Versailler Vertrag

Demütigung als Prinzip

Von Andreas Platthaus
 - 13:43
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Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Für die Urteilsverkündung vom 28.Juni 1919 benötigte es nur zwei Minuten und ein paar kurze Sätze, ansonsten wurde offiziell gar nicht gesprochen. Aber geplaudert, gejubelt und geschimpft, denn die Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles glich einem großen Defilee. Es war ein gesellschaftliches Ereignis, und rund ums Schloss standen Zehntausende Zaungäste. Der 28.Juni 1919 wurde nach einem bewölkten Vormittag ein strahlend schöner Samstag. Aus Paris kamen die Schaulustigen in Sonderzügen bis zum lediglich fünf Fußminuten vom Schlossvorplatz entfernten Bahnhof herbeigefahren. Die Delegationen der Teilnehmerstaaten der Pariser Friedenskonferenz dagegen erreichten Versailles mit Automobilen, die unter dem Beifall der Passanten über die Champs-Élysées und durch den Triumphbogen aus der Hauptstadt geleitet wurden und dann in Versailles über die direkt aufs Schloss zulaufende Prachtstraße, die Avenue de Paris, unmittelbar in den Ehrenhof fuhren, wo die Abgesandten von einer Ehrengarde empfangen und von den Zuschauern ein weiteres Mal bejubelt wurden.

Ungestört waren die Delegierten nur im letzten Teil des Hofes, dem sogenannten Marmorhof direkt vor den Eingängen ins Corps Logis. In die beiden vorderen Teile, den Minister- und den Königshof, waren dagegen ungeachtet einer Polizeiabsperrung zahlreiche Menschen gelangt. Überhaupt herrschte rund um das Schloss Volksfeststimmung, und angesichts der allgemeinen Begeisterung achtete man nicht auf die vorgesehenen Sicherheitsmaßnahmen; längst waren die Fenster an der Außenseite der gesamten Palastanlage umlagert; nur der Parterre d’Eau, die große Terrasse direkt unterhalb des im ersten Stock gelegenen Spiegelsaals, wo im Anschluss an die Unterzeichnung den Teilnehmern ein besonderes Spektakel der dortigen Fontänen geboten werden sollte, wurde noch konsequent freigehalten.

Es war Wilsons großer Tag

Geöffnet wurde der Schauplatz der Vertragsunterzeichnung für die rund tausend geladenen Gäste um 13 Uhr, dem Pariser Korrespondenten der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press verdanken wir einen minutiösen Bericht des Nachmittags. Als erster prominenter Vertreter der Hauptsiegermächte betrat der amerikanische Außenminister Robert Lansing um 13.45 Uhr den Saal, und als letzter Delegierter der Friedenskonferenz traf um 14.50 Uhr sein Präsident Woodrow Wilson ein: So umrahmte der Auftritt der amerikanischen Delegation den Einmarsch der Verbündeten; es war Wilsons großer Tag. Mit dem Versailler Vertrag glaubte er sein politisches Lebenswerk am Ziel. Aber die Hauptrolle hatte er jemand anderem zu überlassen.

Während der Zeremonie sollte nämlich nur eine einzige Person zu Wort kommen: der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der als Vorsitzender der Friedenskonferenz die Veranstaltung leitete. Er war fünfzig Minuten vor dem geplanten Beginn um 15 Uhr im Saal eingetroffen und hatte die Zeit dazu genutzt, die auf seinen Wunsch hin anwesenden französischen Soldaten, aber auch die reich vertretene Pariser Prominenz zu begrüßen. Und natürlich die erschienenen Vertreter der anderen Siegerstaaten, die über fast sechs Monate hinweg unter seinem Vorsitz unentwegt miteinander verhandelt hatten.

Der Weltkrieg wurde mit symbolischen Mitteln fortgeführt

Nachdem die massiven deutschen Proteste, die umfangreichen Änderungsvorschläge und verzweifelten Moralappelle im Vorfeld nicht gefruchtet hatten, versuchte die Delegation des Reichs, in letzter Sekunde zumindest noch ein kleines protokollarisches Zugeständnis zu erreichen. Der organisatorische Ablauf der Versailler Zeremonie sah vor, dass die beiden deutschen Unterschriftsbevollmächtigten, Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell, erst kurz vor Eröffnung der Sitzung durch Clemenceau den Saal betreten sollten und das auch noch durch eine andere Tür als zuvor die Vertreter der Siegermächte. Schon die Anfahrt aus dem nahen Hôtel des Réservoirs, wo die Deutschen untergebracht waren, war nicht wie die der alliierten Delegierten über den Ehrenhof erfolgt, sondern über den Hof des deutschen Domizils, der einen Nebeneingang zum Schlosspark besaß. Müller und Bell wurden mit einem Auto die lange Rampe längs des Ostflügels hinaufgefahren und bei der Ankunft am Kopfbau zu einer Seitenpforte geführt – angeblich um die beiden Minister vor Anfeindungen des Publikums zu schützen, was Unsinn war, weil auch auf der Rampe die Zuschauer dicht gedrängt standen. Tatsächlich wurde auf diese Weise deutlich gemacht, dass hier kein Vertrag unter Gleichen abgeschlossen werden würde.

Außerdem sollten Müller und Bell sowohl beim Eintreffen als auch bei der Abfahrt keine militärischen Ehren entboten werden. Dagegen protestierte die deutsche Abordnung und drohte ihr Fernbleiben an. Immerhin wurde den beiden Entsandten daraufhin zugestanden, das Schloss unter militärischen Ehrbezeugungen verlassen zu dürfen – aber eben erst nach der durch ihre Signaturen dokumentierten Anerkennung der alliierten Friedensbedingungen. Nur durch das offizielle Schuldeingeständnis würde also die Ehre des deutschen Gegners so weit wiederhergestellt sein, dass die Alliierten sie erwidern könnten. Der Erste Weltkrieg wurde nach dem Waffenstillstand bis zum letzten Augenblick mit symbolischen Mitteln fortgeführt.

Das Friedensdokument, von dem es nur ein einziges Exemplar gab, dessen Verbleib in Frankreich bereits festgelegt worden war, wurde um 14.10 Uhr von einem Mitarbeiter des französischen Außenministeriums in einem Lederkasten hereingetragen und auf einem Schreibtisch deponiert. Dieser stand genau in der Mitte des Saals vor den Plätzen der Vertreter der fünf Hauptsiegermächte, in deren Zentrum Clemenceau sitzen würde, zu seinen Seiten Wilson und Lloyd George. Links und rechts wurde der mit einem gelben Tuch bedeckte Unterzeichnungstisch flankiert von zwei kleineren Tischen, auf denen zum einen das Protokoll der Veranstaltung, die ja formell eine Sitzung der Pariser Friedenskonferenz war, auslag, damit alle Staatsvertreter es unterschrieben (nur in diesem Dokument, nicht im Vertrag selbst, waren auch die seit der Übergabe der Friedensbedingungen geänderten Bestimmungen festgehalten), zum anderen eine separate Vereinbarung über das künftige Besatzungsstatut im Rheinland, die nur die deutschen, amerikanischen, englischen, französischen und belgischen Delegierten zu unterzeichnen hatten, deren Länder davon betroffen waren. Durch dieses Arrangement des Mobiliars konnten also bis zu drei Staatsvertreter gleichzeitig ihre Unterschriften leisten; die ursprüngliche Absicht, den Versailler Vertrag jedem Signatar der Siegermächte einzeln vorzulegen, war angesichts des Überformats der Urkunde wieder fallengelassen worden. So traten alle Bevollmächtigten nacheinander an den zentralen Schreibtisch, um anschließend an den beiden Nachbartischen die zusätzlich notwendigen Unterschriften zu leisten. Mehrere Sekretäre standen bereit, um einen korrekten Ablauf zu gewährleisten.

Die alte deutsche Reichsglorie vor Augen

Die Kopfseite der hufeisenförmig aufgestellten Tafel, an der sämtliche unterzeichnende Parteien saßen, war fünfundzwanzig Meter lang. Wer dort Platz nehmen durfte, hatte die Spiegel der östlichen Längswand im Rücken und genoss den Ausblick durch die nach Nordwesten ausgerichtete Fensterfront auf den sonnigen Park – genau von der Stelle aus, wo vor fast einem halben Jahrhundert Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen worden war, unterhalb des zentralen Deckengemäldes, das den aus eigener Machtvollkommenheit regierenden jungen König Ludwig XIV. über der Aufschrift „Le Roi gouverne par lui même“ zeigt. Dieses Motiv ist allerdings für Besucher des Saals nur von der Gartenseite aus zu sehen; wer wie Wilhelm I. oder nun die Führer der Hauptsiegermächte direkt darunter seinen Platz vor den Spiegeln hatte, der sah beim Blick nach oben die zweite Hälfte des von Charles Le Brun gemalten Herzstücks des Bildprogramms im Saal. Sie ist betitelt als „Fastes des puissances voisines de la France“ – die Pracht der Nachbarmächte Frankreichs. Im Mittelpunkt dieser Allegorie stehen drei Frauen, die diese Staaten symbolisieren: die Niederlande, Spanien und, hervorgehoben aus dem Trio, die Germania für das Heilige Römische Reich.

Bei seiner Kaiserproklamation hatte Wilhelm I. also die alte deutsche Reichsglorie vor Augen, wie jetzt auch die Sieger über Deutschland. Dem einen musste Le Bruns Gemälde als Verheißung erschienen sein, den anderen diente es nun als Mahnung, dass der bedeutendste Rivale Frankreichs Deutschland war. Die Revision des Ereignisses vom 18.Januar 1871 sollte auf jeder Ebene sichtbar sein: Einige betagte französische Veteranen des Krieges von 1870/71 nahmen in ihren damaligen Uniformen die Plätze ein, wo seinerzeit preußische Soldaten Aufstellung genommen hatten. Die Sitze für das Gros der Delegationen befanden sich links und rechts von denen der Hauptsiegermächte entlang der Flügelseiten der Tafel; so umschlossen die Delegierten den zentralen Raum für den Unterzeichnungstisch.

Die Journalisten auf den billigen Plätzen

Die beiden Reichsminister hatten den Versailler Vertrag als Erste zu unterschreiben, denn den Siegerstaaten sollte nicht das Risiko zugemutet werden, eine Unterschrift zu leisten, die bei einer etwaigen deutschen Verweigerung in letzter Sekunde doch noch gegenstandslos werden könnte. Deutschlands Bevollmächtigten sollte jede Möglichkeit genommen werden, die Alliierten zu brüskieren. Darum war kein anderer Redner vorgesehen als Clemenceau. Hätte man neben dem Vorsitzenden der Friedenskonferenz noch weitere Teilnehmer sprechen lassen, wäre man auch verpflichtet gewesen, den Deutschen als nunmehrigen Vertragspartnern das Wort zu erteilen.

Das Publikum im Saal nahm auf Stühlen Platz, die jeweils hinter den beiden seitlichen Flügeln der den Delegierten vorbehaltenen Hufeisentafel aufgestellt worden waren und den Raum bis an dessen äußerste Ränder füllten. Doch da man von dort angesichts der Ausmaße des mehr als siebzig Meter langen Saals kaum etwas davon sehen konnte, was sich in der Mitte abspielte (zudem ja die Unterschriften sitzend geleistet würden), waren die Stehplätze in den Fenster- beziehungsweise Spiegelnischen der beiden Längsseiten begehrt und umkämpft, besonders bei den Pressevertretern, denen eigentlich ein eigener Sitzbereich zugewiesen worden war, von dem aus man jedoch, wie der Korrespondent der Associated Press berichtete, nicht einmal mit Ferngläsern etwas erkennen konnte. Deutsche Journalisten – zwanzig waren akkreditiert – wurden erst kurz vor 15 Uhr eingelassen und mussten sich dann mit den hintersten Plätzen im Pressebereich begnügen.

„Faites entrer les Alle-mands“

Die Unruhe im Saal war immens, gerade weil der Blick für die meisten Gäste derart unbefriedigend war. Vom Eintreffen der prominenten Staatschefs bekamen sie kaum etwas mit, und besonders Wilsons später Einzug verpuffte in seiner Wirkung, weil das diplomatische Protokoll erforderte, dass sich jeweils alle Delegierten zur Begrüßung eines neu eintreffenden Kollegen erhoben, wodurch für die übrigen Gäste noch weniger zu sehen war. An der Tafel herrschte ein ständiges Aufstehen und Wiederhinsetzen, von dem am Schluss keine besondere Bedeutung mehr ausging. Es gab deshalb nur vereinzelten Applaus der unmittelbar neben dem Eingang Sitzenden, als Wilson eintrat.

Um 15 Uhr, als die Zeremonie hätte beginnen sollen, regte sich besonders großer Unmut in den hinteren Reihen im Spiegelsaal, weil die am Hufeisentisch plazierten Delegierten sich nicht alle wieder gesetzt hatten und so weiterhin die Sicht blockierten. Die Stimmung der Versammlung glich kurzfristig eher der bei einer Bühnenaufführung als bei einem feierlichen Ereignis, und ehe nicht wieder eine dem Anlass angemessene Ruhe einkehrte, mochte sich Clemenceau nicht dazu durchringen, die Veranstaltung zu eröffnen. Zumal der Eintritt der deutschen Delegation ja erst unmittelbar vor Beginn der Zeremonie vorgesehen war, und gerade dabei wünschte sich Clemenceau würdige Stille, damit die zuvor unter den Alliierten verabredete Geste, sich entgegen den diplomatischen Gepflogenheiten dann nicht zu erheben, auch zur Geltung kommen würde. „Faites entrer les Alle-mands“ (Lassen Sie die Deutschen eintreten), wies der französische Ministerpräsident schließlich um 15.07 Uhr den Protokollchef an. Müller und Bell durften immerhin am Hufeisentisch Platz nehmen: zwischen der brasilianischen Delegation und einigen rangniederen Japanern, weil sie hier dem ihnen vorbehaltenen Eingang am nächsten saßen, durch den sie am Schluss dann auch rasch wieder hinausgeführt werden sollten.

Es fiel kein einziges offizielles Wort mehr

Es gab kein offiziell bekanntgegebenes Programm für die Unterzeichnungszeremonie, deshalb war die Verblüffung im Saal groß, als Clemenceau sich um 15.10 Uhr, also mit mittlerweile zehnminütiger Verspätung, erhob und eine Ansprache hielt, die sich auf fünf Sätze beschränkte: „Die Sitzung ist eröffnet. Die alliierten und assoziierten Mächte auf der einen und das Deutsche Reich auf der anderen Seite haben sich auf die Friedensbedingungen geeinigt. Der Text ist vervollständigt und niedergelegt worden, und der Präsident der Konferenz hat schriftlich bestätigt, dass der Text, der nun unterschrieben werden wird, identisch ist mit dem, der in zweihundert Kopien an die deutsche Delegation ausgehändigt worden ist. Die Unterschriften werden jetzt vorgenommen, und sie stellen die feierliche Verpflichtung dar, die durch diesen Friedensvertrag festgelegten Bestimmungen zuverlässig und wortgetreu auszuführen. Ich fordere nun die Delegierten des Deutschen Reichs auf, den Vertrag zu unterzeichnen.“

Als Müller und Bell aufstanden und in die Mitte traten, um ihre Unterschrift zu leisten, war es 15.12 Uhr. Sie unterschrieben auf der letzten der für die Signaturen vorgesehenen freien Doppelseiten, denn auch wenn sie als Erste aufgerufen wurden, sollten die deutschen Namenszüge doch hinter denen der Siegerstaaten stehen. Anschließend wurde wieder ganz nach vorne geblättert, und es folgten nacheinander die einzelnen alliierten Vertreter, erst die Hauptsiegermächte in alphabetischer Reihenfolge – Amerika, Britisches Reich, Frankreich, Italien, Japan –, dann die weiteren Verbündeten; insgesamt unterschrieben 67 Delegierte den Versailler Vertrag. Das dauerte bis 15.49 Uhr, und es fiel kein einziges offizielles Wort mehr, ehe Clemenceau noch einmal aufstand und lapidar verkündete: „Die Sitzung ist geschlossen.“ Das war der sechste und letzte Satz im Rahmen der Zeremonie.

Aus dem Betrachten der Wasserspiele wurde nichts

Jedoch hatte während ihrer nicht einmal vierzigminütigen Dauer keinesfalls das eigentlich erwünschte andächtige Schweigen geherrscht. Vielmehr war gerade wegen der Monotonie des Reigens der auf- und abtretenden Staatsvertreter immer wieder neue Unruhe im Saal entstanden; für die meisten Anwesenden im Saal wirkte es, als passierte gar nichts. Und für die übrigen war mit den Unterschriften der deutschen Delegierten und denen der Hauptsiegermächte der interessante Teil vorbei, also setzten nun leise Unterhaltungen ein, die sich schließlich zu einem solchen Grundgemurmel summierten, dass Clemenceaus Schlusssatz darin unterging. Den meisten Anwesenden war zunächst gar nicht bewusst, dass die Veranstaltung so rasch ihr Ende erreicht hatte. Zudem waren die alliierten Delegierten gebeten worden, zunächst noch auf ihren Plätzen zu verbleiben, damit die deutschen Bevollmächtigten wieder aus dem Saal geleitet werden konnten – immer noch, ohne dass sich jemand für sie erhoben hätte.

Der Großteil des Publikums außerhalb des Schlosses bemerkte das Ende der Unterzeichnungszeremonie erst, als die Fenster des Spiegelsaals im ersten Stock geöffnet wurden, um endlich wieder frische Luft in den dicht besetzten und schon seit Stunden geschlossenen Raum zu lassen. Nun drängte es die Teilnehmer hinunter in den Park, doch draußen trafen sie auf eine Gegenbewegung, denn ungeachtet der anfänglichen Absperrung des Parterre d’Eau hatten sich längst auch hier Schaulustige versammelt, und die benachbarten Terrassen der Gartenanlage waren ohnehin überfüllt. Als sich die drei Türen im Erdgeschoss öffneten, waren die Zuschauer nicht mehr zu halten, zumal es Clemenceau und Wilson waren, die als Erste aus dem Schloss traten, um im Freien zu rauchen und sich das nun beginnende Spektakel der Fontänen anzusehen. Binnen Sekunden waren sie von den heranstürzenden begeisterten Franzosen umringt. Der amerikanische Präsident wurde von der Menge in die Nähe eines der beiden großen Bassins auf dem Parterre d’Eau abgedrängt und konnte erst im letzten Moment von einem der zwei hünenhaften Leibwächter, die ihn während seines ganzen Aufenthalts in Frankreich beschützten, davor bewahrt werden, ins Becken zu stürzen.

Aus dem geplanten Betrachten der Wasserspiele wurde nichts, die Staatschefs wahrten zwar Contenance, doch ihre Begleiter bemühten sich eilig, sie um den Kopfbau herum zu den im Ehrenhof wartenden Automobilen zu bringen. Durch das Gebäude hindurch konnten sie nicht mehr gehen, weil ihnen von innen die anderen Gäste der Zeremonie entgegenkamen. Erst als zwei der Wagen aus dem Ehrenhof ihrerseits an die Parkseite des westlichen Seitenflügels fuhren und dort rücksichtslos auf die von überall her zusammenströmende Menschenmenge zusteuerten, um Clemenceau und Wilson schon auf dem Weg zu erreichen, gelang es diesen, sich in die Sicherheit der Fahrzeuge zu flüchten, die dann sofort davonbrausten. Woodrow Wilson verließ Paris noch am selben Abend und kam nie wieder zurück nach Europa.

Der Blick eines gehetzten Tieres

Währenddessen waren die beiden vorab aus dem Saal geführten deutschen Delegierten auf der anderen Seite der Schlossanlage ebenfalls auf der Suche nach dem Auto, das sie ins Hôtel des Réservoirs bringen sollte. Als Müller und Bell das Schloss aus einem Nebenausgang der ehemaligen Königinnengemächer verließen, wurden sie von den dort Wartenden erkannt – man wusste ja seit der Anfahrt, dass die Deutschen auf diesem Weg auch wieder in ihr Domizil zurückkehren würden. Obwohl es keine dezidierten Beschimpfungen gab, erinnerte sich ein französischer Offizier an die Angst der beiden Deutschen angesichts der feindseligen Stimmung: „Ich werde niemals den Blick vergessen, den vor allem Herr Müller in diesem Augenblick auf die Menge warf – wie der eines gehetzten Tieres.“

Aus den zugesagten militärischen Ehrbezeugungen wurde deshalb nichts mehr, und der Weg zum Quartier glich einem Spießrutenparcours, aber auch hier schützte der Wagen den Rückzug der Akteure. Am späteren Nachmittag war aus den Reihen der deutschen Delegation dann zu vernehmen, dass man den Vertrag niemals unterzeichnet hätte, wenn zu ahnen gewesen wäre, dass man sie auch danach noch wie Parias behandeln würde – besonders die vorzeitige Verabschiedung von Müller und Bell im Spiegelsaal wurde als Demütigung verstanden, weil sie der Abführung von Verurteilten geglichen hatte. Auch die Deutschen verließen Versailles noch am selben Tag. Das Ende des Kriegs hatte nur formal Frieden gestiftet.

Der Text ist ein Vorabdruck aus Der Krieg nach dem Krieg – Deutschland zwischen Revolution und Versailles 1918/19. Das Buch erscheint in der kommenden Woche bei Rowohlt Berlin.

Am Abend des 20. Februar wird es im Atrium des Berliner Redaktionsgebäudes der F.A.Z., Mittelstraße 2–4, durch ein Gespräch des Historikers Herfried Münkler mit Andreas Platthaus vorgestellt. Beginn um 19.30, der Eintritt ist frei.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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