Historiker Robert Gerwarth

Eine „Ost-Erweiterung“ in der Deutungsgeschichte dieses Krieges

Von Paul Ingendaay
 - 11:57

Noch haben wir das Jahr 2018 nicht erreicht. Aber werfen wir doch schon mal einen Blick voraus, auf die Hundertjahrfeiern, die ans Ende des Ersten Weltkriegs erinnern werden. Mancher europäische Staat hat hier eine Gedenkarbeit vor sich, deren Form und Charakter wir noch nicht kennen. Er habe durchaus die Befürchtung, sagt der deutsche Historiker Robert Gerwarth, „dass es im kommenden Jahr in Teilen Europas ein nationalistisches Love-Fest geben wird. Das fände ich unangemessen angesichts der Tatsache, dass die Geburt dieser Staaten nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte ist.“

Die Hintergründe erläutert Gerwarth, Jahrgang 1976, in seinem Buch „Die Besiegten“ (Siedler Verlag), einer großangelegten Untersuchung über die Verlierer des Ersten Weltkriegs. Statt der klassischen deutsch-französischen Perspektive, in der die Schlachtfelder von Verdun und der Somme das Gedenken dominieren, nimmt Gerwarths Buch nicht nur das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn und das Haus Hohenzollern in den Blick, sondern allgemein Ost-, Mittel- und Südosteuropa. Zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Lausanner Abkommen 1923 jedenfalls war dies, wie es in der Einleitung heißt, „die mit Abstand gewalttätigste Region der Welt“.

Fragen, die uns bis heute umtreiben

Robert Gerwarth ist Professor für Moderne Geschichte und Leiter des Zentrums für Kriegsstudien am University College Dublin, einem großen, modernen Campus im Süden der Stadt. Der Historiker empfängt uns in seinem Büro. Die erste These seines Buches ließe sich so umschreiben: Das postimperiale Europa nach 1918 war für seine Bürger kaum ein besserer oder sichererer Ort als das Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Zweitens: Bürgerkriege, Revolutionen, Grenzkonflikte, Vertreibungen und Pogrome machten den Kontinent und namentlich seinen Osten nach 1918 zu einem Schlachthaus, in dem in fünf Jahren rund vier Millionen Menschen getötet wurden – Opfer von Hunger und der Spanischen Grippe nicht mitgezählt. Drittens: Die oft als „Völkergefängnis“ geschmähten multiethnischen Reiche wie die Österreichisch-Ungarische Monarchie vermochten lange Zeit eine erstaunliche Bindekraft mit einer eigenen kulturellen Identität zu entwickeln.

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„Ich bin kein Imperiumsnostalgiker“, sagt Gerwarth. „Aber ich finde, dass es im österreichisch-ungarischen Kaiserreich vergleichsweise gut geklappt hat. Die großen Zwischenkriegsromane sind von ehemals habsburgischen Juden geschrieben worden. Sie hatten in jener Zeit Rechtssicherheit und ein Maß an Gleichberechtigung, das ihnen die Nachfolgestaaten, also aggressiv nationalistisch auftretende Regime, verwehrt haben.“

Manches spricht dafür, die Jahre nach 1918 im Sinne osteuropäischer Historiker als Zeit eines „erweiterten europäischen Bürgerkriegs“ zu deuten. Der Untergang der großen Reiche und die Auflösung ihrer Suprastrukturen führten zur Entfesselung ethnischer Konflikte, die nur gewaltsam unter Kontrolle zu bringen waren. Kein Zufall, dass Stefan Zweigs Autobiographie „Die Welt von gestern“ wieder hochaktuell geworden ist. „Die dort aufgeworfenen Fragen“, sagt Gerwarth, „bleiben unbeantwortet und treiben uns bis heute um.“

„Ost-Erweiterung“ in der Deutungsgeschichte dieses Krieges

Etwa der Nationalismus, der quer zu den Homogenisierungsbemühungen der EU steht. Die Globalisierungskrise liefert nicht nur die Entschuldigung für jeden Alleingang, sondern rechtfertigt auch den Rückgriff auf nationale Gründungsmythen, die man überwunden glaubte. In Ungarn etwa beschwört eine radikale Rechte neue (alte) Räume von nationaler Identität, die dem ehemaligen Groß-Ungarn als Teil der Habsburgermonarchie durch den Friedensvertrag von Trianon am 4. Juni 1920 genommen wurden.

„Oder nehmen Sie die Polen“, sagt Robert Gerwarth. „Polnische Männer im wehrfähigen Alter haben im Ersten Weltkrieg in drei verschiedenen Armeen gekämpft, oft sogar gegeneinander, nämlich für Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland. Identitätsstiftung findet hier nicht durch Krieg statt, der teilend wirkt, sondern im Nachkrieg.“

Am Beispiel Polens lässt sich zeigen, wie wenig die Garantien der Siegermächte angesichts eines Großraums zerfallender Imperien der Realität standhielten. Kurz vor dem Ende des Krieges war Frankreich für die polnische Unabhängigkeit eingetreten, und im dreizehnten seiner vierzehn Punkte hatte der amerikanische Präsident Wilson einem von polnischer Bevölkerung bewohnten Polen „freien und sicheren Zugang zur See“ versprochen. An der Ostseeküste jedoch gab es eine zahlreiche deutsche Bevölkerung. In den drei Jahren nach dem Ersten Weltkrieg verharrte Polen, wie Gerwarth schreibt, „in einem Zustand permanenten (erklärten oder nichterklärten) Krieges gegen Russen, Ukrainer und Weißrussen im Osten, Litauer im Norden, Deutsche im Westen, Tschechen im Süden sowie ,innere Feinde‘ – sprich Juden – auf dem bereits von Polen kontrollierten Territorium.“ Dass die Polen auch untereinander gespalten waren, macht die Geschichte nur noch gewalttätiger.

Deshalb hat sich der Schwerpunkt der Forschung in den letzten Jahren verschoben. Man könnte in der Deutungsgeschichte dieses Krieges auch von einer „Ost-Erweiterung“ sprechen. Gerwarths Buch zeichnet mit enormem Überblick und unter Auswertung entlegener, besonders ost- und südosteuropäischer Quellen, die Gewaltlinien nach, die sich durch die Bildung neuer Nationen in den Kontinent graben.

Eine existentielle Gewaltform setzt sich durch

Das im Krieg neutral gebliebene Finnland etwa versinkt Anfang 1918 in einem Bürgerkrieg, der ein Prozent der Bevölkerung das Leben kostet. Die russische Revolution setzt Brandherde in die sich emanzipierenden Nachbarländer – Russen und Tschechen metzeln sich gegenseitig nieder. Die inneren Unruhen Bulgariens schon während des Krieges steigern sich im Sommer 1918 zu Revolten und Massentötungen. Arbeitskämpfe und Polizeigewalt schütteln die junge Weimarer Republik. Der Dichter Gabriele D’Annunzio, ein Gewaltphantast der frühen Stunde, besetzt eigenmächtig die Stadt Fiume, das heutige Rijeka in Kroatien. Der Aufstieg Mussolinis beginnt. Wie Hitler lernt der Duce von Kemal Atatürk, der den Planungen der Siegermächte trotzt, in Kategorien von ethnischer Homogenität zu denken. Und immer wieder ereignen sich fürchterliche Massaker wie 1922 in der Hafenstadt Smyrna, in der griechische Christen und türkische Muslime sich zu Tausenden niedermachen.

Wie konnte es so weit kommen? Genau diese Frage beschäftigt den Kriegsforscher, der sich durch seine vorangegangene Heydrich-Biographie (2011) gleichsam abgehärtet und den Blick „kalter Empathie“ eingeübt hat. „Eine existentielle Gewaltform setzt sich durch“, sagt Gerwarth. Natürlich habe es auch im Krieg schon Massenvernichtung von Zivilisten gegeben, aber sie sei nicht die Norm gewesen. Der Erste Weltkrieg war bei aller entfesselten Vernichtungskraft immer noch ein Staatenkrieg. „Dann, nach dem 11. November 1918, gehen Millionen und Abermillionen von Kombattanten nach Hause. Das versuchen Sie mal zwei Jahre später im Russischen Bürgerkrieg! Jetzt geht es darum, bestimmte Bevölkerungsgruppen, ethnische oder religiöse Minderheiten zu vernichten. Sie haben keinen Platz mehr in den neuen utopischen Vorstellungen der Gesellschaft.“

Eine Geschichte gegen Geschichtsvergessenheit

In mancherlei Beziehung bestimmt dieser ausschließende Nationalismus den Rest des Jahrhunderts. Deshalb hebt Gerwarth an den Pariser Vorortverträgen den Minderheitenschutz hervor, allen Widersprüchen zum Trotz. In den Lausanner Schutzverträgen von 1923 wird anerkannt, dass nur „die bereinigte Gesellschaft“ der Garant für Frieden sei. Aufgrund ihrer Konfession müssen 1,2 Millionen Menschen entweder Anatolien verlassen oder Griechenland – „der erste Bevölkerungsaustausch“, so Gerwarth, „bei dem die Betroffenen keine Wahl haben. Sie müssen gehen.“

„Die Besiegten“, fast fünfhundert Seiten dick, ist trotz der unvermeidlichen Gewaltthematik nüchtern und kühl. „Ich versuche nicht, pädagogisch zu sein“, sagt Gerwarth. „Auch als Zukunftsforscher betätige ich mich nicht. Ich will lediglich die historischen Ursprünge von Konflikten zeigen.“

In welche Richtung sich das krisengeschüttelte Europa entwickeln wird, ist von ihm nicht zu erfahren. Nur eben, dass es kompliziert bleibt. „Wenn die Perspektive des Historikers auch wenig Antworten für die Gegenwart hervorbringt“, sagt er, „kann man immerhin die Wurzeln der Fragen, die wir uns zu stellen haben, besser erkennen.“ Er erzählt eine Geschichte gegen Geschichtsvergessenheit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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