Salman Rushdie

Wörter-Chef

Von Jordan Mejias
 - 16:22

Salman Rushdie hat einen neuen Job, und er weiß schon, wie er ihn anpacken wird. Als neuer Chef des amerikanischen PEN-Zentrums will er, erstens, mehr Jugend anziehen und, zweitens, auch im politischen Leben mehr als nur ein Wörtchen mitreden. Zumal das letztere ist bei einem Mann nicht verwunderlich, der am eigenen Leib zu spüren bekam, wie schnell die Literatur ins gefährliche Getriebe der Welt geraten kann.

Rushdie aber denkt diesmal nicht gleich an die gesamte Welt, sondern bloß an die maßgebliche: Amerika. Die noch immer nicht aufgehobene, im Gegenteil erneuerte Fatwa läßt ihn inzwischen kalt. Schnee von gestern, so nennt er das Todesurteil, das als erster Ajatollah Chomeini über ihn verhängte. Jetzt fürchtet er sich vor Urteilssprüchen aus Washington, die ein Ende der Meinungsfreiheit bedeuten und damit dem Schriftsteller kräftig ins Handwerk pfuschen könnten.

Frage des Zeit-Managements

Eine künstlerische Überreaktion? Als er die Bühnenversion seines Romans "Mitternachtskinder" nach Amerika brachte, gab es Schwierigkeiten mit der Einreisebehörde. Wie sollte er also, ohne erneut das bekannt garstig Lied anzustimmen, ein von jeher kräftig politisiertes Amt verwalten, das nicht nur zur Repräsentation dient, vielmehr immer auch den Amtsinhaber verpflichtet, seine Stimme in den Debatten des Landes, wenn nicht der Welt zu erheben? Rushdie hat darin Übung.

In "Wut", seinem jüngsten Roman, der auch ein satirisches Porträt von Manhattan enthält, erwähnt er nicht von ungefähr Al Gush und George Bore. Einer von ihnen macht sich derzeit im Weißen Haus breit, zum Mißvergnügen Rushdies und der New Yorker Intelligenz, der er sich vor ein paar Jahren hinzugesellt hat. Darum darf die Kritik des indischstämmigen, lange in Großbritannien ansässigen Schriftstellers an Amerika als inländisch gelten, und als amerikanischer PEN-Häuptling ist er dazu ohnehin verpflichtet. Die Frage ist nur, wie das zeitlich alles unter einen Hut zu bringen ist.

Präsenz in Society

Um den nächsten Roman braucht sich niemand Sorgen zu machen, den wird er zwischendurch schon hinkriegen. Kann er aber auch im gewohnten Maße seine Präsenz in der New Yorker Society aufrechterhalten? Rushdie hat längst die rein literarischen Zirkel hinter sich gelassen. Statt, wie bisher, die Meinungsseite der "New York Times" zu beliefern oder sich etwa brav neben Susan Sontag zu setzen, um gemeinsam mit ihr Arundhati Roy zu lauschen, taucht er auch bei Diane Von Furstenberg auf, die zwar einem Präsidentschaftskandidaten schon mal eine Cocktailparty ausrichtet, sonst aber als Modeschöpferin wirkt.

Bei solcher Gelegenheit nimmt Rushdie neben Padma Lakshmi Platz, die als Model, Schauspielerin, Fernsehküchenmoderatorin und ab nächsten Monat auch als vierte Mrs. Rushdie in den New Yorker Klatschspalten geführt wird. Die gebürtige Inderin ist obendrein mit einer Verfilmung von Rushdies Kurzgeschichte "Das Nest des Feuervogels" beschäftigt, worin es um die Beziehung eines älteren Mannes mit einer jüngeren, in Indien geborenen Frau geht. Abermals scheinen die seherischen Kräfte, Grundausstattung jedes strebsamen Schriftstellers, zum Zuge gekommen zu sein. Es wird sich erweisen, ob Rushdie sie auch für sein PEN-Pensum fruchtbringend aktivieren kann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2004, Nr. 61 / Seite 44
Autorenporträt / Mejias, Jordan (J.M.)
Jordan Mejias
Feuilletonkorrespondent in New York.
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