Sinkende Leserzahlen

Zum Speed-Dating in die Buchhandlung

Von Sandra Kegel
 - 11:12

Der Leser, das unbekannte Wesen, gibt der Buchbranche seit je Rätsel auf. Warum favorisiert er ausgerechnet diesen einen Titel, den doch niemand auf der Rechnung hatte, einen Roman über Bienen oder ein Sachbuch über den Darm, um andere Bücher, die mit Getöse in den Markt gebracht wurden, durch Ignoranz zu strafen? Wüssten Verleger, Lektoren und Buchhändler immer so genau, was des Lesers Herz insgeheim höher schlagen lässt, sie könnten besser schlafen.

Neuerdings aber sind es nicht die Idiosynkrasien der Kunden, die die Buchbranche um den Schlaf bringen. Es sind die Millionen ehemaliger Kunden, die sich gänzlich vom Buch verabschiedet haben. Sie entscheiden sich nicht mehr für den einen vielleicht überraschenden Titel, sondern für gar keinen mehr. Zwischen 2013 und 2017 haben 6,4 Millionen Deutsche, die zuvor regelmäßig lasen, nicht mehr ein einziges Buch erworben, weder bei einer digitalen Plattform noch in der Buchhandlung um die Ecke. Das entspricht einem Rückgang von fast achtzehn Prozent.

Immerhin, könnte man einwenden, waren es im vergangenen Jahr immer noch dreißig Millionen hierzulande, die wenigstens ein Buch nach Hause getragen haben. Doch in Wahrheit markiert diese Zahl einen Einschnitt. Denn zum ersten Mal hat sich das Verhältnis zwischen Buchkäufern und -nichtkäufern umgekehrt: Weniger als die Hälfte, nur noch 44 Prozent aller Deutschen von zehn Jahren an geben Geld für Bücher aus. Bis 2014 waren sie in der Mehrheit.

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Älteste BuchhändlerinEin Leben für das Lesen

Rückgang bei den Vierzig- bis Neunundvierzigjährigen

Das hat Folgen nicht nur für den Buchmarkt. Denn eine Gesellschaft, in der aufs Lesen mehrheitlich verzichtet wird, gibt einen Teil ihrer kulturellen Identität preis und lässt zudem eine gesellschaftliche Zweiteilung Realität werden: in diejenigen, die durch Lesen Kompetenz erwerben, und in jene, die den Tag womöglich am Bildschirm verbringen.

Die Ergebnisse der Studie „Buchkäufer – quo vadis?“, die gestern neben den aktuellen Wirtschaftsdaten vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt auszugsweise vorgestellt wurde, hat es in dieser Form bisher noch nicht gegeben. Erstmals wurden die sogenannten Buchabwanderer und ihre Motive ausführlich in den Blick genommen. Und klar wurde: Sie entstammen allen gesellschaftlichen Schichten und leben in der Stadt wie auf dem Land. Unterschiede hingegen sind in den Altersgruppen festzustellen. Am stärksten fällt der Rückgang bei den Vierzig- bis Neunundvierzigjährigen aus (minus 37 Prozent). Bei den Dreißig- bis Neununddreißigjährigen wie auch bei den Twens übt sich jeweils gut ein Viertel neuerdings in Kaufabstinenz. Nur Jung und Alt, Kinder und Leser über fünfzig, halten an ihrem bisherigen Kauf- und damit vermutlich auch Leseverhalten fest.

Auffällig ist dabei, dass diejenigen, die sich gegen Bücher entscheiden, immer häufiger im Netz anzutreffen sind. Diese Korrelation ergibt der Vergleich mit einer Studie von ARD und ZDF, wonach in nur zwölf Monaten, zwischen 2016 bis 2017, die tägliche Internetnutzung bei den Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen noch einmal um eine halbe Stunde zugenommen hat – auf jetzt mehr als viereinhalb Stunden. Wer zwischen dreißig und neunundvierzig Jahre alt ist, kommt auch noch auf mehr als drei Stunden.

Die verbliebenen Käufer gaben zwar mehr aus – für im Schnitt zwölf Bücher im Jahr insgesamt 137 Euro, 2013 war es 116 Euro für elf. Doch obwohl die Verlagshäuser vor allem ihre Bestseller teurer machten, um noch zu rentabel zu sein, konnten sie ans Vorjahr nicht anknüpfen. Sie erwirtschafteten 9,13 Milliarden Euro, das sind 1,6 Prozent weniger als 2016. Und sie verkauften wie in den Jahren zuvor aufs Neue weniger Titel. Vom Umsatzrückgang sind außer dem Bereich Schule und Lernen sämtliche Buchgruppen betroffen: Die Belletristik verlor gegenüber 2016 ein Prozent, Kinderbuch, Sachbuch und Ratgeber zwischen 2,3 und 2,5 Prozent; Geisteswissenschaft, Kunst und Musik sechs Prozent. Auch das Ebook verlor erstmals.

Vom Alltag überfordert

Die eigentlich spannende Frage bei all dem Zahlenmaterial aber ist, warum das Kulturgut Buch diesen Statusverlust erlebt, den der Börsenverein anhand der Befragungen durch die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt und in vielen bunten Tortendiagrammen und Balkenreihen veranschaulicht hat. Die Antworten der Exleser, die in der Studie zu Wort kamen und bei der gestrigen Pressekonferenz in Filmauszügen auch eingespielt wurden, fallen ernüchternd und wenig überraschend aus. Was diejenigen umtreibt, die nicht mehr lesen wollen, teilen sie mit sehr vielen anderen Menschen unserer Zeit: Sie fühlen sich von der Schnelllebigkeit des Alltags überfordert, wie die Befragten ein ums andere Mal sagten.

Der chronische Mangel an Zeit und Energie, aber auch die ständige Reizüberflutung und der Druck, immer erreichbar zu sein, hält sie davon ab, zum Buch zu greifen. Sie wolle es ja gar nicht, sagt eine junge Frau fast schon schuldbewusst, aber wenn sie aufstehe, schaue sie als Erstes aufs Handy – und komme dann nicht mehr davon los. „Ich muss ja erreichbar sein“, bekennt eine andere, „aber wenn ich siebenundsiebzig SMS in einer Stunde bekomme, dazu Hunderte E-Mails am Tag, dann ist das wie Arbeit.“

Die Flut einstürzender Informationen, die blinkend und piepsend unentwegt Aufmerksamkeit einfordern, führe zu einem Gefühl der Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins, sagen die Exleser, eben weil es ihnen kaum noch möglich sei, sich aus der digitalen Dauerbeschäftigung loszureißen. Die Folge: Es fällt ihnen zunehmend schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren und sich etwa in einen Text zu vertiefen so wie früher. Untersuchungen zum digitalen Verhalten der Deutschen bestätigen die Aussagen der Buchabwanderer, deren stundenlange Befragungen an großen Tischen und in Anwesenheit von Psychologen bisweilen den Ton von Selbsthilfegruppen annahmen.

Nicht mehr als achtzehn Minuten ohne Handy

Ganze achtzehn Minuten hält es der durchschnittliche Handy-Besitzer hierzulande in der Abstinenz aus, dann muss er auf sein Smartphone schauen. Achtundachtzig Mal am Tag, so hat es die Universität Bonn ermittelt, würden die Deutschen das, was sie gerade tun, unterbrechen, um zu ihrem Wischgerät zu greifen. Ein Befund, den die in der Studie Befragten teilen: Beim Lesen erfasse sie eine innere Unruhe, auch deshalb, weil sie dabei nicht gleichzeitig noch anderes tun könnten, auf Push-ups reagieren oder sich bei Facebook auf den neuesten Stand bringen.

Viele geben aber auch an, statt zu lesen Fernsehserien zu schauen. Das mag auf den ersten Blick verwundern, denn gerade für Serien, die über Streaming-Dienste in Endlosschleife zu sehen sind und den Ergebnissen zufolge gern hintereinander weggeschaut werden, braucht man Zeit. Doch das Seriensehen empfinden viele der Befragten als Entspannung. Dafür sei keine große Eigenenergie nötig. Serien sind verfügbar, angesagt und bequem. Auch weil sie oft gemeinsam geschaut werden, in der Familie oder mit Freunden. Wer liest, wendet sich hingegen ab von aller Gesellschaft. Er wählt – zumindest für den Moment der Lektüre – die Einsamkeit und lässt alle andere Optionen fahren.

Aber auch nach der Lektüre, sagen die ehemaligen Leser, bleibe man mit seiner Erfahrung oft genug allein. Denn über Serien werde allerorts geredet, weshalb auch sie diese anschauten, schon um mitreden zu können – „Zugehörigkeitsregulativ“ nennen das die Soziologen. Bücher nehmen die Abwanderer hingegen als etwas wahr, das aus dem öffentlichen Diskurs wie auch aus dem persönlichen Umfeld verschwunden sei. Gefragt, welche Serien derzeit im Gespräch sind, können sie prompt antworten; bei Büchern müssen sie auf dieselbe Frage passen. Das ist wie in einer Spirale: Weil der Austausch über Bücher fehlt, fühlen sie sich insgesamt wenig von Buchthemen angesprochen.

Das Buch als Sehnsuchtsort

Gleichzeitig erleben sie das große Titelangebot als Überforderung. Zwar bringen die Verlage seit Jahren kontinuierlich weniger Neuerscheinungen auf den Markt, allein in den letzten vier Jahren betrug der Rückgang zehn Prozent. Aber es sind immer noch mehr als siebzigtausend – und damit mehr als genug, wie er als Buchhändler aus Erfahrung wisse, sagte gestern der Vorsteher des Börsenvereins Heinrich Riethmüller.

Warum die Verlage bei ihren Neuerscheinungen zurückhaltender auftreten, ob dies auf eine gewisse Verzagtheit, die Auswirkungen des jüngsten VG-Wort-Urteils oder die Lage insgesamt zurückzuführen ist, das können sich auch die Vertreter des Börsenvereins nicht erklären. Aber klar sei, dass die Buchbranche auf die Veränderungen im Leserverhalten reagieren müsse. Die Entwicklung erfordere ein „Umdenken bei Verlagen und Buchhändlern“, sagt Riethmüller. Wie genau dieses Umdenken aussehen soll, darüber wurden gestern nicht viele Worte gemacht. Leser brauchten mehr Orientierung und auch mehr Leseanreize, hieß es. „Das Buch ist ein Sehnsuchtsort“, sagte der Geschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, das gehe aus der Studie klar hervor: „Wir sind nicht hilflos, sondern wollen die Chance nutzen, die Menschen wieder zum Buch zu bringen.“

Dazu müsste dem Verband aber noch erheblich mehr einfallen. Und auch die Vorschläge der Buchabwanderer selbst, wie man sie denn wieder zum Lesen bringen könnte, sind teils aberwitzig, teils hilflos und oft genug unfreiwillig komisch. Sie denken an digitale Tools, die sie an „Lesezeiten“ erinnern, oder Apps, die helfen, das maßgeschneiderte Buch zu finden. Sogar „elektronische Wegweiser zum Regalplatz im Buchladen“ wurden gefordert. Andere wünschen sich Bücher an ungewöhnlichen Orten, „zum Beispiel im Fitnessclub“, oder besondere Events in der Buchhandlung wie Speed-Dating oder Yoga. Das Buch soll zum Ausnahmeerlebnis werden an einem besonderen Ort. Das Versprechen der Literatur allerdings liegt im genauen Gegenteil: sich lesend an einen fremden Ort begeben zu können, der überall sein kann und zu jeder denkbaren Zeit. Dazu braucht es keinen Fitnessclub und auch kein Speed-Dating, sondern das Gegenteil von äußerer Aufregung: Reizarmut.

Es gibt heute Fastenkliniken, die „Digital Detox“ anbieten, wo man für viel Geld lernt, aufs Smartphone zu verzichten, und Ärzte den schmerzhaften „Handy-Nacken“ behandeln. Es gibt inzwischen sogar Apps, die unter dem Stichwort „Get back your life“ Tipps zur digitalen Enthaltsamkeit geben: „Smartphone für dreißig Minuten weglegen“, „Benachrichtigungen ausschalten“ und dergleichen mehr.

Denn die Chance für das Buch liegt nicht in der digitalen Hinführung, sondern im Abschalten. Dass das Lesen als befreiend empfunden werden kann, bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz neue Bedeutung.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel
Redakteurin im Feuilleton.
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