Evgeny Morozov liest Pynchons „Bleeding Edge“

In der Tiefe

Von Evgeny Morozov
 - 17:30
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Warum sollte Thomas Pynchon seine Zeit auf einen Roman über die Welt der Dotcom-Unternehmer, Hacker und Venture-Kapitalisten verschwenden? Pynchon war doch immer auf der Jagd nach dem Märchenhaften, Unheimlichen und Konspirativen, aber auf digitalem Terrain hat er es mit einer buntscheckigen Mannschaft realer Figuren zu tun, die ihre Absonderlichkeit längst zu einem vermarktungsfähigen Kapital gemacht haben. Und was für ein Kapital: Man schaue sich nur die verrückten Dinge an, die in dem von Wikileaks betriebenen Online-Shop angeboten werden, von Bierkrügen bis zu Einkaufstaschen.

(English Version: The Deepest of Webs - Evgeny Morozov reads Pynchon)

Könnte Pynchon etwas so Verrücktes wie Peter Thiel überbieten? Da ist ein Selfmade-Milliardär, der a) hofft, wir könnten eines Tages dauerhaft auf dem Meer wohnen, weit von jeder staatlichen Jurisdiktion; der b) eine Stiftung finanziert, die für die Ideen des französischen Philosophen René Girard wirbt; der c) talentierte Studenten dafür bezahlt, dass sie ihr Studium aufgeben, während er selbst an der Stanford Law School lehrt; und der d) dem Vorstand von Palantir vorsitzt, einem tief im militärisch-industriellen Komplex verankerten Unternehmen, das von seinem philanthropischen Betriebszweig behauptet, er liefere Tools „für Anwender, die sorgfältig gearbeitete Sicherheitsvorrichtungen verlangen, mit denen sich die Privatsphäre und die bürgerlichen Freiheiten schützen lassen“?

Katharsis nach der Snowden-Affäre

Oder denken Sie an John Perry Barlow, der Mitte der neunziger Jahre die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ verfasste. Dieser Mann arbeitete in den Siebzigern in Dick Cheneys Team für dessen ersten Kongresswahlkampf und schrieb zugleich Songtexte für The Grateful Dead. Oder denken Sie an Elon Musks jüngsten Plan, das völlig verrückte, als „Hyperloop“ bezeichnete Projekt, San Francisco mit Los Angeles zu verbinden. Diese Leute brauchen keine Romanciers - sie brauchen einen Dokumentarfilmer und vielleicht einen oder zwei Psychoanalytiker.

Irgendwie gelingt es Pynchon dennoch, diese Leute zu übertreffen. „Bleeding Edge“ ist ein echter Pynchon: paranoid, schrecklich gebildet, vollkommen heimisch im kulturellen Milieu seiner Figuren - und so vorausahnend, wie ein Romancier dies nur sein kann. Wer sich durch die aktuelle Snowden-Affäre traumatisiert fühlt, wäre gut beraten, in diesem Roman nach Katharsis zu suchen. „Katharsis“ erreicht man in Pynchons Augen durch eine Überdosis Nihilismus, gewürzt mit Zynismus und ausgezeichneten Witzen. Sollen wir lachen oder weinen, wenn Pynchons Figuren ausplaudern, das inoffizielle Motto der National Security Agency laute: „Kein Tastenanschlag wird zurückgelassen“? Und geben wir es zu: „Louche and De Toilet“ ist ein viel besserer Name für „Deloitte and Touche“. (Pynchon ist ein Meister in solchen Wortspielereien bei Firmennamen. In „Gravity’s Rainbow“, deutsch „Die Enden der Parabel“, seinem Meisterwerk von 1973, gibt es eine Anwaltskanzlei mit Namen Salitieri, Poore, Nash, De Brutus, and Short.)

Furby wird gehackt

Schauplatz von „Bleeding Edge“ ist New York - der Roman beginnt ein paar Monate nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001, aber noch vor dem 11. September und endet ein paar Monate nach der Tragödie - und es wimmelt darin von Verweisen auf reale Personen. Der berüchtigte Finanzinnovator Bernie Madoff erscheint gleich neben dem russischen Hiphop-Star Detsl, während unschuldige Technik wie Furby - ja, das Plüschtier - gehackt, verändert, mit einem Spracherkennungschip ausgestattet und zum Ausspionieren eingesetzt wird.

Der Roman folgt einer gewissen Maxine Tarnow, einer bissigen Betrugsermittlerin, auf ihren Wegen durch die undurchsichtige, extrem statusbewusste Welt New Yorks. Tarnow ermittelt in einem oder zwei mysteriösen Fällen, die möglicherweise mit dem 11. September zusammenhängen oder auch nicht, hat eine Affäre mit einem jener überaus seltenen Wesen - einem NSA-Angestellten, der vielleicht ein Herz hat - und nutzt jede Gelegenheit, um die widerwärtige Umwandlung New Yorks in eine riesige Shopping-Mall zu beklagen. Schließlich kommt sie einem gewissen Gabriel Ice auf die Spur, einem „jungenhaften Milliardär“ im Stile Peter Thiels, der ein zwielichtiges Technologieunternehmen namens „hashslingrz“ leitet, das über weitreichende Verbindungen zum militärisch-industriellen Komplex verfügt. (Ice füllt die Rolle gut aus; „im Vergleich zu ihm erscheint Bill Gates charismatisch“, bemerkt Maxine.) Ice ist einer jener Unternehmer, die eine „große Idee“ verfolgen und das TED-Imperium lebendig erhalten. Er möchte seine Kosten senken, indem er „nach Norden geht“ und „Serverfarmen dort baut, wo die Wärmeabführung kein Problem darstellt“. Passend zu seinem Namen will er in der arktischen Tundra Rechenzentren bauen, untergebracht in geodätischen Kuppeln im Stile Buckminster Fullers. „Die Zukunft“, heißt es, „liegt dort draußen im Permafrost.“

Er lässt die Technowelt poetisch erscheinen

Wie in vielen Romanen Pynchons ist der Plot zweitrangig gegenüber vielen anderen Dingen, die geschehen. Auf alle Fälle ist er fesselnd genug, um den Leser bei der Stange zu halten; aber vor allem sind es Pynchons idiosynkratischer Blick auf die Welt der digitalen Start-ups und Unternehmer, ihre absonderliche Sprache und ihr unvermeidlich lukrativer Utopismus, die „Bleeding Edge“ zu einem brillanten und notwendigen Buch machen. Pynchon lässt die Technowelt poetisch erscheinen. Dort blicken die Menschen einander nicht einfach an - sie „scannen“ sich gegenseitig nach „geistiger Malware“ ab. Eine Bar für Computerfreaks wird als „finstere Nichtstuersphäre“ beschrieben.

Pynchons Begeisterung für die vielfältigen Zweideutigkeiten der Wissenschaft, der Medien und der Technologie war noch nie ein Geheimnis. Dieser Technofetischismus hat ihm die Liebe und Aufmerksamkeit von Medientheoretikern wie Friedrich Kittler eingebracht. Und während Kittler und seine Gefolgsleute fleißig Pynchon studierten, scheint der fleißig sie und ihre Welt studiert zu haben. So finden sich in „Bleeding Edge“ zahlreiche Verweise auf „Hackerethik“, auf die Defcon-Konferenz (“auf der Computerfreaks jeglicher Ausrichtungen“ und „von allen Seiten des Gesetzes“ mit „Polizisten aller Ebenen“ zusammentreffen, „die meinen, undercover zu arbeiten“) oder auf die „Debatte über CCS versus Tabellen“ (eine undurchsichtige, mit schrillen Tönen geführte Debatte über Web-Design). Vielleicht als Abschiedsverbeugung vor dem verstorbenen Kittler, der einst den berühmten Ausspruch tat: „Es gibt keine Software“, findet sich eine scherzhafte Bemerkung über „nicht mehr lesbare Alt-Software“.

Ein Raum des Andersseins und der Abweichung

Der Grund, weshalb „Bleeding Edge“ auch in zwanzig Jahren noch gelesen werden dürfte, wenn man seine obskuren Scherze nur mit Hilfe einer speziellen App wird entschlüsseln können, hat aber wenig mit dem Plot, dessen sprachlichem Charme oder der Erörterung diverser Technologien zu tun. „Bleeding Edge“ bietet auch eine hochpoetische Meditation über die digitale Moderne - ein exzentrisches Prolegomenon zu einer Zukunft, die niemals war, aber hätte sein können. (Ein alternativer Titel hätte lauten können: Ein Porträt des Internets als junger Hipster.) Das Internet, das wir kennen, spielt nur eine marginale Rolle neben dem „Deep Web“ - seinem verschrobeneren, ungezogeneren und kaum verstandenen Bruder.

„Deep Web“ ist ein in digitalen Kreisen gebräuchlicher Fachausdruck und bezeichnet Websites, zu denen Google keinen Zugang hat, aber bei Pynchon nimmt er eine andere, bildhafte Bedeutung an. Während das Gegenteil des „Deep Web“ für die meisten Technologiefreaks das „Oberflächenweb“ ist - also das Zeug, das Suchmaschinen leicht auffinden können -, ist für Pynchon das Gegenteil des „Deep Web“ das „Seichte“ (ein Ausdruck, den er bei Nicholas Carr entlehnt, aber ganz anders benutzt). So erhält seine Verwendung von „Deep Web“ eine klare ästhetische Dimension. Es handelt sich nicht mehr nur um eine Reihe von Websites, die noch nicht von einer Suchmaschine angezeigt werden, sondern um einen Raum des Andersseins und der Abweichung, den Foucault einmal als „Heterotopie“ bezeichnet hat.

Von Fremden überschwemmt, ertrunken im Kommerz

Für Pynchon ist das „Deep Web“ zumindest in seinen frühen Jahren das, was Baudelaires Paris für Walter Benjamin war: eine nostalgische Feier dessen, was einmal war, vor dem Hintergrund der schmerzlichen Wahrnehmung dessen, was daraus geworden ist, und der immer noch spürbaren (aber rasch dahinschwindenden) utopischen Vision dessen, was es immer noch sein könnte. Dieser Gedanke hilft Pynchon, das nahezu vergessene Narrativ des Cyberflanierens wiederzufinden, das in den späten neunziger Jahren kurz im digitalen Diskurs auftauchte, um dann in der Welt der Apps, des semantischen Web und anderer perverser Versuche zu verschwinden, „die Informationen der Welt zu ordnen und sie weltweit zugänglich und nutzbar zu machen“ - um aus Googles eigener Aufgabenbeschreibung zu zitieren. Aber diese ästhetische Dimension der „digitalen Debatte“ wich rasch der juristischen und kommerziellen Dimension.

Sowohl Benjamin als auch Baudelaire setzten mit ihrer Analyse der vielen Veränderungen, denen Paris ausgesetzt war, in einem geschichtlichen Augenblick ein, der durch den Beginn der Moderne und eine Intensivierung des modernen Kapitalismus gekennzeichnet war. Anfangs empfand ihr Flaneur Ehrfurcht vor beidem, erkundete neugierig die kleinen Läden unter den Arkaden, durchstreifte die von ökonomischer Geschäftigkeit strotzenden Straßen und schrieb an Ort und Stelle einen Artikel fürs Feuilleton. Schließlich aber brach der Flaneur unter der kommerziellen Last zusammen, als die Arkaden Kaufhäusern wichen, die Autos die Straßen unsicher für seine Spaziergänge machten und das Feuilleton für ihn nur mehr zum Mittel wurde, seinen Unterhalt zu verdienen und die Trends aufzuzeichnen, die Anzeigenkunden gefallen konnten.

Etwas Ähnliches geschieht auch mit dem „Deep Web“ und den vielen „Cyberflaneuren“, die es hervorbrachte. Zu Beginn wird das „Deep Web“ als ein Raum dargestellt, der noch nicht vom Geld kolonisiert worden ist. Niemand bemüht sich um eine Optimierung für Suchmaschinen, schreibt für Geld Blogs oder versucht, durch Schlagzeilen Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst die Werbung steckt noch „in den Kinderschuhen“. Das ändert sich mit dem 11. September. Aufgrund einer mysteriösen Fehlfunktion des Codes installiert jemand eine Hintertür in „DeepArcher“, dem spannendsten Projekt des „Deep Web“, das eine gewisse Ähnlichkeit mit der virtuellen Welt von Second Life besitzt. In der Folge wird das „Deep Web“ von Fremden überschwemmt und ertrinkt in kommerziellen Angeboten. So muss denn Maxine bei einer ihrer Besuche nach dem 11. September „feststellen ..., wie sehr es sich verändert hat ... Yuppiehafte Duty-fe-Shops, manche für ausländische Marken, deren Schrift sie nicht einmal kennt. Überall Werbung. Auf Wänden, auf der Kleidung und der Haut der Leute, wie Pop-ups, die aus dem Unsichtbaren hervor und dir ins Gesicht springen.“

Warum so viele in der digitalen Kultur sich verraten fühlen

Noch ist nicht alles verloren - „neben dem Eingang einer Starbucks-Filiale“ finden sich „zwei Cyberflaneure“. Aber man darf sicher sein, dass diese „Cyberflaneure“ kein besseres Schicksal erwartet als die von Benjamin gefeierten. Wie eine der Figuren es ausdrückt: „Man möchte gerne glauben, es ginge immer so weiter, aber die Kolonisatoren sind im Anmarsch ... Es gibt schon ein halbes Dutzend gut ausgestatteter Projekte zur Entwicklung von Programmen, die das ,Deep Web’ durchsuchen ... Der Sommer wird nur allzu bald zu Ende sein, und sie machen sich über das ,Deep Web’ her, und alles wird schneller eingemeindet sein, als man ,Spätkapitalismus’ sagen kann.“ (Pynchons Narrativ, wonach die Interessen des Kapitals und der nationalen Sicherheit die verschrobene und wilde Heterotopie des „Deep Web“ zerstören, läuft parallel zu einem ähnlichen Narrativ des kulturellen Verfalls, und zwar New Yorks, das vom Geld beschmutzt wird, während Bürgermeister Giuliani für Korruption und Sicherheitswahn steht.) Der Verfall des „Deep Web“ erklärt, warum so viele in der digitalen Kultur sich verraten fühlen - ein Gefühl, das 2013 viele kennen. Eric, ein radikaler Hacker, der ein paar Hackeraufträge für Maxine erledigt, bringt es am besten zum Ausdruck:

„Jeden Tag mehr Luser als User, Tastaturen und Bildschirme verwandeln sich in Portale zu Websites für Dinge, nach denen, so hätte das Management es gern, alle süchtig sein sollen: Shopping, Spiele, Wichsvorlagen, endloser Müll ... Gleichzeitig rufen hashslingrz und Konsorten immer lauter nach ,Internetfreiheit’, während sie immer mehr davon an die Bösen abtreten ... Sie kriegen uns, gut, wir alle sind einsam und bedürftig, fühlen uns unbeachtet und glauben verzweifelt an jede schäbige Ersatzzugehörigkeit, die sie uns verkaufen wollen ... Man spielt mit uns, und es ist ein abgekartetes Spiel, und es wird erst zu Ende sein, wenn das Internet - das wirkliche, der Traum, das Versprechen - zerstört ist.“

Was sagt es über die Welt, in der wir leben

So kann es denn kaum überraschen, wenn Pynchon, der bekannt dafür ist, dass er die Öffentlichkeit meidet und sich nicht fotografieren lässt, entschieden für Anonymität und Unsichtbarkeit eintritt - zur Hölle mit Google und der NSA! -, weil sie unentbehrliche Elemente dieser alternativen, wohltuend verschrobenen und heterotopen Postmoderne darstellen; einer Postmoderne, die unter dem Druck des Informationskapitalismus und des globalen Kriegs gegen den Terrorismus ins Wanken geraten ist.

Das Buch ist keine Abhandlung über die Zukunft. So können wir denn letztlich nur zynisch und bissig werden. Pynchon selbst mag Moralisieren und Theoretisieren nicht sonderlich. Seine vielen spöttischen Bemerkungen über den „Spätkapitalismus“ - ein Ausdruck, der im Buch immer wieder auftaucht - sind ebenso eine Kritik am „Spätkapitalismus“ wie an vielen Theorien und akademischen Schlagworten zu dieser äußerst sonderbaren historischen Erscheinung. (Der beste akademische Scherz, der auf vielen akademischen Tagungen durchaus nicht wie ein Scherz klänge, handelt von Maxines Freundin Heidi, die nicht nur an Halloween als „Margaret Mead“ geht, sondern auch an einem „Artikel für das Journal of Memespace Cartography mit dem Titel ,Heteronormativer Aufgehender Stern, Homophober Dunkler Begleiter’ arbeitet, in dem sie die These vertritt, die Ironie, die angeblich ein zentrales Element des urbanen schwulen Humors darstellt und während der gesamten neunziger Jahre beliebt war, sei nun zu einem weiteren Kollateralopfer des 11. September geworden, weil sie die Tragödie nicht verhindert habe.“)

Was sagt es über die Welt, in der wir leben, wenn die tatsächlichen Ereignisse der letzten Monate diesen unverfroren paranoiden Roman nicht phantasievoll genug erscheinen lassen? Wer wäre heute beeindruckt von Pynchons ansonsten exzellenter Nebenbemerkung über eine „Software namens Promise, die ursprünglich für Bundesgerichte zum Austausch von Daten zwischen Distriktgerichten entworfen worden war“ und eine geheime Hintertür besitzt, die es dem Mossad, mit Hilfe des russischen Mobs, erlaubt, alle Geheimnisse aus amerikanischen Computern abzugreifen, auf denen sie installiert ist? Der Spätkapitalismus - ein Zustand, in dem ein Scherz von Thomas Pynchon die Titelgeschichte der morgigen Ausgabe des „Guardian“ oder der „Washington Post“ werden kann - ist wahrhaftig eine absonderliche Angelegenheit.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Thomas Pynchon: „Bleeding Edge“. A novel. The Penguin Press HC, New York 2013. 496 S., geb., 28,95 $.

Quelle: F.A.Z.
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