Schriftsteller im Wahlkampf

Kollegen, das ist blamabel!

Von Richard Kämmerlings
 - 09:45
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Es gibt eine neue Form des Schriftstellerstreits in der deutschen Literatur: Man müßte sie die Under-Cover-Debatte nennen. Sie findet statt in Form von E-Mails, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind, aber als Rundbrief an Dutzende von Autoren verschickt werden, als brieflicher Dialog über abwesende Dritte, in Partygesprächen und einfach als Betriebsklatsch. Wo in diesen Tagen zwei oder drei Autoren zusammenkommen, da ist die Politik plötzlich mitten unter ihnen - und damit die Frage, ob man auch, na, man wisse schon, einen gewissen Aufruf bekommen habe. „Wie nur einen? Mich haben drei gefragt!“

Um das literaturpolitisch Besondere dieses Wahlkampfs 2005 zu erkennen, muß man die Erfahrung der letzten Jahrzehnte als Folie nehmen. Die Schriftstellerin Eva Demski beispielsweise blickt auf so manches Kapitel aus dem deutschen Dauerbestseller „Geist und Macht“ zurück. Geboren 1944, hat sie eine nahezu idealtypisch studentenbewegte Biografie: 1968 beendete sie ihr Studium, lebte in Frankfurt, einem Epizentrum der politischen Beben, war Apo-Mitglied, ihr damaliger Mann zählte zu den Strafverteidigern Gudrun Ensslins, ihre Werke kreisen oft um das Fortwirken der nationalsozialistischen Vergangenheit, in den Achtzigern stritt sie gegen die Startbahn West und das Waldsterben. Eva Demski ist, mit einem Wort, ein Paradebeispiel für eine engagierte Literatin.

Vielen Dank, lieber nicht

Für Eva Demski nun begann der Wahlkampf anno 2005 wie immer: Günter Grass, Klaus Staeck und andere Veteranen trommeln wie eh und je für die SPD. Irgendwann Mitte Juni flattert Frau Demski ein Schreiben der Hamburger Journalistin Anna Mikula ins Haus, die im Auftrag des Nobelpreisträgers um Unterschriften zur Unterstützung von Rot-Grün warb. „Mir kam das ganz nostalgisch vor, wie eine Sache von vor dreißig Jahren, als man das Vaterland am Abgrund sah. Ich bin aber zu dieser heroischen Grundstimmung nicht fähig gewesen“, sagt Eva Demski auf der idyllischen Terrasse im Frankfurter Dichterviertel und wundert sich immer noch sichtlich über den Tonfall des Wahlaufrufs aus dem Norden. Zu komplex erscheint ihr der Streit um den Königsweg in der Steuerreform, um das richtige Modell in der Gesundheitsvorsorge, um die Rettung der Rentenkasse. Zwar hat sie vor Grass, den sie seit langem kennt, jeden Respekt, aber sich hinter seiner Fahne einzureihen, das kommt für Demski 2005 nicht in Frage: Vielen Dank, aber ich würde lieber nicht.

Offenbar steht sie mit dieser Haltung nicht allein. Die Vorgeschichte: Bei einem ersten, sondierenden Treffen bei Grass in Lübeck sind nur eine Handvoll Autoren dabei; auf den schriftlichen Rundruf wenig später reagieren nur wenige mit Zustimmung; die meisten, wenn sie nicht gleich rundweg ablehnen, haben schlicht keine Lust, sich vor den Karren einer Partei spannen zu lassen. Als der „Spiegel“ vorprescht und über eine Schriftstelleraktion zur Wahl berichtet, hagelt es Dementis.

Zutiefst kleinbürgerliche Haltung

Gut einen Monat später bekommt Eva Demski - und mit ihr viele andere Autoren - noch einmal Post von Anna Mikula, angehängt ist diesmal eine Datei mit dem sprechenden Namen „Unterschreiben!.doc“: Mit den „lieben Kollegen und Kolleginnen“ geht das Schreiben hart ins Gericht: „Die Anzahl derer, die zu unterschreiben und also an einer öffentlichen politischen Debatte teilzunehmen bereit sind, ist, vor allem unter den jüngeren Kollegen, so verschwindend, daß es beinah eine Schande ist“, heißt es da. Manche hätten Probleme mit irgendwelchen Einzelaspekten von Rot-Grün, aber die meisten schreckten schlicht „davor zurück, ihren Namen in die Nähe von politischen Parteien rücken lassen, obwohl sie schon gern mal mit Grass diskutieren oder zu Schröders Kanzlerfest gehen würden“.

„Kollegen, das ist blamabel“ - auf die Schelte folgt eine Aufzählung rot-grüner Meriten und konservativer Makel, die in dem Satz gipfelt: „Wir wollen nicht von CDU/CSU regiert werden“. „Wir“ - das sind die Schriftsteller Eva Menasse und Michael Kumpfmüller, die Verfasser des Schreibens. Aber dieses „Wir“ ist auch das von ihnen unterstellte Kollektiv der Adressaten. Aber das existiert nur in der Fiktion. Viele Autoren sind empört. Eva Demski fühlt sich „abgekanzelt“; das Schreiben erinnert sie an solche, die man bekam, „wenn man von der Schule zu Wohltätigkeitsveranstaltungen überredet und am Portepee gepackt werden sollte - Reißen Sie sich endlich zusammen!“. Am meisten aufgeregt hat sie sich über den Hinweis auf die Einladungen des Kanzlers. „Wenn ich artig bin, darf ich am Tisch mitessen“ - das sei ja wohl eine zutiefst kleinbürgerliche Haltung.

Simulation von höchster Gefahr

Ein jüngerer Autoren wie Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975, ärgerte sich sehr über die „Simulation von Gefahr im Verzug und höchster Dringlichkeit“. Noch nie habe er ein Schreiben gesehen, in dem so oft das Wort „Kollegen“ vorkam, geradezu etwas „Gewerkschaftliches“ habe das gehabt. Thea Dorn machte ihrem Unmut im Feuilleton Luft und sprach sich, wie zuvor schon Monika Maron in dieser Zeitung, offen für Merkel aus. Nachdem Eva Menasse in der „SZ“ ihre Kollegenschelte noch einmal wiederholte, antwortet Tanja Dückers, Jahrgang 1968, auf diese „Pseudo-Agitation“ mit der gereizten Feststellung: „Politisch sein“ heiße bei einem Intellektuellen stets „politisch unabhängig sein“.

Eva Menasse und Michael Kumpfmüller können die Erregung über ihre Intervention gar nicht verstehen. Wir sitzen im Garten des Cafe Einstein im Berliner Westen, zwischen Kreuzberg und Schöneberg, wenn man so will, am komplementären Brennpunkt der alten Bundesrepublik, der sorgenfreien Zone. Es ist kurz vor der Wahl, schönstes Spätsommerwetter. Für die beiden, auch privat ein Paar, sei früh klar gewesen, daß man sich engagieren wollte. Die Grass'sche Einladung nach Lübeck rannte bei ihnen offene Türen ein. Doch schon beim Treffen habe sich eine Differenz zwischen jenen Autoren gezeigt, die nur über Politik diskutieren, und den (wenigen), die auch mit einer Partei in Verbindung gebracht werden wollten.

Es wollte fast keiner

Immer wieder hatten die beiden sich danach bei Anna Mikula nach dem Stand der Dinge erkundigt - und waren konsterniert. Menasse: „Ich hatte ja anfangs die Vorstellung, da stünden fünfunddreißig Schriftsteller auf der Matte.“ Aber es wollte - fast - keiner, und so habe man mit dem Rundbrief die Zögernden überzeugen wollen. Plötzlich drängt es Kumpfmüller, ein Bekenntnis abzulegen, eine Bekehrungsgeschichte nach dem Saulus-Paulus-Prinzip: „Ich gehöre zu einer Generation, die politisch gelähmt ist. Wir sind von den Achtundsechzigern erzogen und mit dem Engagement-Befehl in die Welt geschickt worden: Seid für die Schwachen, für die Opfer, gegen den Faschismus und so weiter. Viele haben da schwere Allergien bekommen: Das war ja eine Hybris des Gutmeinens“.

Aber gegen diesen gewissermaßen angeborenen Abwehrreflex drängte sich die Erkenntnis auf, daß man sich für diesen Staat in der zugespitzten Situation eines Wahlkampfs auch parteipolitisch engagieren muß.Und wie um diesem staatsbürgerkundlichen Exkurs noch die Spitze aufzusetzen, bedauert es Kumpfmüller sogar, daß es keine entsprechende Initiative auf CDU-Seite gegeben habe. Beim Vorwurf der Anmaßung gerät er richtig in Rage: Jeder dürfe sich äußern, warum denn ausgerechnet der Schriftsteller nicht. Der sei doch der Nachfolger des Wanderpredigers, er gehe auf Lesereise und stifte Sinn. Jeder Schriftsteller sei darauf aus, sein Publikum zu erziehen: Eine moralische Unterweisung sei immer dabei. Kumpfmüller, dessen letzter Roman den authentischen Fall einer Mutter aufgreift, die ihre zwei Kinder verdursten ließ, nimmt man das sofort ab. Aber welcher Prediger läßt sich schon gern selbst erziehen?

Von rechts zur SPD

Als der Wahlaufruf schließlich veröffentlicht wird, sind neben den üblichen Verdächtigen Grass, Rühmkorff oder Johano Strasser an jüngeren Autoren noch Feridun Zaimoglu, Benjamin Lebert und Juli Zeh dabei, insgesamt etwa zwanzig. Wer nicht mitmacht, steht damit noch lange nicht im CDU-Lager: Ingo Schulze sagt im Gespräch, er wünsche sich eine stärkere Berücksichtigung der Linkspartei, die immerhin im Osten zur Marginalisierung der Rechten geführt habe. Auch Uwe Timm sagt, er halte rot-grün-rot für die interessanteste Option - mit Grass und den jüngeren Autoren sei da aber nichts zu machen. „Wir kommen ja von rechts zur SPD“, sagt Eva Menasse.

Warum aber spricht der Schriftsteller, der Zugang zu den Medien hat und politische Essays schreiben kann, nicht einfach nur für sich? Da wird Kumpfmüller fuchsig; er verstehe diesen ganzen Gegenimpuls ja nur zu gut. Aber gerade deswegen habe er sich gedacht: Da mitzumachen und zu unterschreiben - das sei jetzt „wirklich cool“, denn das Zögern sei doch das Erwartbare. Da ist man mit einem Mal auf dem Terrain kultureller Distinktionen, der „feinen Unterschiede“ Bourdieus, als sei die ganze Aktion nur ein Spiel um Codes, die literarische Retro-Mode der Saison: Engagement als Farbe des deutschen Herbstes.

Das Land vorm Abgrund retten

Doch je komplexer die politische Lage und je differenzierter die Debatte um Steuern, Rente oder Gentechnik, desto mehr wird die drängelnde Forderung nach parteipolitischem Einsatz als Anmaßung empfunden. Die Haltung Burkhard Spinnens dürften viele teilen: Er könne, sagt er, den Komplexitätsgrad der Probleme einfach nicht mehr auf eine politische Lagerentscheidung reduzieren. Für Daniel Kehlmann würde die „beschädigte Form“ des Manifests erst dann wieder zur ultima ratio, wenn die Demokratie in Gefahr gerate. Unter zivilen Umständen habe das etwas enorm Wichtigtuerisches. Für Demski liegt schlicht eine „Rollenverwechslung“ vor. Die Schriftstellerin sei keine praeceptoressa Germaniae, die das Land vor dem Abgrund retten müßte.

Die Vorbehalte gegen den kollektiven Aufruf verstehen Menasse und Kumpfmüller ihrerseits als einen „sehr ungenau zuende gedachten Reflex“ auf die Rolle der Schriftsteller im Totalitarismus. Jetzt seien sie plötzlich diejenigen, die Meinungsterror ausübten! Für sie ist es gerade umgekehrt: „Der Druck ist doch: Haltet das Maul!“ Die empfindlichen Reaktionen erklärt Kumpfmüller psychoanalytisch als Abwehrreaktion: „Die Erregung sagt was über die Leute - da ist was dahinter, wenn sich jemand aufregt.“ So hat jeder Verweigerer eben schlicht ein Problem, einen Engagementknacks, den der davon selbst einst gelähmte Kumpfmüller bereits durchschaut und überwunden hat: Wahlkampf als Verhaltenstherapie.

Es ist merkwürdig: In diesem Wahlkampf lehnen sich diejenigen am weitesten aus dem Fenster, die für die geringsten Veränderungen eintreten und die kleine Münze der „schmerzhaften Reformen“ in beschwörende Appelle wechseln. Wer - wie Timm oder Schulze - die WASG ins Spiel bringen will oder - wie Spinnen oder Dückers - jede „Verhaftung“ für politische Lager oder Personen ablehnt und Utopien und Zukunftsvisionen für den genuinen Wahlbezirk des Schriftstellers hält, ist dagegen kaum zu hören. „A bissel was“, sei doch bewegt worden, sagt Eva Menasse zufrieden - von Scheideweg und Gefahr im Verzug ist da wenig zu spüren. Eva Demski zürnt noch immer. Deutschland im Jahr 2005? „Zur Apokalypse reicht es einfach nicht.“

Quelle: F.A.Z. vom 14.09.2005
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