Goldschmidt und Stach über Kafka

Was Kafka am Radschlagen liebte

 - 20:37

Der in Hamburg geborene Georges-Arthur Goldschmidt wurde von seinen Eltern 1938 erst nach Italien und dann nach Frankreich geschickt, wo der Protestant jüdischer Abstammung die deutsche Besatzungszeit in einem Internat überlebte. Später wurde er Katholik und französischer Staatsbürger und einer der wichtigsten literarischen Grenzgänger zwischen seinen Heimatländern: in beiden Sprachen schreibend, in beide Sprachen übersetzend.

Anlass von Reiner Stachs Besuch bei ihm ist ein dickes Papierkonvolut, das beim Gespräch auf dem Sofa liegt: die Fahne von „Kafka - Die frühen Jahre“, dem am 24. September erscheinenden Abschluss von Stachs dreiteiliger Kafka-Biographie, deren erste Bände 2002 und 2008 erschienen sind und jeweils als Meilensteine gefeiert wurden. Stach hat sich dieses Gespräch gewünscht, denn Goldschmidt hat nicht nur „Der Prozess“ und „Das Schloss“ ins Französische übersetzt, sondern vor sieben Jahren auch den großen Essay „Meistens wohnt der den man sucht nebenan - Kafka lesen“ publiziert. In den nächsten drei Stunden wird es zwischen beiden nur darum gehen: wie man Kafka liest. Und wie man nach ihm schreibt.

Georges-Arthur Goldschmidt: Herr Stach, ich habe angefangen, Ihren neuen Kafka-Band zu lesen. Sehen Sie es einem alten Mann nach, dass er noch nicht weiter als bis Seite 120 darin gekommen ist, aber es ist unglaublich, was Sie sich für eine Riesenarbeit damit gemacht haben! Wie Sie die Schuljahre von Kafka schildern - meisterhaft.

Reiner Stach: Der Band führt dann weiter bis zum 28. Lebensjahr und somit auch in Kafkas erste Berufsjahre, also im Grunde bis dorthin, wo die Tagebücher beginnen.

Goldschmidt: Kafkas Lektüre hat mein Leben verändert. Ich erinnere mich daran noch, als ob es gestern gewesen wäre: Ich war 1950 nach Kitzeberg in die Nähe von Kiel gereist, um meine Schwester zu besuchen, die mit ihrem Mann dort lebte. Er lehrte an der Universität und bekam deshalb Bücher von den Amerikanern, darunter den „Prozess“, noch in der Exil-Ausgabe des Schocken-Verlags. Und da saß ich an der Kieler Förde, im damals schwärzesten Teil Deutschlands, und las diesen ersten Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben ...“ Das war wie ein Schlag, von dem ich mich nie wieder erholt habe: das Urereignis Kafka.

Stach: Meine erste Begegnung mit ihm fand in den sechziger Jahren am Gymnasium statt. Wir hatten Deutschlehrer, die seit den dreißiger Jahren nichts dazugelernt hatten. Die kannten die gesamte deutschsprachige Moderne nicht. Stattdessen wurden wir traktiert mit Rudolf Alexander Schröder, der Name Kafka fiel niemals, Brecht stand immerhin auf dem Lehrplan. Auf der Fahrt zur Schule haben mir ein paar ältere Schüler eines Tages den „Prozess“ in die Hand gedrückt. Ich erinnere mich genau: Der Leseeindruck war der eines komischen Textes. Obwohl da ein Mensch untergeht, ist die Mikrostruktur des Textes durchsetzt mit Komik. Das haben wir sofort erkannt.

Goldschmidt: Ich nicht. Aber meine Schwester, die 21 Jahre älter war als ich, hatte zeitweise in Prag gelebt und dort noch den Philosophen Emil Utitz gekannt, mit dessen Frau sie befreundet war. Frau Utitz hat ihr erzählt, dass Kafka sonntags gern in der Umgebung spazieren ging, in die Dörfer rund um Prag. Und Kafka habe dabei Rad geschlagen, um die Leute zu provozieren. Er habe gern Faxen gemacht, und deshalb hat meine Schwester immer darauf bestanden, seine Texte wären nicht ernst zu nehmen. Aber für mich waren sie todernst. Trotz aller Begeisterung für Kafka wäre ich allerdings unfähig, eine solche Arbeit zu leisten wie Sie.

Stach: Das sollte eigentlich meine erste Frage an Sie werden. Aber Sie lesen zumindest so etwas Biographisches gern?

Goldschmidt: Ich muss Ihnen gestehen, dass ich eigentlich nie etwas über Kafka gelesen habe. Nur immer ihn selbst. Das Werk kenne ich, aber sein Leben kaum.

Stach: Wobei es zum Werk ja viel Sekundärliteratur gibt, zum Leben dagegen bislang kaum etwas Größeres. Dafür Tausende von Aufsätzen. Gut so: Ich hätte das alles niemals allein recherchieren können. Wenn ich als Biograph nicht die Vorarbeit von Hartmut Binder * gehabt hätte, wären es einige Jahre Arbeit mehr geworden.

Goldschmidt: Es ist ungeheuer, was Sie erzählen. Man versteht, wie aus Kafkas Leben seine Schriften entstanden sind. Aber es hätte auch genauso verlaufen können, wenn er nicht geschrieben hätte.

Stach: Durchaus, das verhält sich niemals kausal. Das ist ein häufiger Irrtum in der Kafka-Forschung. Hier sieht man das biographische Detail a, dort das Detail b im Werk, strukturähnlich, wortlautähnlich - also müsste das eine doch die Ursache des anderen sein. Das ist natürlich Unsinn, so funktioniert Literatur niemals.

Goldschmidt: Ich habe den „Prozess“ und „Das Schloss“ ins Französische übersetzt, und irgendwann bin ich auf Roland Reuß getroffen, der damals gerade seine Faksimile-Kafka-Ausgabe bei Stroemfeld herausbrachte. Der fand es unmöglich, dass ich für meine Übersetzung die normale deutsche Taschenbuchausgabe zugrunde gelegt hatte. Außerdem verstand er nicht, dass ich den „Prozess“ mit „z“ schrieb und nicht mit „c“.

Stach: Der running gag der Kafka-Forschung. Aber haben Sie die Edition, die Herr Reuß vom „Prozess“ gemacht hat, überhaupt einmal gesehen?

Goldschmidt: Nein.

Stach: Sie werden Ihren Augen nicht trauen. Da bekommen Sie einen Pappschuber, in dem sich lauter unnumerierte Hefte befinden, die Sie in der Reihenfolge vertauschen können, wie Sie wollen. Warum? Weil Kafka seine Hefte nicht numeriert hat, also dürfen wir das auch nicht.

Goldschmidt: Das kann doch jeder lesen, wie er will.

Stach: Natürlich, so ist es gemeint. Ein schöner Luxus. Aber der Streit um die richtige Edition ist ein Nebenschauplatz. Übrigens wissen wir auch, dass im „Prozess“ Kapitel fehlen.

Goldschmidt: Ja, aber so wie das Buch ist, ist es ungeheuer, eine Gewalttat.

Stach: Das Unglaubliche an dem Roman ist, dass man seinen Fragmentcharakter gar nicht bemerkt. Nur aus winzigen Anspielungen kann man erschließen, dass Kafka noch weitere Kapitel geplant hatte.

Goldschmidt: Das Problem hat Max Brod als Herausgeber gut gelöst.

Stach: Brods Rolle sehe ich kritisch. Es gibt Lesarten von Kafka, die alle Türen öffnen, und es gibt solche, die alle Türen schließen. Dazu gehört die von Max Brod, der Kafka religiös gedeutet sehen wollte. Dass er aber gar nicht verstanden hat, worum es Kafka wirklich ging, zeigt Brods spätere Einschätzung von Samuel Becketts Werk. Als Beckett in den fünfziger und sechziger Jahren populär wurde, hieß es immer wieder: Das ist ja wie bei Kafka! Nur Brod verwahrte sich dagegen: Mit diesem nihilistischen Zeug habe Kafka nichts zu tun. Er hat nicht erkannt, dass Beckett Kafkas Erbe war.

Goldschmidt: Ich bin ganz Ihrer Meinung.

Stach: Kafka war ja nicht schulbildend, aber er hat zumindest diesen einen Erben gehabt. Das hat Brod völlig verkannt. Er hat auch Kafka verkannt, und das wollte ich doch noch einmal betonen, weil Sie eben sagten, jede Lesart Kafkas sei legitim. Die von Brod ist es nicht.

Goldschmidt: Ich habe nicht gelesen, was Brod über Kafka geschrieben hat. Aber mir ist schon als kleinem Studenten niemals eingefallen, Kafka religiöses Denken zu unterstellen. Damit hat er nichts zu tun. Kafka steht vielmehr für die Abschaffung des religiösen Denkens.

Stach: Es gibt heute noch Autoren, die das Gegenteil behaupten. Zum Beispiel Sibylle Lewitscharoff. Bei einer Kafka-Woche, die ich kürzlich in Berlin kuratiert habe, behauptete sie, bei Kafka sei permanent eine metaphysische Hintergrundstrahlung spürbar.

Goldschmidt: O Gott, furchtbar! Es gibt keinen Hintergrund bei Kafka. Der Satz sagt, was er sagt, und nicht anderes. Kafkas Mechanik ist derart perfekt.

Stach: Er benutzt natürlich Motive und Erzählmodelle aus der jüdischen Überlieferung. Eine besondere Art von Paradoxa zum Beispiel. Aber genau über das, was wir gerade bereden, muss es auch zwischen Brod und Kafka Streitgespräche gegeben haben. Eines hat Brod überliefert, bei dem er Kafka vorgehalten habe: „Nach dem, was du da sagst, gibt es ja gar keine Hoffnung!“ Und darauf habe Kafka ihm geantwortet: „Doch, es gibt unendlich viel Hoffnung. Aber nicht für uns.“

Goldschmidt: Genau so ist es. Das lernt man ja auch aus Ihrer Biographie. Angesichts dieses dicken Buchs hatte ich mich gefragt: Wie kannst du Herrn Stach überhaupt empfangen? Ich selbst schreibe ja so kurz. Kurze Texte sind für mich das Äquivalent zu treffsicheren Schüssen: wie auf Zielscheiben, die man rasch aufmalt. Mein Vater, ein Gerichtsrat, hat gemalt, aus Theresienstadt sind Zeichnungen von ihm erhalten, und ich wollte später Maler werden, hatte aber nicht die Pinke dafür. Da bin ich dann Gymnasiallehrer geworden, habe zu schreiben begonnen, und irgendwann hat ein befreundeter Verleger mich um eine Übersetzung des „Prozess“ gebeten, weil die bisherige französische Ausgabe völlig unzureichend war. Das war ein Traum für mich, weil mir Kafka so nahesteht. Das habe ich bei der Lektüre Ihrer Biographie wieder gemerkt. Mich beeindruckt dieses Unwohlsein, das er als Schüler mitschleppte. Da besteht eine Parallelität zu dem, was er schreibt. Und die machen Sie klar, indem Sie von Kafkas Schulzeit erzählen, ohne je sein Werk zu interpretieren.

Stach: Ich habe mich stattdessen entschlossen, die Erinnerungen seiner Mitschüler heranzuziehen. Es ist unglaublich, wie sie später, mit dreißig, vierzig Jahren Abstand, dieses Schulsystem verherrlicht haben. Dabei war es barbarisch.

Goldschmidt: Das war es. Wir wurden in der Schule noch gezüchtigt, für zehn Übersetzungsfehler bekam man so und so viele Schläge. Und meine Situation im Internat war derart unmöglich, dass ich mich schon gar nicht konzentrieren konnte. Ich wurde viel geschlagen. Das hat meine Faszination für dieses erstaunliche fünfte Kapitel im „Prozess“ geweckt, die Szene mit den Prüglern. Die ist doch höchst zweideutig. Woher kommt das? Wurde Kafka als Knabe geschlagen?

Stach: Offenbar nicht.

Goldschmidt: Wie kommt er dann auf diese Phantasie?

Stach: Er wurde häufig damit bedroht. Das reicht bei Kindern schon.

Goldschmidt: Es muss ungeheuer wichtig für ihn gewesen sein.

Stach: Er empfand maßlose Angst. Angst und Scham.

Goldschmidt: Es gibt auch sehr viele Folterszenen im Werk.

Stach: Denken Sie an die Versicherungsfälle, mit denen er als Angestellter konfrontiert war. Das muss man sich mal vorstellen: Im Büro beschäftigt er sich mit Maschinen, die Menschen verstümmeln, und was macht er zu Hause? Er bringt das auf eine literarische Ebene und wiederholt es. Dabei waren für ihn Beruf und sein nächtlichen Schreiben unvereinbare Welten.

Goldschmidt: Hätte man ihn retten können?

Stach: Eine Frau vielleicht. Die Literatur nicht.

Goldschmidt: Und doch immer wieder diese Schärfe, diese Sparsamkeit, das Wort, das sich nie verirrt. Das hat mich bestimmt beeinflusst, wie Beckett auch. Kafka hat mein ganzes Leben mitgestaltet wie sonst nur Jean-Jacques Rousseau und vor allem „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz. Dieses Buch ist doch sehr nahe an Kafka, oder?

Stach: Moritz und Kafka gehören jedenfalls eher zusammen als Kafka und Goethe. Den „Anton Reiser“ hat er ganz gewiss gekannt, er verschlang ja alles Autobiographische.

Goldschmidt: Tatsächlich? „Anton Reiser“ ist für mich das absolute Buch. Ich lese es gerade zum sechsten Mal. Es erzählt genau mein Leben. Und das in einem Deutsch, bei dem man an Kafka denkt: diese Genauigkeit, mit der jeder Satz trifft, wie in eine Zielscheibe.

Stach: Was ich Sie als Erzähler fragen muss: Wie schreibt man im Schatten Kafkas? Er selbst hat sich angesichts Goethes gefragt, ob dessen Übermacht nicht die Entwicklung der deutschen Sprache gehemmt habe. Ist das heute nach Kafka nicht ähnlich?

Goldschmidt: Nein, im Gegenteil! Mich stört das gar nicht. Er ist ein Ansporn.

Stach: Obwohl Kafka gegenüber uns allen doch um Klassen besser ist?

Goldschmidt: Er ist nicht um Klassen besser, er ist seine eigene Klasse. Es ist so: Kafka ist wie eine Versicherung, eine literarische Unfallversicherung. Die hat man im Rücken, als eine Schreibgarantie. Er ist also eher Schutz als Schatten.

Stach: Verstehe ich das recht: Wenn eine so singuläre Figur wie Kafka vor mir gezeigt hat, was Sprache leisten kann, dann ist das, was ich heute als Autor versuche, grundsätzlich sinnvoll. Eine solche Art der Rückversicherung würde mir einleuchten.

Goldschmidt: Und es kommt noch etwas dazu. Die Kraft des Schreibens setzt sich durch. Das hat Kafka auch bewiesen.

Stach: Ich würde sagen, Kafka hat so geschrieben, wie andere atmen.

Goldschmidt: Und je mehr man von ihm liest, das ist zumindest meine Erfahrung, desto weniger irrt man sich.

Stach: Lesen Sie nun eigentlich Biographien? Ich muss diese Frage noch einmal stellen, denn man braucht bei einem Vorhaben wie meinem eine Rechtfertigung. Immerhin stecken achtzehn Jahre meines Lebens in diesen drei Büchern.

Goldschmidt: Sie haben das wunderbare Porträt einer Zeit geschrieben, und die Hauptfigur ist Kafka. Machen Sie sich bloß keine Gedanken!

Stach: Das muss ich aber. Weil ich nach so langer Zeit Gefahr laufe, betriebsblind zu werden. Ist es sinnvoll, was ich da tue? Und was mich immer wieder beschäftigt: dass die Texte Kafkas ihre immense Wirkung auch dann entfalten, wenn die Leser über sein Leben kaum etwas wissen. Zum Beispiel in Asien, wo Kafka unglaublich populär, mancherorts sogar Schulstoff ist, aber niemand seine Welt kennt. Muss da überhaupt noch eine Biographie sein?

Goldschmidt: Ich verstehe, dass das für Sie eine Beunruhigung ist. Sie haben das Gefühl, dass Sie neben der Sache herlaufen. Aber das macht das Buch ja erst so schön: dass man die Umgebung von Kafka kennenlernt. Und die Entstehung seines Schreibens. Nicht sein Schreiben selbst, dafür muss man ihn selbst lesen. Kafka kommt ohne Sie aus. Aber wir nicht mehr.

Das Gespräch dokumentierte Andreas Platthaus.

* In einer früheren Fassung des Beitrags ist versehentlich ein falscher Vorname genannt worden. Wir bitten, das Versehen zu entschuldigen, und danken für den Hinweis. FAZ.NET

Quelle: F.A.Z.
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