Salman Rushdie in Berlin

Sein Leben geht uns alle an

Von Andreas Kilb
 - 18:01

Ab und zu tut es gut, sich daran zu erinnern, wie der weltpolitische Zweikampf des einundzwanzigsten Jahrhunderts eigentlich begonnen hat: mit einem Dichter und seinem Buch. Siebzehn Jahre ist es her, seit ein fanatischer Religionsführer aus Teheran zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie aufrief, dessen Roman „Die Satanischen Verse“ den Aberglauben der Islamisten verspottet hatte.

Daß Rushdie immer noch am Leben ist, daß er Bücher schreiben und publizieren kann, ist ein Trost für jeden denkenden Leser. Daß sich der Schriftsteller inzwischen sogar wieder leidlich frei in der westlichen Welt bewegen kann, daß er, wie er selbst sagt, seinen „normalen Dienst wiederaufgenommen“ hat, ist mehr als ein Trost, es ist ein Sieg der Vernunft und der Zivilisation. Ein Etappensieg, immerhin.

Sein Verständnis grenzt an Selbstverleugnung

Es gab weder Sicherheitskontrollen noch Leibwächter, als Salman Rushdie am vergangenen Freitag im Literarischen Colloquium Berlin sein neues Buch „Shalimar der Narr“ vorstellte. Statt dessen trat ein sichtlich angstfreier, souverän formulierender Romancier vor sein deutsches Publikum. Die Fatwa, das Todesurteil der Religionswächter, habe sein Denken geklärt, sagte Rushdie. „Es lehrte mich, wofür ich stand, wofür ich kämpfte. Es zeigte mir auch, wieviel Mut Menschen haben können.“ Denn nicht nur Rushdie selbst, auch seine Verleger und ihre Angestellten, sogar Buchhändler, die seine Romane verkauften, wurden bedroht. Es gab Anschläge, Verletzte, sogar Tote. „Aber niemand ist eingeknickt.“ Er sagt das mit Bewunderung und Stolz.

Rushdies neuer Roman erzählt die Geschichte eines Dorfgauklers aus Kaschmir. Als Shalimars Frau mit dem amerikanischen Botschafter durchbrennt, wird er zum Islamisten und durchläuft alle Stufen eines Terroristenlebens von der Ausbildung bis zum Attentat. Für Rushdie wäre es ein leichtes gewesen, seinen Helden der Lächerlichkeit preiszugeben, doch er hat ihn mit liebevollster Sorgfalt gezeichnet, mit einem Verständnis, das an Selbstverleugnung grenzt. Es komme darauf an, Shalimars Wandlung als freie moralische Entscheidung zu begreifen, erst dann sei sie wirklich schockierend, erklärte sein Schöpfer in Berlin. Als weiteres Beispiel für die Kunst, glaubwürdige menschliche Charaktere zu schaffen, nannte Rushdie einen „wonderful German film“: Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“. Auch Hitlers Paladine hätten sich bewußt zwischen Gut und Böse entschieden, das habe Hirschbiegel wunderbar gezeigt.

Die Freiheit, zumal wenn sie gegen den Aberglauben kämpft, braucht Symbolfiguren, Heldengestalten. Salman Rushdie ist eine solche Gestalt. Seit siebzehn Jahren trägt er die Rolle, welche er notgedrungen spielen muß, mit Würde, aber nicht ohne Mühen, die man auch seinen Büchern anmerkt. Inzwischen hat der Leidensdruck nachgelassen, wie man bei der Veranstaltung in Berlin sehen konnte. Aber die Drohung bleibt. Solange sie besteht, ist Rushdies Freiheit auch unsere, geht sein Leben uns alle an.

Quelle: F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite 40
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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