Donald Duck, Tim und Digedags

Die Ideen der Comics von früher sind heute Wirklichkeit

Von Andreas Platthaus
 - 13:05

Als Donald Duck eines Morgens im Jahr 1950 aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in einen langbärtigen Greis verwandelt. Seine mittlerweile erwachsenen Neffen Tick, Trick und Track teilten ihm mit, nach dem Stich einer Tsetsefliege hätte er vierzig Jahre lang ununterbrochen geschlafen und wäre nun in einer ihm unbekannten Zukunft, worauf der gar nicht altersschwache Duck sich nach einer sorgfältigen Rasur sofort in die Wunder des Jahres 1990 stürzen will.

Das Problem dabei: Es handelt sich bei dem angeblichen jahrzehntelangen Tiefschlaf um einen Streich der winterbegeisterten Neffen, die ihrem ganz normal im Sommerurlaub entschlummerten Onkel einen Bart angeklebt haben, um ihn zu schockieren und dann zu einer Reise in ein schneereiches Gebiet zu verleiten, wo es keine Tsetsefliegen gibt. Doch Ducks Neugier auf den technischen Fortschritt ist viel größer als die Angst vor einem abermaligen Stich, und so bricht er mit den drei Neffen auf in die nächste Stadt, wo Donald vor allem eines sehen will: „einen hochmodernen Superschlitten“, wie er sich in der deutschen Übersetzung salopp ausdrückt. Im amerikanischen Original heißt es sachlicher: „a modern automobile, a 1990 model“.

Die fünfziger Jahre waren das große Jahrzehnt der Automobilisierung

Carl Barks, der diese Entenhausener Geschichte für das Januar-Heft des Jahrgangs 1950 der Comicserie „Walt Disney’s Comics & Stories“ zeichnete, wusste genau, was seine jungen Leser an der Zukunft interessieren würde: Autos. Und als die Ducks die Stadt erreichen, zerbricht durch einen Zufall in ihrem Gepäck eine Flasche Äther, mit der sie eigentlich Schmetterlinge betäuben wollten, und Donald Duck atmet die Dünste ein, wodurch er zu phantasieren beginnt: Im Ätherrausch sieht er Häuser aus Gummi, Leute ohne Köpfe und Beine ohne Leute, vor allem aber skurril verformte Automobilkarosserien, die ihm als avantgardistische Sensationen erscheinen. „Die Welt hat sich wirklich verändert“, ruft er aus – die eklatanten Unterschiede im Fahrzeugbau beweisen es. An diesem Punkt verlassen wir die Handlung um den tollen Schwindel; er kommt nie heraus, weil Donald Duck durch zu viel Äther in Ohnmacht fällt und nach dem Erwachen alles Erlebte für einen Traum hält.

Das ist die einzige Zeitreise in die Zukunft, die Carl Barks seine Entenhausener Helden erleben lässt, während die Vergangenheit mehrfach aufgesucht wird. Auch wenn die Reise ins Jahr 1990 getürkt ist, verrät sie einiges über die Erwartungen von Amerikanern an den technischen Fortschritt. Zwar wird von den Neffen behauptet, es gäbe auch tägliche 3-Uhr-Raketen zur Venus und polizeiliche Ausnahmerechte in der Straßenverkehrsordnung, aber was ist das schon gegen die Zukunft des Individualverkehrs? Die fünfziger Jahre, die mit dieser Donald-Duck-Geschichte eingeleitet wurden, waren in der Tat das große Jahrzehnt der Automobilisierung in den Vereinigten Staaten, und Barks hatte es vorausgesehen, auch wenn er sich darüber eher lustig machte.

Das Auto als Indikator für Zukünftigkeit

Als das Abenteuer übrigens erstmals auf Deutsch publiziert wurde, war bereits das Jahr 1976 angebrochen, und 1990 schien nicht gar so weit weg, also behaupten die Neffen in dieser Version, Donald habe bis ins Jahr 2000 geschlafen. Das klang damals Wunder wie futuristisch, aber als die Geschichte 1988 nachgedruckt wurde, war auch das neue Jahrtausend näher gerückt, und die Neffen behaupteten nun, der Onkel wäre 2012 aufgewacht. Diesen Zeitpunkt haben wir mittlerweile auch hinter uns gelassen, und man darf gespannt sein, wovon der Text beim nächsten Abdruck sprechen wird. Aber das Auto als Indikator für Zukünftigkeit wird immerhin bleiben, egal auf welche Jahreszielgröße wir schauen.

Dass aber gerade in den fünfziger Jahren Comicgeschichten rund um den erhofften technischen Fortschritt Epoche machten, ist kein Zufall. Die Fünfziger waren ein optimistisches Jahrzehnt, man könnte auch sagen: ein unkritisches. In der deutschen „Micky Maus“ lief damals eine populärwissenschaftliche Serie namens „Unser Freud, das Atom“, in der die durch Nukleartechnik zu erwartenden Lebenserleichterungen vorgestellt wurden.

Und fast am Ende des Jahrzehnts, im Dezember 1958, löste der ostdeutsche Zeichner Hannes Hegen die bislang in seinem populären DDR-Comic „Mosaik“ üblichen Zeitreisen in die Vergangenheit durch einen Handlungsstrang ab, der im Weltraum spielte, in einer außerirdischen sozialistischen Idealgesellschaft auf einem Planeten namens Neos. Der Triumph des sowjetischen Sputnik ließ bei dieser Themenwahl grüßen. Und auch im „Mosaik“ gab es fortan für die junge Leserschaft regelmäßig lehrreiche Ausblicke auf die Segen des Fortschritts wie etwa Turbinentechnik.

Mondmission stand im Fokus

Man wird nicht mehr feststellen können, ob für Hannes Hegen dabei zwei belgische Comicserien als Vorbilder gedient haben, auch wenn man weiß, dass vom Zoll der DDR beschlagnahmte westliche Comics der Mosaik-Redaktion als Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt wurden. Schon im März 1950, ganz kurz nach Carl Barks’ simulierter Vorausschau aufs Jahr 1990, hatte der belgische Zeichner Georges Remi alias Hergé seinen Reporterhelden Tintin (auf deutsch Tim) in einer gewaltigen Fortsetzungsgeschichte auf eine Mondmission geschickt, die erst drei Jahre später ihren Abschluss finden sollte.

In den zwei Alben „Reiseziel Mond“ und „Schritte auf dem Mond“ zusammengefasst, konnte man das komplette Abenteuer 1954 lesen, und es machte Furore als ein Comic, der dank der akribischen Recherche, die Hergé und seine Mitarbeiter angestellt hatten, etliche Details der späteren Apollo-Mission vorwegnahm. Wurde in Entenhausen über die Raketenverbindung zur Venus gewitzelt, nahm man die Raumfahrt im fiktiven Staat Syldawien, wo die Abschussrampe der berühmt gewordenen rotweißkarierten Tintin-Mondrakete angesiedelt war, tierisch ernst.

Die andere belgische Comicserie der fünfziger Jahre, die sich intensiv mit der Technik der Zukunft beschäftigte, war „Spirou“. Darin wurden die Abenteuer des gleichnamigen heldenhaften Hotelpagen erzählt, der mittlerweile die größte Konkurrenz zu Hergés Tintin darstellte und wie dieser auch Titelheld eines eigenen wöchentlichen Comichefts war. Gezeichnet wurde Spirou damals von André Franquin, der siebzehn Jahre jünger war als der 1907 geborene Hergé und deshalb in den fünfziger Jahren von geradezu jugendlichem Überschwang angesichts des technischen Fortschritts. Franquin feierte die Moderne, Hergé war da weitaus skeptischer; seine Mondmission konnte nur durch das selbstlose Opfer eines Astronauten gerettet werden.

Die Zukunft gehörte Europa

Das wichtigste Jahr für die Fortschrittsbegeisterung war 1958, und ihr wichtigster Ort war die Weltausstellung von Brüssel. Aus diesem Anlass veröffentlichte Franquin eine vierseitige Episode namens „Spirou entdeckt Europa“, in der seine Figuren die Pavillons der Weltausstellung besichtigen und sich dabei für moderne Eisenhütten oder die damals erstmals vorgestellten Audioguides begeistern, vor allem aber den 1952 erfolgten Zusammenschluss von sechs europäischen Staaten zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl als wegweisendes politisches Modell bejubeln, das 1958 in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gemündet war, die Vorläuferorganisation der Europäischen Union. Die Zukunft, daran ließ Spirou keinen Zweifel, gehörte Europa.

Und Franquin war ein Autonarr, weshalb er auch im Rahmen seiner Serie das berühmteste aller Comic-Automobile entwickelte. Schon 1955 hatte er in der Geschichte „Aktion Nashorn“ den Turbotraction eingeführt, einen himmelblauen Sportwagen mit Turboantrieb, damals seiner Zeit weit voraus. Und drei Jahre später, just im Jahr der Brüsseler Weltausstellung, ließ Franquin in seinen Comics das verbesserte Nachfolgemodell Turbotraction 2 folgen. Beide Modelle sind feuchte Träume für Automobilnarren, und mittlerweile wurden die spektakulären Karosserien sogar nachgebaut und sind somit tatsächlich auf die Straße gelangt, wenn auch nur als Einzelanfertigungen für Liebhaber. Doch das, was Donald Duck 1950 nur im Rausch imaginierte, das durfte Spirou bereits ein halbes Jahrzehnt später fahren: die Zukunft des Automobils, vorgeträumt in den Comics der fünfziger Jahre.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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