleibt. „Handcuffed to history“, mit Handschellen an die Historie gefesselt, so stellt sich hier der Held und Erzähler vor und gibt damit eine hellsichtige, fast unheimliche Selbstauskunft des Autors, dessen Lebensweg wie -werk genau davon geprägt werden sollte.

Da zeigt sich die Brisanz des Falls Rushdie

In der Familie Rushdie wurde einstmals gern gescherzt, dass 1947 die Geburt des Sohnes, genau zwei Monate vor Indiens Unabhängigkeit, das entscheidende Ereignis war, welches die Briten aus dem Land trieb. Der Witz bildet die Keimzelle für Rushdies späteren Roman, in dem sämtliche Kinder, die zur Mitternachtsstunde des politischen Neuanfangs auf die Welt kommen, Indiens weitere Geschicke auf magische Weise lenken und verantworten. Der Titel wurde sprichwörtlich: Als mit Rajiv Gandhi 1984 erstmals die Generation der Vierziger an die Macht kam, titelten indische Zeitungen „Enter Midnight's Children“. Wenig später nahm für Rushdie die Verkettung von literarischem Erzählen und politischer Geschichte eine brutale und brisante Wendung.

Als „Die Satanischen Verse“ ein Jahrzehnt nach der iranischen Revolution von Ajatollah Chomeini mit dem Mordauftrag gegen ihren Autor bedacht wurden, zeigte sich wie in einem grellen Wetterleuchten, was mit der Jahrtausendwende weltpolitisch bevorstand. Unsere öffentlichen Diskussionen, die damals mit den Bücherverbrennungen in islamischen Gesellschaften und westlichen Migrantenmetropolen losbrachen, haben sich keineswegs erledigt, wie die bizarren Auseinandersetzungen um Karikaturen oder Minarette in jüngster Zeit erst wieder zeigen. Wer die Freiheit des Wortes gegen tödliche Verbote lediglich mit dem Argument verteidigt, dass Kunst und Leben strikt zu trennen seien, gibt alle Literatur leicht einem folgenlosen Fabulieren preis. Was für eine Brisanz Rushdies Fall indes immer noch hat, zeigt der Protest erst von Iran und nun auch des pakistanischen Parlaments gegen die Verleihung der Ritterwürde durch die Queen.

Die Wenn und Aber des Erfindens

Rushdie selbst hat stets sehr nachdrücklich auf der eingreifenden Kraft des Phantastischen wie auf der Macht des Fiktionalisierens bestanden und sich just in den langen Jahren der Verfolgung dafür eingesetzt. Als Antwort auf die Fatwa schrieb er 1990 „Harun und die See der Geschichten“, eine wunderbar verdrehte Weltparabel, in der zwei Geister namens „Iff“ und „Butt“ erscheinen und die Machenschaften eines autoritären Herrschers durchkreuzen. Ihre Namen zeigen deutlich, dass es die Wenn und Aber des Erfindens sind, mit denen das Erzählen von Geschichten aller Macht der politischen Geschichte einen Freiraum abtrotzt.

Womöglich war es wirklich die Beharrlichkeit des Schreibens und Erzählens angesichts des angedrohten Todes - hiervon handelt auch „Des Mauren letzter Seufzer“ von 1995, sein bis heute wichtigster Roman -, die Rushdie über das Jahrzehnt seiner Verfolgung am Leben erhalten hat. Seit nunmehr sieben Jahren in New York zu Hause, hat er unterdessen zwar ein neues Leben aufgenommen und führt dennoch mit den neuesten Werken, wie zuletzt „Shalimar der Clown“, seine unendliche Reise nach Indien in die Heimatländer der Phantasie fort. In Anspielung auf George Orwell, der den Schrecken des Jahrhunderts am liebsten wie Jonas im Walfischbauch entkommen wäre, schrieb Rushdie, dass uns heute keine solchen Wale zur Verfügung stehen: „In unserer wallosen Welt, in dieser Welt ohne stille Winkel, kann es keine Flucht vor der Geschichte geben.“

Heute wird Salman Rushdie, der nach den Jahren der Flucht und der ständigen Bedrohung durch die Fatwa eher das Bad in der Öffentlichkeit als den stillen Winkel gesucht hat, sechzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z., 19.06.2007, Nr. 139 / Seite 39
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