Der Suhrkamp-Streit

Dies ist kein Schundroman

Von Frank Schirrmacher
 - 10:56

Jenseits des rein juristischen Sachverhalts im großen Suhrkamp-Streit, für den die Richter in Berlin und Frankfurt Formulierungen fanden, die mehr kulturelles Verantwortungsbewusstsein verraten, als manche aus dem Kulturbetrieb es an den Tag legten, geht in der Causa so viel durcheinander, dass vielleicht ein paar Klarstellungen helfen können. Der eine Handlungsstrang des Dramas ist schnell erzählt. Er reduziert sich im wesentlichen auf den hier angeblich manifesten Konflikt von Geist und Geld.

Dass der Investor Hans Barlach Rendite sehen will, ist sein gutes Recht und im Interesse der Autoren, die ihn jetzt dafür im Namen eines abstrakten Kulturbegriffs angreifen. Der Suhrkamp-Verlag ist ein profitorientiertes Unternehmen. Niemand wusste das so genau wie Siegfried Unseld. Sein kaufmännisches Geschick war legendär. Wer will, kann das in den zahlreich vorliegenden Briefwechsel mit Autoren nachlesen.

Journalistische Verkitschung

Die entscheidende Frage ist, ob Barlach versteht, was Unseld vormachte: dass man als Verleger vor allem in Phantasie und Kreativität investiert, manchmal ohne die Hoffnung, jemals einen bezifferbaren „return“ zu erhalten. Goethes „West-Östlicher Divan“ war bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als Erstausgabe beim Verlag erhältlich, weil er sich so schlecht verkaufte. Die Frage, ob Hans Barlach das Werk verramscht hätte, ist ebenso legitim wie seine Renditeerwartung.

Aber dieser Teil der ganzen Geschichte ist noch der harmloseste. Der andere ist die journalistische Verkitschung des Teils, für den die Verlegerin Ulla Berkéwicz steht. Wer wissen will, wo heute noch „Herz“ auf „Schmerz“ und „Liebe“ auf „Triebe“ gereimt werden, lese nach, wie mancher Journalist sich seinen Reim auf den Zwist im Hause Suhrkamp macht. Dann kann man erkennen, wie ein ernster Verlagskonflikt in die Version fürs Poesiealbum zurechtgestutzt wird: Das Falsche wird passend gemacht, weil es gut klingt. Banale psychologische Deutungen von Mensch und Welt, die Literaturkritiker in keinem Gedicht, in keinem Drama, in keinem Roman durchgehen lassen würden, fließen aus ihrem übervollen Herzen, wenn sie selbst in die Tasten greifen. Weil Kitsch immer auch perfide ist, verbirgt sich dahinter nicht nur ein ästhetischer sondern auch ein moralischer Defekt.

Klischees statt Einsicht

Ulla Berkéwicz, las man beispielsweise vor wenigen Tagen, sei 1982 „quasi über Nacht in der Suhrkamp-Szene aufgetaucht“ und habe „den für weibliche Reize ohnehin anfälligen Unseld in ihren Bann geschlagen“. Abgesehen davon, dass junge Autoren und Autorinnen immer über Nacht auftauchen, ist das von jenem Weltverständnis geprägt, wie es sich in den Herzen der Kitschgroßmeisterin Friederike Kempner malte - nur mit dem Unterschied, dass dies sich jetzt als Kritik und Erkenntnis verkauft, wo es doch nichts anderes ist als eine Masche: Liebesblinder Verleger verfällt über Nacht junger Autorin.

Da ist Stoff für viele „sequels“, in der die Illegitimität der Beziehung und des Anspruchs der Thronfolgerin, Verlagserbin oder Geschäftsführerin in Frage steht. Dass „Josef stirbt“, das erste Suhrkamp-Buch von Berkéwicz, ein von der Kritik bejubelter Erfolg war, gehört dann freilich zu den geschnittenen Szenen dieser Nummernoper. Ebenso wie die Tatsache, dass der nun legendäre Siegfried Unseld in den letzten fünf Jahren seines Lebens von vielen Kritikern als Mann abgestempelt wurde, der besser heute als morgen Platz für einen Nachfolger machte. Wer ihn kannte, weiß, wie fassungslos er angesichts dieses imaginären Todeswunschs war - wer es nicht glaubt, kann das alles nachlesen.

Unselds Vermächtnis

Hier nun kommt der Handlungsstrang Ulla Berkéwicz ins Spiel. Was immer die Verlegerin falsch macht, wie viel Porzellan ihr Credo „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ auch zerschlagen hat - an der Legitimität ihres Anspruchs kann kein Zweifel bestehen. Siegfried Unseld hatte Mitte der neunziger Jahre in vielen Gesprächen die Architektur des Suhrkamp-Verlags nach seiner Zeit erörtert. Ihm schwebte eine Stiftungskonstruktion vor, wie sie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ als Garant ihrer Unabhängigkeit trägt. Er fand sogar, dass das Herausgebermodell auf den Verlag übertragbar wäre.

Er führte seinerzeit viele solcher Gespräche. Wir trafen uns oft, mit dabei war auch Graf von der Goltz, der einst BMW gerettet hatte, und Hans-Wolfgang Pfeifer, langjähriger Geschäftsführer der F.A.Z.. Unseld wurde damals vorgeworfen, jeden seiner potentiellen Nachfolger aus dem Verlag gedrängt zu haben - auch das war eine unfaire Reduktion eines vielschichtigen Prozesses auf ein paar psychische Befindlichkeiten. Vor allem aber entspricht nicht den Tatsachen, dass Ulla Berkéwicz sich in den Verlag hineingedrängt hätte. Tatsächlich - jeder, der es aus der Nähe erlebte, wird es bezeugen können - hatte Siegfried Unseld seine Frau geradezu bedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen.

Eines Tages bat er mich (und gewiss auch andere), auf sie einzuwirken. Sie sah voraus, dass ihre Karriere als Schriftstellerin unweigerlich Schaden nehmen würde, und sie sah voraus, dass der Betrieb sie als Usurpatorin attackieren würde. Es war ein langer Prozess, bis sie sich dazu überreden ließ. Alle Anspielungen auf die Illegitimität ihres Anspruchs haben mit dem, was wirklich geschah, nichts zu tun.

Diese historische Klarstellung ist notwendig, um dem aktuellen Billig-Drama um Erbschleicherei und Selbstbereicherung vielleicht endlich die Giftzähne zu ziehen. Und nicht nur das: Den Suhrkamp-Verlag gäb es schon lange nicht mehr, wenn Ulla Berkéwicz auf den Pflichtteil des Erbes bestanden hätte. Sie hatte nicht nur darauf verzichtet, sondern zudem einer Konstruktion zugestimmt, die ihre faktischen Besitzrechte an dem Verlag für alle Zeit auf die Stiftung übertragen. Kaum eine von Hans Barlachs polemischen Bemerkungen hat ihn deshalb auch mehr disqualifiziert als die Behauptung, Ulla Berkéwicz mache gleichsam einen Verlag nur für ihre eigenen Bücher.

Das letzte Wort haben die Autoren

Die Geschichte so zu erzählen, wird die über „weibliche Reize“ dichtenden Verseschmiede nicht stoppen, aber vielleicht etwas unglaubwürdiger machen. Man kann gewiss viel Kritisches über die Verlegerin sagen, aber was hier geschieht, geht gegen die bürgerliche Ehre. Neutralisiert man das Gift in dem aktuellen Streit, bleibt eine glasklare juristische Auseinandersetzung übrig. Über deren Folgen sprechen nicht die Richter das letzte Wort und auch nicht die Kritiker, sondern die Autoren. Die werden allerdings, alles andere wäre pure Romantik, nicht nur auf das Renommee ihres Verlags, sondern auch auf dessen Ertragslage und ihr Konto schauen.

Quelle: F.A.Z.
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