Jane Austens Sidekicks (VI)

Die neuen Mieter legen Hand an

Von Christina Dongowski
 - 14:58

„Überredung“ („Persuasion“) ist der letzte Roman Jane Austens und einer der wenigen, deren Handlung zeitlich sehr präzise eingeordnet werden kann: Er spielt nach der Schlacht von Waterloo 1815. Das Vereinigte Königreich hat nach mehr als zwanzig Jahren den Krieg gegen Frankreich gewonnen. Auf den Weltmeeren ist man auf dem Weg zum Empire, im Inneren sieht die Lage 1815 nicht nur rosig aus: Die massive Aufrüstung ist nicht spurlos am Staatshaushalt vorbeigegangen, die Regierung hat ein Schuldenproblem. Gleichzeitig war der Krieg ein riesiges Investitionsprogramm in die Wirtschaft – und ein Katalysator für soziale Aufsteiger. Das gefällt nicht allen.

Sir Walter Elliot, Baronet auf Kellynch Hall und Vater von Anne Elliot, der Heldin des Romans, ist einer von denen, welchen diese homines novi Unbehagen bereiten. Am Anfang des dritten Kapitels begründet er, warum ihm der Beruf des Seeoffiziers zuwider ist: „Erstens ist er dafür verantwortlich, dass Leute obskurer Herkunft es zu unverdienter Auszeichnung bringen und Männer in ehrenvolle Stellungen gelangen, von denen ihre Väter und Großväter niemals geträumt hätten. Und zweitens verkürzt er die Jugend und Lebenskraft eines Mannes fürchterlich. Ein Seemann altert schneller als alle anderen Menschen.“

Zu See bewähren sich neue Männer

Die Royal Navy war im Kampf gegen Napoleon der wesentliche Faktor. Ihr großer Bedarf an Offizieren mit taktischer Kompetenz, Führungsqualitäten und Organisationstalent ermöglichte Männern den Aufstieg, die außer ihrem Können nichts mitbrachten. Keinen alten Namen, keine einflussreichen Verbindungen, keine Vergangenheit. Einzelne dieser Leute, auch noch aktiv gefördert durch Mitglieder der Admiralität, erlangten sogar ein Peerage, den erblichen Adel mit Sitz im Oberhaus. Ein Baronet wie Sir Walter vererbt seinen Titel ebenfalls – aber ohne Oberhaussitz.

Die Marine hatte ein System etabliert, das erfolgreiche Kapitäne und deren Mannschaften auch finanziell belohnte: Für gekaperte Schiffe gab es Prämien, die nach einem festgelegten Schlüssel an alle Beteiligten ausgezahlt wurden, vom Kommandanten bis zum einfachen Seemann. Die Höhe der Prämie bemaß sich nach der Klasse, dem militärischen Wert und dem Zustand des gekaperten Schiffes. Je intakter – also direkt für die Übernahme in den eigenen Bestand geeignet –, desto höher. Unternehmungslustige Kapitäne konnten sich so mit Glück ein ordentliches Vermögen erobern, Admirale so viel Reichtum, das man davon ein großes Haus wie Kellynch Hall inklusive der dazugehörigen Ländereien mieten oder sogar kaufen konnte.

Sir Walter lebt auf Pump

Denn ökonomisch ist die soziale Position von Sir Walter und seiner Familie schon lange nicht mehr gedeckt: Er hat so viele Schulden aufgehäuft, dass man sich den Lebenswandel im großem Haus nicht mehr leisten kann. Ein vorzeigbarer Mieter für Kellynch Hall wird gesucht – und Mr. Shepherd, der Anwalt und Geschäftsbevollmächtigte der Elliots, sieht in den zahlreichen gerade demobilisierten Seeoffizieren ideale Kandidaten. Auch wenn Sir Walter skeptisch ist, die Schulden drücken – mit einem kinderlosen Admiral und dessen Frau, Mrs. Croft, geborener Wentworth, sind schnell die idealen Mieter gefunden. Immerhin ein Admiral, und auch äußerlich noch ganz vorzeigbar.

Tatsächlich sind die Crofts in so ziemlich allem das Gegenteil von dem, für das Sir Walter steht: Sie sind unkompliziert, aufgeschlossen und voller common sense. Den elaborierten Formen, mit denen Sir Walter, seine Töchter Elizabeth und Mary, aber auch Lady Russell, die mütterliche Freundin Anne Elliots, ihre soziale Distinktion zelebrieren, stehen sie mit ironischer Distanz gegenüber. Für die Lächerlichkeit, die sich aus der Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf Zugehörigkeit zur Elite und der Unfähigkeit, ihm zu entsprechen, ergibt, haben die beiden einen klaren Blick.

Das zeigt die irritiert-amüsierte Art, in der Admiral Croft Anne bei deren erstem Besuch im alten Zuhause über das berichtet, was man so in Kellynch Hall vorgefunden habe: Während das Ankleidezimmer Sir Walters mit zahllosen riesigen Spiegeln vollgestellt ist, hat sich seit Jahren niemand um die notwendigen Reparaturen in der Waschküche und an den Kaminen gekümmert. Die Crofts zeigen sich als die wahren Herren von Kellynch Hall, indem sie Verantwortung übernehmen – für das Haus und für die dazugehörige Gemeinde, deren Wohlergehen immer noch stark von der Grundherrschaft abhängt. Eigenhändig entfernen sie die Spiegel, und Admiral Croft repariert die Tür zur Waschküche, die seit Jahren nicht mehr schließt, kurzerhand selbst. Für alles Weitere engagiert man die Handwerker vor Ort.

Die neue Legitimität ist erarbeitet

Die Episode hat eine wichtige Funktion für den Roman: Sie etabliert die Crofts als Vertreter der legitimen neuen herrschenden Klasse, weil sie die Aufgaben übernehmen, für die sich der per Ahnenreihe installierte Inhaber längst als unfähig und unwürdig erwiesen hat. Gleichzeitig begeht der Admiral in diesem Gespräch mit Anne einen Fauxpas: Auch wenn sie durch ihre Intelligenz und ihren Pragmatismus komplett aus der Art schlägt, noch ist sie eine Elliot – und der Admiral, von der für ihn fremden Welt Sir Walters quasi soziologisch fasziniert, erzählt ihr, was für ein lächerlicher Mensch ihr Vater ist. Im Prinzip wird Anne hier die Loyalitätsfrage gestellt. Annes Dilemma: Sie ist „amused in spite of herself“, aber auch „distressed“ angesichts der Frage, wie sie die Konversation weiterführen soll, diese löst der Admiral mit tollpatschiger Galanterie. Er bittet sie, dem Baronet sein Lob für Kellynch Hall auszurichten, qualmende Kamine inklusive.

Mit solchen mehr oder weniger offenen Konflikten zwischen der unverstellten, zupackenden Art der „neuen Männer“, die mit der Übernahme der alten Herrenhäuser auch ihren eigenen gesellschaftlichen Anspruch demonstrieren, und den gesellschaftlichen Konventionen bringt Austen erzählerische Dynamik in den Roman. Denn Anne Elliot, in deren Perspektive fast alles erzählt wird, sitzt doppelt in diesen gesellschaftlichen Konventionen fest: als Frau und als Elliot. Die Rückkehr des Admirals und seiner Kapitäne eröffnen auch ihr neue Handlungsräume.

Alles, was ihre Familie an Anne ablehnt, macht sie zu einem geschätzten Mitglied der neuen Gesellschaft der Marine-Familien um die Crofts: Im zweiten Anlauf finden Anne und der demobilisierte Kapitän Wentworth, ein Bruder von Mrs. Croft, der als Offizier zu Geld und Ansehen gekommen ist, nun doch noch zusammen. Vor acht Jahren hatte Anne die Verlobung mit ihm wegen seines fehlenden sozialen und ökonomischen Status auf Anraten ihrer Familie wieder gelöst. Der Aufstieg der „neuen Männer“ ermöglicht Jane Austen das letzte Happy End – und so etwas wie eine Utopie für das neue Britannien: „Sie zog ihren Ruhm daraus, die Frau eines Seemanns zu sein, (. . .) einer Profession zuzugehören, die, wenn das möglich ist, sich durch ihre häuslichen Tugenden noch mehr auszeichnet als durch ihre nationale Bedeutung.“ Die Publikation von „Persuasion“ 1818 hat Jane Austen nicht mehr erlebt.

Jane Austens Sidekicks

Die Nebenfiguren in den Romanen von Jane Austen sorgen nicht nur für komische Erleichterung im romantischen Plot. In diesen markanten Charakteren charakterisiert Austen zugleich ihre Zeit. Eine Feuilleton-Serie zum 200. Todestag der Schriftstellerin.

Quelle: F.A.Z.
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