Berliner Literaturfestival

Schaudern statt Plaudern

Von Andreas Kilb
 - 11:34

Am vergangenen Montag hatte Elena Ferrantes Roman „Die Geschichte der getrennten Wege“ in Berlin Premiere. Der Saal im Haus der Berliner Festspiele war angemessen voll, auf der Bühne stellte ein Moderator kluge Fragen, eine Kritikerin gab Auskunft zur Freundinnen-Tetralogie Ferrantes, deren dritter Band die „Getrennten Wege“ sind, und eine Schauspielerin las Auszüge aus dem Buch.

Nur die Autorin fehlte. Das war zu erwarten, denn bislang hat Ferrante ihr Inkognito gegen alle Versuche verteidigt, es auf legale und illegale Weise zu enthüllen. Unerwartet war die Einsicht, dass das niemanden störte. Die metallisch klaren, melancholisch-matten Satzperioden des Romans füllten den Raum, das Podium schwieg, das Publikum lauschte, und niemand nahm Anstoß daran, dass es zu dieser so bildhaften Prosa kein Gesicht zu sehen gab.

Zu viel Persönlichkeit braucht es auch nicht

Wie viel Persönlichkeit braucht ein Kunstwerk? Wie nah darf man einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin kommen, bevor man anfängt, statt in ihren Büchern nur noch in ihrem Gesicht zu lesen? Solche Fragen stellen sich bei jeder öffentlichen Lesung und ganz besonders auf Literaturfestivals, wo eine Lesung der anderen und ein Künstler-Auftritt auf den nächsten folgt.

Zwei Tage vor der abwesenden Elena Ferrante etwa war die britische Feministin Laurie Penny auf dem Berliner Literaturfestival aufgetreten, und bei ihr war die Bilanz genau umgekehrt: Es gab viel lärmende und überschäumende Personality, aber fast gar keinen Text.

Eventkultur hat Lesefeste im Griff

Denn das, was Penny aus dem – eingestandenermaßen hastig geschriebenen – Vorwort ihres neuen Buchs „Bitch Doktrin“ zum Besten gab oder geben ließ, war kein literarischer Text, sondern der Anfang eines sehr langen Anti-Trump-Anti-Brexit-Anti-Populismus-Leitartikels; und der Ton, in dem sie anschließend mit der beglückten Moderatorin und dem Publikum über ihr Leben und Schreiben dampfplauderte, gab wenig Anlass zu der Hoffnung, daran könnte sich auf den übrigen dreihundert Seiten von „Bitch Doktrin“ noch etwas ändern.

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Vielleicht muss man Auftritte wie den von Laurie Penny als Normalfall jener Eventkultur verbuchen, die inzwischen auch die Lesefeste im Griff hat und der am anderen Ende der Skala die tagelangen Konferenzen entsprechen, auf denen – wie auf dem vom Berliner Literaturfestival organisierten „international congress for democracy and freedom“ – sehr ernsthaft über Menschenrechte, Islam, Digitalisierung und natürlich über Trump und den Brexit geredet wird.

Persönliche Geschichte trägt zur Atmosphäre bei

Dann aber, immer noch, gibt es Begegnungen wie die mit Maaza Mengiste. Ihr Debütroman „Unter den Augen des Löwen“, ein Panorama der äthiopischen Revolution von 1974 und der ihr folgenden Militärdiktatur, ist schon vor vier Jahren erschienen, aber wer ihr jetzt zuhörte, als sie in Berlin darüber sprach, mochte glauben, sie habe ihn gerade erst geschrieben.

Der Stoff des Romans ist Mengistes eigene Familiengeschichte, durch Recherchen ergänzt, durch Phantasie verwandelt. Indem sie jedoch dem Grauen, das sie selbst als Kleinkind noch miterlebte, die Form einer Geschichte gibt, bewahrt sie die Atmosphäre der Terrorherrschaft genauer auf, als jede politische Dokumentation es könnte. Inzwischen sehe sie überall Äthiopien, sagt Maaza Mengiste, in den zerfallenden Staaten der arabischen Welt ebenso wie in dem Land, in dem sie lebt – im Amerika von Donald Trump.

Mehr Geld und hoffentlich mehr Neues

Fünfzehn Jahre lang hat das Berliner Literaturfestival von der Hand in den Mund, sprich: von dreihundertfünfzigtausend Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds gelebt. Von 2018 an bekommt es nun fast den doppelten Betrag. Das bedeutet nicht, dass das Festival demnächst mit Geld um sich werfen kann. Aber man darf doch hoffen, dass es in Zukunft weniger alte Bekannte und mehr Debütantinnen wie die Belgierin Lize Spit und unentdeckte Meisterinnen wie die Australierin Charlotte Wood einlädt.

Beide haben über gequälte Frauen geschrieben; aber wo die eine das Drama einer Pubertät auf dem Land in ein naturalistisches Höllenlicht taucht, spinnt die andere eine Science-Fiction-Phantasie rings um ein Gefängnis für sexuell auffällige Frauen im Outback aus. Die Lesungen der beiden Bücher waren entsprechend unterschiedlich, glühend hier, abgeklärt dort, und doch hätte man sie gern an einem Tisch gesehen, in einem Festivalformat, das noch nicht existiert, aber zum Geist von Berlin mindestens so gut passen würde wie ein Kongress über Demokratie

Manche Geschichten werden oft erzählt

Donna Leon ist nicht die ideale Vorleserin ihrer Romane. Sie betont und gestikuliert, als läse sie vor Schülern. Und die Geschichte, wie sie im Gespräch mit einem befreundeten Dirigenten im Teatro La Fenice auf die Idee zu ihrem ersten Commissario-Brunetti-Krimi kam, hat sie vor der Vorstellung der sechsundzwanzigsten Brunetti-Episode am Mittwochabend sicher schon hundertmal erzählt. Aber Donna Leon war da.

Sie erzählte, wie viel Spaß ihr das Schreiben immer noch mache, und ließ sich beim Vorlesen nach kurzem Luftholen von der Schauspielerin Annett Renneberg vertreten. Dass Renneberg in den Brunetti-Adaptionen des deutschen Fernsehens eine Hauptrolle spielt, erwähnte sie nicht. Man muss nicht alles sehen. Besser, man liest es.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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