Buch über Seuchengefahr

Die nächste Vogelgrippe kommt bestimmt

Von Christoph Gradmann
 - 22:56

Zu den seltsameren Phänomenen der hochentwickelten Welt gehören Reaktionen auf eine Seuchengefahr, die tatsächlich nur selten besteht. Die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts hatten gute Gründe, sich vor ansteckenden Krankheiten zu fürchten, denn sie starben zumeist daran. Unsere Furcht vor Seuchen hingegen richtet sich häufig auf Bedrohungen, die sich kaum je materialisieren. Dem perfekten Beispiel dafür, der Grippe und der Furcht vor ihren pandemischen Ausbrüchen, spürt der Londoner Anthropologe Carlo Caduff, der am King’s College forscht, in seinem Buch nach.

Der Gegenstand ist gut gewählt, denn als Krankheit vereint die Grippe große Bedrohlichkeit und Ausbreitung mit zumeist geringer Sterblichkeit: Bei der 2009 als Schweinegrippe bekanntgewordenen Pandemie lag sie bei den Infizierten im Promillebereich. Dagegen steht das Bewusstsein, dass sich dies leicht ändern könnte: Schließlich treten immer wieder neue, möglicherweise gefährliche Grippeviren auf, und es fehlt auch nicht an Menetekeln, etwa die als Spanische Grippe bekannte Pandemie von 1918/19, die mehr Menschen das Leben kostete, als es im Ersten Weltkrieg militärische Tote zu beklagen gab. Oder die seit den neunziger Jahren für Unruhe sorgende Vogelgrippe, die sich bei hoher Sterblichkeit bislang zwar gelegentlich von Vogel zu Mensch, aber eben nicht von Mensch zu Mensch verbreitet hat.

Eintreten von Worst-Case-Szenarien

In dieser Lage erlangt mikrobiologisches Wissen für Carlo Caduff eine zusätzliche Dimension als Prophetie, die von zukünftigen Gefahren handelt und dabei Ängsten der Gegenwart Ausdruck verleiht. Es ist diese Konstruktion der Gefahr, der Caduff nachspürt. Er tut es im Wesentlichen basierend auf Interviews und Feldstudien in den Labors der Virologen und mit anderen Experten der Seuchenprävention. Die zusätzliche Dimension als Prophetie fordert dabei die Wissenschaft auf vielfältige Weise heraus: Sie sichert Aufmerksamkeit und Forschungsmittel, wie sie sonst kaum zu erlangen wären, sie rückt aber auch Forschung ins Rampenlicht der Gefahrenabwehr. Das entschlüsselte Genom eines Grippevirus etwa kann schnell als bioterroristische Bedrohung erscheinen. Diese Gefährlichkeit bedroht dann ihrerseits die Wissenschaftsfreiheit, denn es stellt sich die Frage, ob solches Wissen publiziert werden sollte.

Caduff ist da stark, wo er die mit seinem Gegenstand verknüpfte Biopolitik ausleuchtet. Seine Gespräche mit Vakzinologen, Mikrobiologen, Öffentlichkeitsarbeitern und anderen Experten sind erhellend, lebendig geschrieben und gut kontextualisiert. Die Seuchenangst erweist sich als ein Feld, auf dem hochentwickelte Gesellschaften nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Ängste artikulieren. Die biopolitische Dimension der permanenten Bedrohlichkeit ist dabei offenkundig, erlaubt sie es doch, für das Eintreten von Worst-Case-Szenarien zu planen, obwohl es kaum Anzeichen für deren Eintreten gibt.

Eine Geschichte der Grippe im zwanzigsten Jahrhundert will das Buch nicht sein. Allerdings wird durchaus der Anspruch vertreten, die Forschungsgeschichte dieses Gegenstandes im letzten Jahrhundert mit einzubeziehen: Caduff zeichnet in einigen Kapiteln den Weg nach, den das Verständnis der Grippe seit den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg genommen hat. Doch ist dieser erste Teil des Buches recht oberflächlich geraten und leidet zudem an einem grundsätzlichen Problem: Es mag mit Blick auf unsere Gegenwart Sinn haben, die Virologie als maßgeblich für unser Verständnis der Grippe aufzufassen. Für das gesamte zwanzigste Jahrhundert aber gilt das nicht. Der moderne Begriff des Virus bildete sich in ihm erst allmählich heraus, und Caduff sieht auch nicht die enorme Bedeutung, die die Epidemiologie für das Verständnis einer so rätselhaft-proteischen Krankheit hatte.

Lesenswert, aber insgesamt zu kurz gegriffen

Es geht hier nicht darum, die beiden Fächer, Virologie und Epidemiologie, gegeneinander auszuspielen, sie sind sich nahe genug. Aber die Geschichte der Grippeforschung ist eben nicht allein eine virologische. Unser Verständnis der Krankheit wurde etwa in den siebziger Jahren durch die Entdeckung revolutioniert, dass es ein großes Reservoir an Vogelgrippeviren gibt. Sie prägen die Geschichte einer Krankheit, in der durch genetische Veränderung Viren den Wirt wechseln können. Ein großes Reservoir an Vogelviren speist dabei einen vergleichsweise kleinen Pool an Menschenviren.

Noch in einem weiteren Punkt wäre Epidemiologie nützlich gewesen. Das zwanzigste Jahrhundert ist das des sogenannten epidemiologischen Übergangs. Vordem im Sterblichkeitsgeschehen dominante Volksseuchen wie die Tuberkulose wurden von degenerativen Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Typ II abgelöst. Die Biopolitik imaginierter Bedrohungen durch Seuchen entfaltete sich in einer Situation, in der es weitverbreitete tödliche Krankheiten wie Tuberkulose, Typhus oder Cholera gab, in ganz anderer Form. Die Grippe ist insofern die Volksseuche einer Zeit, in der es nur noch wenig epidemiologisch bedeutsame Infektionskrankheiten gibt.

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Auch dazu findet man bei Caduff keinen Hinweis. Schließlich wird auch der Ansatz, wissenschaftliche Prognosen als Prophetien zu diskutieren, nicht wirklich ambitioniert durchgeführt, sondern im Wesentlichen bloß durch eine Revue sozialwissenschaftlicher Theorieangebote entwickelt – statt zu diskutieren, was Theologie, Philosophie, Kunst zu diesem Thema beizutragen haben.

Im Resultat ist Carlo Caduffs Untersuchung lesenswert, greift aber insgesamt zu kurz. So erhellend das Material über die Verschlingung von Seuchenprävention, Angst und Biopolitik ist: Die Darstellung beschränkt sich über weite Strecken auf Theoretisieren und bleibt im Historischen schwach. Man hätte dem Autor mehr Neugier auf seinen Gegenstand gewünscht.

Quelle: F.A.Z.
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