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Umsätze brechen ein

Ist das Buch am Ende?

Von Sandra Kegel
 - 20:05
In Würzburg werden neuwertige Bücher zerhäckselt, die keiner mehr kauft. Bild: Lucas Wahl, F.A.Z.

Der Börsenverein, als Lobbyist des deutschen Buchhandels stets um gute Stimmung bemüht, hatte bis vor kurzem eine Kampagne laufen, die den Leser mit dem Slogan „Vorsicht Buch!“ zu umgarnen suchte. In früheren Zeiten hätte der Hintersinn womöglich verfangen. Gemünzt war das ja nicht auf Krimis, sondern darauf, dass die Literatur Wahrheiten zu formulieren imstande ist, die brandgefährlich sein können, man denke nur an Solschenizyns „Archipel GULag“, Orwells „1984“ oder Lindgrens „Pippi Langstrumpf“. Inzwischen aber scheint es für den Börsenverein bereits zu heikel zu sein, das Buch auch nur semantisch in die Nähe von Hindernis und Gefahr zu bringen. Kürzlich hat er deshalb den neuen Slogan „Jetzt ein Buch!“ in Umlauf gebracht. Das hat zwar das Erregungspotential einer Schlaftablette und lässt jene sprachliche Eleganz vermissen, die man von Menschen erwarten darf, die mit Worten hantieren. Der Grund aber liegt auf der Hand: Hier soll positiv gewendet werden, was zurzeit alles andere als positiv zu wenden ist. Der Buchmarkt steckt in der Krise.

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Natürlich kann man sofort einwenden: Was ist neu daran? Wo ist die Nachricht? Die strukturellen Veränderungen des Buchgeschäfts, Stichwort Digitalisierung samt ihren Umwälzungen, erschüttern Verlage und Buchhandlungen seit Jahren. Der Sinkflug aber scheint mittlerweile so unaufhaltbar – in nur fünf Jahren brach der Umsatz gedruckter Bücher um dreizehn Prozent auf prognostizierte etwa acht Milliarden Euro 2016 ein, und ein Ende ist nicht abzusehen, weil auch die digitalen Bücher das längst nicht auffangen –, dass im sonst so redseligen Literaturbetrieb inzwischen eine Art Omertà herrscht: Jeder weiß es, aber niemand will darüber reden. Zu groß ist die Sorge, dass noch die leiseste Skepsis gegenüber dem Buch und seiner Bedeutung als gesamtgesellschaftlichem Reflexionsmedium den Abwärtstrend noch verschlimmern könnte. Dass am Ende der Leser, das rätselhafte Wesen, sich darin bestärkt fühlen könnte, seine Lektüre endgültig aufzugeben und nur noch Serien zu schauen. Drei Stunden sehen die Deutschen durchschnittlich fern, jeden Tag.

Auch jetzt, in den letzten Wochen vor der weltgrößten Buchmesse in Frankfurt, erreichen uns Ankündigungen, deren verordnete Zuversicht die Mutlosigkeit schwerlich verbirgt: „Die Branche präsentiert sich selbstbewusst und optimistisch.“ Also doch alles in Butter? Wer sich im Land umhört, erlebt eine andere Realität. Da erzählen Buchhändler, wie sie nur noch stumm danebenstehen, wenn die Kundschaft lustlos in den Neuerscheinungen blättert, um dann mit einer Illustrierten unterm Arm das Geschäft zu verlassen. Man hört von Handelsvertretern, die sich, wenn sie mit ihren Kofferexemplaren durch die Lande ziehen, mittlerweile als psychologischer Notdienst begreifen. Ehe es ums Geschäft geht, müssten sie erst noch halbstündige Krisengespräche mit den Inhabern darüber führen, ob das, was sie täten, überhaupt noch Sinn habe. Inzwischen gibt es Buchhändler, die ihr Geschäft nur dank eines Zweitjobs halten können. Andere verdienen mehr Geld mit Plüschtieren und Kaffeetassen als mit dem Buchsortiment.

Die Reaktion der Verlage schwankt zwischen Ratlosigkeit und Aktionismus. Immer mehr Bücher werden auf den Markt geworfen, in der Hoffnung, dass sich darunter der eine Titel befindet, der es schafft, Aufmerksamkeit zu erregen und mit hohen Verkaufszahlen alle anderen Titel mitzufinanzieren. Dem einzelnen Buch aber wird viel zu wenig Zeit zugestanden, sich zu entwickeln. Denn geht die Rechnung nicht auf, wie in den meisten Fällen, verschwinden die Bücher sang- und klanglos. Manche große Buchhandelskette verbannt die Belletristik immer weiter aus dem Sichtprogramm. Was noch einigermaßen gehe, sagen Buchhändler, seien Krimis und Sachbücher, sofern diese leicht lesbar die direkte Umgebung in den Blick nähmen: den Darm, die Biene, den Baum. Die Zeiten, in denen ein komplexes Werk wie „Gödel, Escher, Bach“ ein großes Publikum erreichte, seien vorbei. Und auch anspruchsvolle Prosa, die von der Kritik gefeiert und für bedeutende Preise nominiert wurde, verkauft sich bisweilen nur zweitausendmal. Hat das Buch also seine Rolle als Medium gesellschaftlicher Auseinandersetzung eingebüßt?

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Jedenfalls lässt sich feststellen, dass es kaum noch Bücher gibt, die das ganze Land beschäftigen. Der intellektuelle Resonanzraum schrumpft stetig – und weicht dem Raum für Events. Statt selbst zu lesen, besucht das Publikum lieber spaßige Veranstaltungen in Literaturhäusern oder bei Lesefesten, die längst nicht mehr nur in Großstädten ausgerichtet werden. Damit ist die Literatur im Unterhaltungssegment angekommen, wo sie mit Comedy-Auftritten, Zaubershows und Facebook konkurriert.

Ist es am Ende vielleicht so, dass niemand mehr die Einsamkeit der Lektüre erträgt? Nur jeder Fünfte liest überhaupt noch. Hier liegt das Problem, und es hat mit der Digitalisierung nur wenig zu tun. Was sollte es eigentlich heißen, als zur vorigen Frankfurter Buchmesse stolz verkündet wurde, Bücher lägen im Ranking der Freizeitbeschäftigung auf einem „guten vierzehnten Platz“? Das ist weit abgeschlagen hinter „Kuchen essen“ und „Ausschlafen“.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel
Redakteurin im Feuilleton.
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