Simenon-Staffel 9

Die Überlebenden der Télémaque

Von Tilman Spreckelsen
 - 10:24

Sprechende Namen - Simenons Werk, zumal das der dreißiger Jahre, ist bekanntlich voll davon. Und oft genug erschöpft es sich in einem netten Kommentar zum Geschehen. Hier trägt die Sache allerdings ein bisschen weiter als sonst. Weil das Schiff, dessen Überlebende aneinander zu Kannibalen wurden, „Telemaque“ heißt.

Was nicht nur auf den Sohn des Odysseus verweist und hier also auf die auf Vatersuche befindlichen Söhne der Schiffbrüchigen, sondern auch auf das gleichnamige, in Frankreich bis ins 20. Jahrhundert verbreitete Buch von Fénélon. Es ist eine sehr freie Bearbeitung Homers, betont aber die Rolle des weisen Mentor für den jungen Telemaque. Er erklärt ihm die Welt, behütet ihn vor überall lauernden Fallstricken und lässt so nie das Gefühl aufkommen, hier wäre ein junger Mann allein und hilflos in einem verschlossenen Kosmos. Bei Simenon ist es exakt umgekehrt.

Geschrieben: Dezember 1936, in Igls (Tirol).

Die Handlung in einem Satz: Ein Rentner wird ermordet, ein junger Kapitän verhaftet, dessen Bruder versucht nun, den wahren Täter zu finden.

Spielt in: Fécamp und Dieppe

Momente des Glücks: Am schönsten sind sie immer als Wunschtraum. Wahr geworden, sind sie ein bisschen schal. Hier ist das besonders deutlich.

Familienbande: Der Vater ist tot, die Mutter verrückt - kein Wunder, dass die Brüder eisern zusammenhalten. So hilfreich Familie hier sein mag, so unschön ist auch das Erbe, das in diesem Roman die Jungen von den Alten, die Söhne von den Vätern übernehmen.

Seines Bruders Hüter

Bruderliebe - ja sicher, Charles Canut widmet sich mit vollem Einsatz der Aufgabe, seinen überall beliebten und nun des Mordes verdächtigen Bruder Pierre reinzuwaschen, weil er ihn liebt und an ihm hängt, wie all die anderen in der normannischen Fischerstadt Fécamp. Sie klopfen ihm auf die Schulter, auch wenn sie keine Sekunde lang an den Erfolg seiner Bemühungen glauben - „du wirst wieder eine Dummheit machen“, sagen sie. Und wenn es darum geht, die streikenden, nach Pierre rufenden Fischer zum Arbeiten zu bringen, dann kommt Charles gerade recht.

Er ist in diesen Tagen aufs Allerkenntlichste das, was er all die Jahre war: der Bruder von Pierre. Dass er sich fragt, ob seine Geliebte, die passive Kellnerin Babette, nicht eigentlich viel lieber mit Pierre zusammen wäre, gehört dazu. Und auch, vielleicht, wie es denn wäre, nach all den Jahren aus Pierres Schatten zu treten. Dann sorgt er, mit einem geradezu Maigrethaften Folgen und Anstarren der Verdächtigen, dafür, dass Pierre rehabilitiert wird. Und keiner kriegt es so recht mit.

Lieblingssatz: „Er wollte es, weil er traurig war, weil er in diesem Augenblick an nichts mehr glaubte, weil er sich, abgesehen vom ganzen Unglück der Welt, an nichts mehr gebunden fühlte.“

Quelle: FAZ.NET
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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