Didier Fassins Anthropologie

Für eine Welt, in der wir gut und gerne leben

Von Patrick Bahners
 - 14:01
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Einer der Slogans der Neonazis, die durch Charlottesville marschierten, lautete „White Lives Matter“. Folgt man dem politischen Philosophen Mark Lilla, dessen polemische Kritik der Identitätspolitik auch im deutschen Justemilieu auf große Resonanz stößt, so hatten es sich die Erfinder des Namens der jüngsten schwarzen Bürgerrechtsbewegung selbst zuzuschreiben, dass ihnen ihre Feinde die Losung entwendeten, um sie in rassistischer Absicht umzupolen. Für Lilla ist „Black Lives Matter“ ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man Solidarität nicht organisiert. Die Aktivisten, die aus dem Tod von Michael Brown in der Kleinstadt Ferguson im Umland von St. Louis ein Fanal machten, hätten den Fehler begangen, an ihre Mitbürger nicht als Mitbürger zu appellieren, sondern ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Schwarzen zu betonen.

Lilla hat seine Reputation mit Auslegungen philosophischer Autoren des Dichtheitsgrades von Leo Strauss erworben. Die Mangelhaftigkeit seiner Interpretation des Drei-Wörter-Satzes „Black Lives Matter“ zeigt schon der Blick auf den Wortlaut. Der Satz appelliert unüberlesbar an etwas, was Schwarze und Weiße gemeinsam haben: die Eigenschaft, menschliche Lebewesen zu sein.

Feldforschungen zur Polizeiarbeit

Der Begriff des Lebens als Generalschlüssel der gegenwärtigen Politik ist der Gegenstand der Adorno-Vorlesungen, die der französische Anthropologe Didier Fassin im Vorjahr an der Universität Frankfurt hielt. In den drei Vorlesungen, die dem jetzt erschienenen Buch zugrunde liegen, geht er jeweils von terminologischen Überlegungen in Anknüpfung an Klassiker der Sozialtheorie unter besonderer Berücksichtigung Frankfurter Hausgötter aus, um eine begriffliche Ambivalenz herauszupräparieren, die er in einem zweiten Schritt mit Befunden seiner Feldforschung illustriert – denkbar konkrete Befunde, typischerweise einzelne Fallgeschichten.

Fassin, geboren 1955, bekleidet seit 2009 die weltweit wohl luxuriöseste Position, die sein Fach zu bieten hat, den Lehrstuhl von Clifford Geertz am Institute for Advanced Study in Princeton. Seine empirischen Studien führen ihn, der über die Medizin zur gesellschaftlichen Symptomatik und politischen Ätiologie gekommen ist, in Krankenhäuser, Gefängnisse, Hospize, Flüchtlingslager und Elendsquartiere in Frankreich, Afrika und Palästina.

Auf schwarze Leben kam es nicht an

Zur Diskussion um „Black Lives Matter“ steuert Fassin eine Notiz aus seinen Feldforschungen zur Polizeiarbeit in den Vorstädten von Paris bei. In diesem Fall handelt es sich um die Bemerkung eines Mitforschers. Der Kollege hatte viele Jahre lang in den Armenvierteln von Großstädten der Vereinigten Staaten gearbeitet. „Als ich ihm erzählte, dass in Frankreich alle Unruhen in den Städten seit den 1980er Jahren eine Reaktion auf den Tod von Jugendlichen aus ethnisch-rassischen Minderheiten und sozialen Schichten mit niedrigem Einkommen gewesen seien, dessen Ursache gewaltsame Zusammenstöße mit den Ermittlungsbeamten waren, scherzte er, dass wenn solche Vorfälle in den Vereinigten Staaten ähnliche Reaktionen hervorrufen würden, das Land ständig im Aufruhr wäre. Der Tod von Afroamerikanern unter solchen Umständen würde im Grunde genommen niemanden kümmern.“ Anders gesagt: Auf schwarze Leben kam es nicht an.

Fassin belegt mit der kollegialen Einschätzung, dass der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft vor dem Ereignis von Ferguson ein Bewusstsein dafür fehlte, wie alltäglich für Schwarze das Risiko ist, zum Opfer von Polizeigewalt zu werden. Das lebensweltliche Wissen der Minderheit und das Wissen, an dem sich die Mehrheit orientiert, klafften auseinander. Nicht nur ist das Leben zumal junger schwarzer Männer in anderer Weise gefährdet als das ihrer weißen Altersgenossen, es wird außerdem als Erfahrungsreservoir und Erkenntnisquelle ignoriert. Und diese Missachtung wird als Verdopplung der körperlichen Gewalt erlebt.

Schwarze Leben sind etwas wert. Der absolute Gebrauch des Verbs „to matter“ ist üblich. Aber jedermann weiß, wie der Satz zu ergänzen ist: Schwarze Leben sind genauso viel wert wie weiße. Der Witz der Devise ist nicht die philosophische These der Gleichheit der Menschen ungeachtet der Hautfarbe, die der Abolitionismus des neunzehnten Jahrhunderts noch gegen die Verteidiger der Sklaverei durchsetzen musste. Die wohlmeinenden Liberalen, die noch vor der Appropriation von „White Lives Matter“ durch die Neonazis zu bedenken gaben, weiße Leben seien doch auch etwas wert, verfehlten den Punkt. Erst recht gilt das für die Polizeilobbyisten, die sich die Variation „Blue Lives Matter“ einfallen ließen. Dieser Spruch blendet aus, dass bei Polizisten erstens die Möglichkeit der Lebensgefahr zu den Berufsrisiken zählt und dass ihre Aufgabe zweitens der Schutz des Lebens ist.

Wenn Leben gegen Leben steht

Ein Hauptgedanke Fassins, der 2010 eine Geschichte der „humanitären Vernunft“ vorlegte, ist: Eine dem Leben als Höchstwert verpflichtete Politik manövriert sich in Aporien. Wenn Leben gegen Leben steht, kann scheinbar keine Entscheidung mehr fallen. Betrachtet man freilich wie bei den „blauen Leben“ die tatsächlichen Funktionen und Ansprüche, die in die Waagschalen gelegt werden, so erweisen sich manche Pattsituationen als trügerisch.

Fassins Arbeit am Lebensbegriff steht in der französischen Tradition der Selbstkritik des Universalismus, die in Deutschland meist nur in der ideologischen Zurichtung durch die gealterten „neuen Philosophen“ ankommt. Das Leben, oft als nacktes oder bloßes apostrophiert, wird als natürliches Substrat und Inbegriff des Konkreten gegen die Allgemeinbegriffe einer idealistischen Moral ausgespielt, verwandelt sich aber ebenfalls in eine abstrakte Münze.

Mark Lilla bestreitet nicht, dass die „Black Lives Matter“-Bewegung mit der polizeilichen Misshandlung von Schwarzen ein ernstes Problem zur Sprache gebracht hat. Im Jargon eines Bernard-Henri Lévy redet er von einem Weckruf ans Gewissen. Aber er wirft der Bewegung vor, aus ihrem Monitum eine Anklage gegen die amerikanische Gesellschaft und den Justiz- und Polizeiapparat als ganzen gemacht zu haben. Diese Zurückweisung der Frage nach den allgemeinen Bedingungen von Einzelfällen, die eine fatale Kette bilden, sobald man hinblickt, verträgt sich schlecht mit Lillas Selbstbild als Champion des Universalismus.

Der Skandal, den der Satz „Black Lives Matter“ mit kontrafaktischer Nüchternheit der Verzweiflung auf den Punkt bringt, liegt in der Empirie von Handicaps, die stabil bleiben, auch wenn rassistische Gesinnung sich verflüchtigt: Schwarze Leben sind de facto weniger wert, weil Schwarze in schlechten Wohngegenden konzentriert werden, wo die Schulen ebenso schlecht sind wie die öffentlichen Verkehrsmittel und wo das Polizeirevier auch nicht die besten Nachwuchskräfte anzieht. Alles scheint sich verschworen zu haben, um das Leben missglücken zu lassen. Diesen Schein einer unmenschlichen Totalität nicht zu dementieren, sondern als Bedingungsgeflecht zu analysieren ist die Mission der Anthropologie von Didier Fassin.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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