Schriftsteller Richard Ford

Es war einmal in Amerika

Von Tobias Döring
 - 21:26

Die Gräber seiner Eltern hat Richard Ford nie besucht – aus Liebe und Respekt vor ihnen, wie er sagt. Denn am meisten konnten sie das Leben immer dann genießen, wenn sie es in enger und fast weltvergessener Gemeinschaftlichkeit führten, zumal in den ersten sechzehn Jahren ihrer Ehe, als sie noch kinderlos waren, weder Hab und Gut noch Haus und festen Wohnsitz hatten. Im Firmenwagen, der dem Vater auf Spesenrechnung zustand, fuhren sie jahraus, jahrein durchs weite Land – Mississippi, Alabama, Nord-Louisiana, Süd-Arkansas –, übernachteten in günstigen Motels, lernten dort gelegentlich Kollegen, das heißt andere Handlungsreisende kennen, unterhielten aber sonst keinerlei Sozialkontakte, erst recht nicht zur eigenen Familie. Fernsehen gab es noch keins, Bücher galten ihnen nichts. So waren sie sich selbst genug und glücklich.

Als der Vater jedoch 1960 starb, mit Mitte fünfzig, holte ihn sein Bruder eigenmächtig vom Bestatter und ließ ihn im Familiengrab beisetzen. Die Mutter war viel zu benommen, um dagegen einzuschreiten. Für sie war ohnehin kein Platz. Als sie selbst starb, mehr als dreißig Jahre später, wurde sie andernorts begraben. So gibt es denn für ihren Sohn seither keinen gemeinsamen Erinnerungs- und Trauerort. Die getrennten Gräber meidet er.

Ford folgt seinen eigenen Erinnerungen

Stattdessen folgt Ford eigenen Erinnerungen und versucht, aus den Spuren und Erzählfragmenten, die ihm selbst nach langer Zeit geblieben sind, so etwas wie ein Doppelporträt jener Lebensgemeinschaft zu zeichnen, der er seine eigene Existenz verdankt. Gerade weil sie uns in aller Regel von Geburt an so vertraut und nah sind, bleiben einem Eltern unzugänglich, im strikten Sinne unvorstellbar, so dass, wie Ford erklärt, „das umfassende Kennenlernen unserer Eltern zu den größten Herausforderungen für uns alle gehört“. Eine Schlüsselszene dafür war als Kind eine Begegnung auf der Straße, als ihn eine ältere Nachbarin anspricht und umstandslos fragt, wer er sei. Als er seinen Namen sagt, erwidert sie: „Ach ja. Deine Mutter ist die niedliche kleine Schwarzhaarige von weiter oben.“ Die Mutter niedlich? Der Sohn hätte selbst nicht einmal gewusst, ob sie groß oder klein war, denn ein Bewusstsein dafür, wie sie von außen wahrgenommen wird, hatte er noch nicht gewonnen. Es macht die suggestive Spannung dieses ungemein berührenden Erinnerungsbuchs aus, wie behutsam es solche Überlagerungen von Außen- mit Innenansichten erkundet und vermittelt.

Zwei Anläufe unternimmt der Autor, mittlerweile selbst im achten Lebensjahrzehnt stehend, der unbekannten elterlichen Existenz in Erzählversuchen näherzukommen. Das Porträt des Vaters, das den ersten Teil ausmacht, ist kürzlich entstanden, das anschließende Porträt der Mutter bereits 1981, kurz nach ihrem Tod. Zusammen wirken sie wie ein kubistisches Gemälde, in dem wir ein und dieselbe Figur bruchstückhaft aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erkennen und somit aufgefordert werden, die Bedingtheit unserer eigenen Blicke zu bedenken. Genau das unternimmt der Autor hier: „So viele Kleinigkeiten trugen sich zu, dass es für ein ganzes Leben reichen würde. Früher hatte ich mehr davon im Gedächtnis als heute. Ich habe Erinnerungen notiert, Auffälliges in Romanen versteckt, einzelne Geschichten immer wieder erzählt, damit sie für mich zugänglich blieben. Aber Bruchstücke können durchaus für das Ganze stehen.

Einer der größten amerikanischen Erzähler

Natürlich gewinnt das alles Substanz und Gewicht, weil hier einer der größten amerikanischen Erzähler der Gegenwart schreibt, mit meisterlichem Gespür für die Aussagekraft kleinster Gesten und Momente: das Quietschen der Bettfedern im Elternschlafzimmer, das der Sohn nachts nebenan vernimmt; der Geruch von frischen Shrimps, die der Vater zum Ende seiner auswärtigen Arbeitswoche als Vertreter mitbringt; das weiße Gesicht der Mutter vorm Zugfenster, als der Sohn zum Collegestudium nach Norden reist. Man kann auch kaum umhin, Verbindungen vom hier geschilderten Familienleben zu Fords Romanen zu suchen, ihrer Sehnsucht nach der Welt, der Rastlosigkeit ihrer Figuren.

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Dennoch deutet sein Elternbuch ein „Porträt des Künstlers als jungem Mann“ nur dadurch an, dass er dessen Ausführung gezielt vermeidet. Anders als James Joyce verfasst Ford keinen Bildungsroman; wie sein Titel sagt, erscheint er selbst nur „zwischen ihnen“, stets beiläufig und eher zwangsläufig, im rückwärtigen Fluchtpunkt der Wahrnehmungsperspektive. Ganz vereinzelt, fast verschämt nur finden sich Hinweise auf den Autor und werdenden Schriftsteller – der bewegendste und abgründigste, als Ford zum Ende mutmaßt, dass er ohne den frühen Tod des Vaters wohl nie ein Wort geschrieben hätte, „so groß wäre sein Einfluss auf mich bald geworden“.

Dramatik ist streng gezügelt

Ansonsten aber wird hier nichts enthüllt und jegliches Interesse an Dramatik streng gezügelt. Dabei hätte die Familiengeschichte einiges zu bieten. Ein Großvater nimmt sich das Leben, eine Großmutter nimmt sich ihren jungen Liebhaber zum neuen Mann und schickt ihre Tochter aus erster Ehe auf die Nonnenschule, damit die ihn nicht noch auf weitere Gedanken bringe. Fords Mutter schließt mit ihrem halbwüchsigen Sohn, nachdem sie ihren Ehemann so früh verliert, eine recht besondere Art der Partnerschaft, deren Abgründe jedoch verschlossen bleiben. Stattdessen geht es ganz um den Versuch, durch Mutmaßung und Einfühlung eine Vorstellung vom Glück wie von den Mühen eines längst vergangenen Alltagslebens zu gewinnen – in den Südstaaten, vor dem Krieg, on the road –, das gleichermaßen vertraut wie entrückt scheint.

Im Nachwort nennt Ford das Gemälde „Der Fall der Ikarus“ von Brueghel als ein weises Beispiel dafür, wie beiläufig ein hochdramatisches, ja tragisches Geschehen vermittelt werden kann: Nur zwei Beine, die hinten rechts im Meer versinken, zeugen vom Himmelssturz des vorwitzigen Sohnes, während der Bauer und der Rest der Welt unbekümmert ihren Angelegenheiten nachgehen. Mit Ikarus gibt uns der Autor womöglich einen weiteren verschwiegenen Verweis auf Joyce, dessen „Porträt“ mit der Anrufung dieser Figur endet. Fords Doppelporträt der verlorenen Eltern aber zielt auf anderes: Durch Wiedergabe ihrer Alltagsangelegenheiten schafft er ihnen in der Erzählung die gemeinsame Grabstätte, die ihnen in der Welt verweigert wurde. Zwischen ihnen setzt der Sohn seinen eigenen Flug gewaltig fort.

Richard Ford: „Zwischen ihnen“. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2017. 133 S., geb., 18,– .

Quelle: F.A.Z.
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