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Suhrkamp-Gesellschafter Barlach

Gäbe ich auf, müsste ich Schmerzensgeld kriegen

 - 15:18

Sie glauben, dass Sie der Richtige sind, den Suhrkamp Verlag zu leiten. Wieso?

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Ich bin schon lange im operativen Geschäft von Verlagshäusern tätig. Ich habe die „Hamburger Morgenpost“ geleitet, bei der Fernsehzeitschrift „TVtoday“ war ich Herausgeber, und außerdem habe ich den Nachlass von Ernst Barlach betreut. Da mein Großvater nicht nur ein bildhauerisches, sondern auch ein literarisches Werk hinterlassen hat, hatte ich dabei auch mit Lyrik und Dramen zu tun. Verlagsarbeit ist mir also bekannt. Aber heutige Verlagsarbeit sieht anders aus als früher. Verleger haben weniger repräsentative Aufgaben als vielmehr solche, die mit Finanzmanagement und Risikokapital zu tun haben. Dazu bin ich in der Lage. Es wurde ja verbreitet, dass der Erfolg von Suhrkamp sich so etwas wie der Erbfolge verdanke. Aber auch in Verlagen gilt das Leistungsprinzip.

Und das Berliner Urteil?

Der normale Gang in einer Gesellschaft, in der Gesellschafter und Geschäftsführung unabhängig voneinander sind, wäre nun, nach einer neuen Geschäftsführung zu suchen, die von den Autoren akzeptiert wird. Das passiert aber nicht. Stattdessen behaupten die Anwälte Suhrkamps, der Rechtsstreit ziehe sich mit Revisionen noch mindestens ein Jahr lang hin. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber so oder so wird die Entscheidung auf den Verlag zurollen. Daher wäre es jetzt so wichtig, dass sich die Gesellschafter zusammensetzen und verständigen. Dass die jetzige Geschäftsführung nach dem Vorgefallenen das Vertrauen der Medienholding Winterthur nicht hat, ist klar. Es geht ja in der Auseinandersetzung nicht nur darum, dass man bei dem Abschluss des Mietvertrags einen Fehler gemacht hat. Es geht darum, dass uns als Mitgesellschafter dieser Mietvertrag anderthalb Jahre lang verschwiegen wurde, obwohl die Geschäftsführung dazu verpflichtet war, uns darüber zu informieren. Wir haben das zufällig entdeckt. Es wurden Möbelstücke, Küchen und so weiter im Wert von 280.000 Euro gekauft, die jetzt zurückgezahlt werden müssen. Es geht darum, dass in der Villa von Ulla Unseld-Berkéwicz umfangreiche Kosten entstanden sind. Da gibt es Haushälterinnen, Chauffeure, Catering - alles Ausgaben, die mit uns nie abgestimmt wurden und auch nicht unsere Zustimmung finden.

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Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Der Grund, warum Sie prozessiert haben, war, dass Sie als Mitgesellschafter hätten informiert werden müssen?

Wir sehen in dem Vorgang eine Untreue.

Aber dazu fehlt womöglich der Vorsatz, immerhin ist es nur ein geringer Betrag, der da überschritten wurde.

Aber wir leben ja in einem Rechtsstaat. Der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung hat mich regelmäßig belehrt, dass ich mir, wenn ich nicht einverstanden bin, einen Richter suchen soll. Das haben wir getan - und jetzt sind die ganz überrascht.

War nicht spätestens nach dem Vergleichsangebot des Berliner Gerichts klar, wohin der Richter tendiert?

Deshalb nehme ich das einem erfahrenen Anwalt wie Peter Raue auch nicht ab, dass er von dem Urteil überrascht war.

Würden Sie sich mit Frau Unseld-Berkéwicz an einen Tisch setzen und gemeinsam versuchen, die Situation zu lösen?

Wir haben immer Gesprächsbereitschaft gezeigt. Aber uns wird ja immer unterstellt, dass wir nur an der Rendite eines Unternehmens Interesse hätten. Das ist nicht der Fall. Wir sind daran interessiert, dass Suhrkamp zukunftsfähig ist. Wir sind daran interessiert, dass man auch in Zukunft ins Programm investieren kann. Das geht aber nur, wenn das Unternehmen Gewinne erwirtschaftet.

Was zuletzt nicht immer der Fall war?

Wenn ich jetzt sage, was Sie hören wollen, dann habe ich morgen wieder eine Klage am Hals, dass ich Geschäftsgeheimnisse verrate. Aber glauben Sie mir: Ich mache mir große Sorgen.

Und signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft?

Ich kann so lange nicht Gesprächsbereitschaft signalisieren, solange die Familienstiftung in Frankfurt gegen mich eine Ausschlussklage führt. Daraufhin habe ich ja die Widerklage eingereicht. Und darüber hinaus, sofern meine Widerklage nicht zum Erfolg führt, die Auflösung der Kommanditgesellschaft beantragt. Das wäre meiner Ansicht nach eine Chance für einen Neuanfang. Dann hätte keiner mehr die Mehrheit, und der Geschäftsführer bekäme den Auftrag, das Kommanditkapital am Markt anzubieten. Dann könnte Frau Unseld-Berkéwicz Suhrkamp-Anteile kaufen, ich könnte das tun oder ein Dritter. Der Verlag an sich bliebe erhalten. Dass es so kommt, kann ein Gericht verfügen. Einer Ausschlussklage stattzugeben wäre gravierender. Weil das ja mehr oder weniger zur Enteignung eines Gesellschafters führte. Da muss viel vorgefallen sein. Letztlich geht es um die Frage, wer schuld ist an der Zerrüttung des Unternehmens.

Wie viele Prozesse werden geführt?

Am Frankfurter Landgericht sind es drei, es gibt mehrere in Berlin, außerdem die Berufungsverfahren, aber bei der genauen Zahl muss ich passen. Mein Hauptvorwurf ist, dass die Familienstiftung sich nicht an die Gesellschaftsverträge hält.

Sie meinen die Vermietung der Villa von Ulla Unseld-Berkéwicz an den Verlag?

Zum Beispiel. Um es klar zu sagen: Das erstinstanzliche Urteil sagt ganz klar, dass Frau Unseld-Berkéwicz mit diesem Mietvertrag ihre Villa und letztlich ihr privates Leben mitfinanziert. Das hätte sie bei mir als Gesellschafter zwar beantragen können, und hätte sie es getan, hätten wir über das Für und Wider gesprochen, und vielleicht wären wir zu einem Ergebnis gekommen.

Sie beklagen, dass Frau Unseld-Berkéwicz nicht mit Ihnen spricht.

Es hat ja seit 2003 keiner lange an ihrer Seite ausgehalten. Herr Berg ist nach sechs Wochen gegangen, der Nächste ging nach achtzehn Monaten, Rainer Weiss 2006 und Herr Roeder anschließend. Es gibt heute niemanden mehr, der den alten Verlag noch kennt. Dabei ist dieser Verlag einmalig in Deutschland. 55 Prozent des Umsatzes verdient er über die Backlist, und deshalb hat er so stabile Umsätze. Es ist doch grotesk, dass Peter Raue behauptet, ich passte nicht in die Suhrkamp-Kultur. Da versteigt sich übrigens nicht nur Herr Raue zu Formulierungen über meine Person, die ich nicht wiedergeben will.

Dass man Sie als Heuschrecke bezeichnet, meinen Sie?

Als Heuschrecke werde ich bezeichnet und mein Großvater als Grobschlächter. Und wenn mich einer Hänschen nennt, jemand, den ich gar nicht kenne, dann macht mich das sprachlos. Da fühle ich mich persönlich betroffen. Natürlich bin ich stolz, Enkel von Ernst Barlach zu sein. Und ich habe nie gesagt, dass mich das dazu befähige, Suhrkamp zu leiten. Ich habe mit einigen Verlagen gearbeitet, die gibt es heute alle noch, und die haben alle noch ihre Mitarbeiter. Worüber reden wir also? Eine Heuschrecke ist jemand, der ein Unternehmen zerschlägt und die Anteile in alle Winde verkauft.

Nehmen wir an, Sie könnten Suhrkamp übernehmen. Wie sähe der Verlag aus?

Erst mal würde ich jemanden zur Mitarbeit bewegen, der sich auf das Geschäft mit den Autoren versteht. Das sind ja großartige Lektoren bei Suhrkamp, und der Verlag hat eine tolle Struktur. Ich würde mich bemühen, die Struktur zu behalten.

Sie würden also nicht, wie es heißt, den Apparat verschlanken wollen, von dem es doch heißt, er sei zu groß?

Es wäre natürlich eine Hilfe für den Verlag, wenn man die Strukturdaten einhalten würde. Dann würde ich den Beirat mit Autoren besetzen. Im Moment sitzen da Helmut Markwort und ich drin und zwei Prozessanwälte von Frau Unseld-Berkéwicz. Da können sie sich gar nicht vortrefflich über den Verlag unterhalten, weil das inhaltlich eine andere Ebene ist. Mir würde schon viel einfallen, was man in so einem Verlag anders machen könnte.

Was für Bücher würden Sie gern machen?

Frau Unseld-Berkéwicz hat zwölf Bücher geschrieben, die in siebzehn Sprachen übersetzt sind. Der Verlag hat mit diesen Büchern 2010 fünfhundert Euro Umsatz gemacht und 2011 achthundert Euro. Dass man sich einen Verlag leistet, um die eigenen Bücher herauszubringen - ich bin nicht der Meinung, dass man das muss. Ansonsten ist Suhrkamp natürlich ein Riesenmagnet für junge Autoren. Aber die Beurteilung darüber, wer dazu passt und wer nicht, diese Entscheidung überlässt man natürlich den Lektoren bei Suhrkamp, das geschieht bei der Lektorenkonferenz. Da setze ich mich doch nicht hin und sage, mein Freund Paul und meine Freundin Bettina ...

Wie sieht Ihre Suhrkamp-Vision aus? Was würden Sie gern in den Vordergrund stellen, mehr Geistesgeschichte, mehr Belletristik?

Wir sind ein modernes Unternehmen, eingebettet in ein Finanzmanagement. Da sind wir darauf angewiesen, auf unsere qualifizierten Mitarbeiter zu hören. Das hat auch Unseld immer gesagt. Sein Geheimnis war ja nicht, dass er neue Autoren gefunden hat, sondern dass er die alten ans Haus binden konnte. Natürlich muss man Risiken eingehen. Die muss man auch bezahlen, wenn Lektoratsgutachten das empfehlen. Da kann man jetzt nicht sagen, welche Autoren man gern hätte. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und darum, dass man ins Programm investieren kann. Natürlich muss ich mich mit Agenten auseinandersetzen, wenn ich Bücher kaufen will. Dafür brauche ich aber einen gesunden Verlag. Ich habe kein Sendungsbewusstsein. Suhrkamp hat Profilierung genug. Im Verlag gibt es 26 Buchreihen. Die kann man sich ansehen, dann sieht man, wofür Suhrkamp steht. Sie wollen wissen, welche Autoren ich da sehen möchte? Da sage ich Ihnen, dann müsste ich einen neuen Verlag machen.

Es könnte doch sein, dass Sie eine bestimmte Richtung interessiert, die Literatur Südamerikas, die Denker des achtzehnten Jahrhunderts, irgendwas ...

Also, der Verlag ist gut aufgestellt, er hat eine gute Struktur, auch was die Autoren betrifft. Da möchte ich erst mal nur aufmerksam schauen, wohin das geht. Und zuhören, was die Lektoren und Literaturspezialisten sagen. Ich bezeichne mich ja nicht als Literaturspezialisten, sondern nur als Literaturfreund. Das heißt aber nicht, dass ich das Unternehmen nicht begriffe, dass ich nicht wüsste, wie Suhrkamp funktioniert, jetzt, nach sechs Jahren. Es ist jedenfalls kein Betriebsunfall der Geschäftsführung, dass dieser Verlag wirtschaftlich nicht so gut dasteht wie andere Verlage.

Sie haben das Kaufangebot der Familienstiftung abgelehnt. Sie sind also nicht so weit zu sagen: Ich hatte sechs Jahre lang mit Prozessen, einstweiligen Verfügungen und Berliner Intellektuellen zu tun. Ich lasse mir das vergolden und gehe meiner Wege?

Nein, und ich glaube, es wäre für den Verlag auch nicht die beste Wahl. Und überhaupt: Von wem reden wir hier? Berliner Intellektuelle sehe ich in diesem Kreis, von dem wir hier sprechen, kaum.

Sie könnten es aber doch auch einfach sein lassen mit Suhrkamp.

Wenn ich jetzt ausschiede, dann müsste ich Schmerzensgeld beantragen. Das ist doch das, was dort seit Jahren passiert. Dass die Minderheitsgesellschafter außerhalb der Familienstiftung beleidigt werden, das kennen wir schon. Das geht so seit 2003, und damals war nicht ich, sondern Andreas Reinhart Inhaber der Medienholding. Der ist ja 2006 vor dem ganzen Ärger geflohen. Nun sind wir zum ersten Mal an einem Punkt, an dem die Familienstiftung ihre Existenz gefährdet. Dieses Mal ist sie meines Erachtens zu weit gegangen. Und jetzt sollte ich aufgeben?

Das kommt Sie ganz schön teuer, allein was da an Anwaltskosten anfällt.

Das stimmt. Aber für die andere Seite ist es genauso teuer wie für mich. So eine Auseinandersetzung kostet mich jeden Monat 60.000 bis 70.000 Euro.

Die Familienstiftung hat als Erste den Antrag auf Ausschluss Ihrer Medienholding aus der Gesellschaft gestellt. Was würden Sie sagen, wenn die Stiftung den Antrag zurücknähme? Wäre das ein erster Schritt, der beide Seiten aufeinander zugehen ließe?

Ich kann mir vorstellen, dass sich die Situation auf diese Weise entschärfen ließe. Dazu müsste man sich auf einen Geschäftsführer einigen. Jede Seite ginge auf ihre Position zurück, Frau Unseld-Berkéwicz auf ihre Familienstiftung und Barlach auf seine Medienholding, und dann schlösse man Frieden. Dann würde man die entsprechenden Beiräte und Gremien mit den richtigen Leuten besetzen, also mit Autoren und Beratern, die unabhängig agieren könnten und mit einem Vetorecht ausgestattet würden - ganz so, wie es Siegfried Unseld einmal geplant hatte. Dazu ist es ja nie gekommen. Diesen Weg kann ich mir vorstellen. Und ich habe auch Vertrauen, dass man im Verlagsbereich einen Geschäftsführer fände.

Nennen Sie Namen?

Das wäre für viele eine Herausforderung.

Hans Magnus Enzensberger hat gerade angekündigt, Suhrkamp zu verlassen, wenn Sie die Mehrheit übernehmen. Was sagen Sie dazu?

Ich schätze ihn als Autor. Ich kenne ihn nicht persönlich. Ich kenne seine Schriften und Bücher zur zum Teil. Natürlich nicht alles. Ich bin kein wirklicher Kenner des Gesamtwerkes von Enzensberger. Es ist natürlich auf der einen Seite ehrenwert, dass er solidarisch mit Frau Unseld-Berkéwicz ist, auf der anderen Seite kennt er mich ja auch nicht. Ich stelle mich ja nicht vor Herrn Enzensberger und sage: „So ich bin jetzt Ihr Chefverleger. Und wenn Sie am Ende nicht machen, was ich will, dann werden Ihre Bücher nicht gefördert.“ Ich bedaure das, wenn Herr Enzensberger sagt, wenn der komme, dann gehe er. Aber ich komme ja gar nicht. Sondern wenn, dann kommt jemand, mit dem er höchstwahrscheinlich einverstanden ist.

Aber es bliebe dabei, dass Sie als Gesellschafter in der Minderheit sind, weil die Familienstiftung mit 55 Prozent in der Verlagsleitung das letzte Wort hat.

Ja, aber das macht nichts. Wir haben sehr gute Gesellschafterverträge. Wir als Gesellschafter müssen uns eben ein bisschen zurücknehmen.

Sie lassen sich nicht rauswerfen?

Nein, mir gehört ja der Verlag zu 39 Prozent. Ich habe mir das gekauft. Im Gegensatz zu den Erben der Familienstiftung.

Ihr Antrag auf Auflösung des Verlages ist aber doch Ultima Ratio ...

Im Mai hat mich die Familienstiftung ausschließen wollen, deshalb habe ich diesen Hilfsantrag gestellt. Das heißt nicht, dass der Verlag nicht mehr existierte, wenn die Kommanditgesellschaft aufgelöst würde.

Gesellschaftsrechtler sagen genau das voraus. Dass nach der Bedienung der Verbindlichkeiten nichts mehr übrig bliebe, was veräußert werden könnte ...

Das ist eine rein technische Frage.

Stimmt es, dass Sie sich auch in einem Rechtsstreit mit Ihrem Vorgänger bei der Medienholding, Andreas Reinhart, befinden?

Es gibt einen Streit, aber der hat nichts mit Suhrkamp zu tun.

Ist für Sie ein Verlag ein Unternehmen, das anders geführt werden müsste als eine Schraubenfabrik?

Das habe ich nie in Frage gestellt. Natürlich funktioniert ein Verlag anders als eine Schraubenfabrik, aber am Ende muss unterm Strich das Gleiche herauskommen. Sonst können Sie weder Schrauben herstellen noch Bücher produzieren.

Der Fall Suhrkamp

Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ist per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin der Verlagsleitung GmbH abgesetzt worden. Außerdem wurde die Verlagsleitung angewiesen, die Suhrkamp-Geschäftsführer Ulla Unseld-Berkéwicz, Jonathan Landgrebe und Thomas Sparr abzuberufen. Das Berliner Landgericht gab damit Hans Barlach recht, der mit der Medienholding AG Winterthur zu 39 Prozent am Verlag beteiligt ist. Unseld-Berkéwicz hält über die Familienstiftung 61 Prozent. Suhrkamp kündigte an, in Berufung zu gehen. Zum Verfahren wollte sich die Geschäftsführung des Verlags aber an diesem Mittwoch nicht äußern.
F.A.Z.

Das Gespräch führte Sandra Kegel.

Quelle: F.A.Z.
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