Junge Lektoren über ihre Arbeit

Wie findet man den nächsten Thomas Mann?

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Wer ist einzigartig?

Manuskripte sind Wundertüten. Ich liebe es, die erste Seite eines PDF zu öffnen und zu schauen, was ich dort zu lesen bekomme. Ich arbeite im Lektorat für internationale Literatur und suche vor allem im amerikanischen, englischen, französischen Raum nach Stimmen, die gegenwärtig, markant, einzigartig sind. Inspiration finde ich überall. Das kann eine Rezension im „New Yorker“ sein (dort las ich eine glänzende Besprechung des Debüts von Ocean Vuong). Oder der super sortierte Buchladen McNally Jackson in SoHo (dort lag Jarett Kobeks Buch „Ich hasse dieses Internet“ schon in dicken Stapeln, während meine Kollegen und ich noch in einer Auktion um die deutschen Rechte waren). Oder der Libreria Bookshop in Shoreditch, wo es weder Kaffee noch WiFi gibt, aber die spannendsten Neuerscheinungen, auch Essays, Memoirs und Lyrik.

Buchläden sind immer meine erste Anlaufstelle - ich lese sie als Selbstporträt der Städte, in die ich reise. Sie geben mir ein Gefühl für Stimmungen, Themen, Diskurse. Dazu gehören auch die toll bestückten Magazin-Regale mit Heften wie der „Paris Review“, „The Happy Reader“ oder „Zyzzyva“. Und Publikationen von spektakulären Kleinverlagen wie Fitzcarraldo Editions. Oder Buchcover von Gestaltern wie Peter Mendelsund, die ich immer sofort kaufen muss.

Aber das Allerwichtigste ist der Kontakt mit internationalen Lektorenkollegen. Durch ihre Empfehlungen finden Manuskripte zu mir, die ich sonst vielleicht nie gelesen hätte. Sarah Crichton vom New Yorker Verlag FSG erzählte mir von Leanne Shapton und ihrem Buch „Bedeutende Objekte“. Peter van der Zwaag vom Amsterdamer Verlag De Bezige Bij schrieb mir von dem Roman „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis, den er gerade für seinen Markt prüfte. Sie sind meine Freunde, meine Komplizen. Wir alle sind auf der Suche nach dem einen Text, der uns nahekommt, überrascht, schneller lesen lässt, bis wir wissen: Das ist es. Sprachen trennen uns, nicht aber unsere Begeisterung - und die nie endende Neugier auf immer neue Wundertüten.

Friederike Schilbach
(35, Lektorin für internationale Literatur im Verlag S. Fischer in Berlin)

Stimmt der Stallgeruch?

In jüngeren Jahren begeisterte ich mich sehr für die Reisejournale von Georg Forster, der mit James Cook die Südsee entdeckte. Die Vorstellung von einer Schiffsexpedition „mit sechzig Fässern Sauerkraut, dreißig Tonnen Malz, einunddreißig Fässern Würze und eingekochtem Bier“ bereitete mir Herzklopfen. Nach einer Weltreise und vier Jahren als Lektor beim Berliner Aufbau-Verlag muss ich mir eingestehen, dass es heutzutage zwar viel zu sehen, aber wenig zu entdecken gibt. Auch im Literaturbetrieb.

Autoren gehen auf Schreibschulen, werden bei Preisen oder durch Stipendien, spätestens in einer der vielen Literaturzeitschriften sichtbar. Und wenn sie der Lektor übersieht, ein Literaturagent bemerkt sie sicher. Ein paar Wochen darauf, eine Unterschrift später, und schon sind sie Teil des Systems, ihr Name vervielfältigt in den Prüflisten der Verlage, gerankt nach Genre, Thema, Zielgruppe, Referenztiteln. Den internationalen Markt durchkämmen Scouts, man beobachtet Verkaufszahlen, notiert Rezensionen. In den meisten Fällen ist Büchermachen keine Kunst, es ist Management. Man muss gut vernetzt und sehr schnell sein. In einigen Fällen aber ist es anders. Denn das Buch hat doch eine feine Besonderheit: In der Bewertung bleibt immer ein nicht quantifizierbarer Rest zurück. Glücklicherweise. Han Kangs „Die Vegetarierin“ hatten viele schon abgesagt, als ich im Herbst 2015 Max Porter in London besuchte, ihren englischen Lektor. Seiner Begeisterung nachzuspüren war ein starker Antrieb, das Buch gleich auf dem Rückflug zu lesen. Im Frühjahr gewann sie den Man Booker International, seit August ist das Buch im Handel, mit großem Erfolg. Es hat sich gelohnt. Im Nachhinein kann man das immer sagen.

Das gilt auch für Philipp Winklers Romandebüt „Hool“. Es war ein Montagmittag im August, die Sonne scheint, irgendwo heult eine Polizeisirene, Alltag am Moritzplatz, als die Mail eintrifft: „Hool“ - nominiert für den Deutschen Buchpreis. Auf einmal hat man alles richtig gemacht, auf einmal sieht man alles vor sich, jeden Schritt, minus die Ungewissheit: Den Moment, als der Agent das erste Mal von dem Roman im Hooligan-Milieu spricht. Es ist Frühjahr 2015. Ich denke: Hooligans, prügelnde Fleischklopse, Randgestalten der Zivilgesellschaft, Terra incognita, aber auch ein schwer deformierter Rest von archaischen Riten.

Ich weiß, das Thema wurde in Deutschland noch nie aus literarischer Perspektive bearbeitet. Jetzt will ich lesen. Aber es dauert etwas. Im Sommer treffe ich den Agenten immer mal wieder und frage nach, wir trinken Bier. Kurz vor der Frankfurter Buchmesse, an einem Freitag, kommt das Manuskript. Am Montag sitzen wir zusammen. Gunnar Cynybulk, der Verlagsleiter, hat es an einem Tag durchgelesen und ist begeistert. Winkler hat uns überzeugt. Mutig, ausgewogen, durchdacht, originell. Aber wir sind nicht die einzigen Interessenten. Wie hoch wollen wir bieten?

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Debüts sind immer beides: großes Versprechen, schwer kalkulierbares Risiko. Sie umweht ein Hauch von Georg Forster und James Cook. Wir treffen den Autor und seinen Agenten auf der Messe, Ristorante „Il Classico“. Wir müssen beweisen, dass wir seinen Roman verstanden haben, aber auch zeigen, wo und wie wir noch was rausholen können. Wir verstehen uns gut, der Stallgeruch stimmt. Wir machen unsere Begeisterung deutlich: Spitzentitel, Leseexemplar - das ist der Jargon. Es passt. Was folgt, ist harte Arbeit: am Text, am Cover, an der Strategie, beim Überzeugen der Vertreter, der Kritiker, der Blogger, der Buchhändler. Zwischendurch die obligatorische Frage: Ist es der richtige Titel? Ja. Im Nachhinein hat man alles richtig gemacht. Im Nachhinein ist man noch immer kein Entdecker, aber doch der Wegbereiter für einen Autor und seine Expedition in die literarische Welt.

Tom Müller
(33, Lektor beim Blumenbar-Verlag)

Die schlaue Boygroup

Im Frühling war ich aus Spaß in New York. Es ist wichtig, den Spaß zu betonen, denn New York ist, wenn man nach Büchern sucht, kein sehr origineller Ort. Eines Abends ging ich aus Gründen, die eher in die „Bravo“ gehören, zu einer Veranstaltung, die Karl Ove Knausgård und Christian Kracht auf ein Podium bringen sollte, eine Art Boygroup in schlau, dachte ich. Was dabei hübsch in den Hintergrund gerückt war: Rockstars haben in der Regel eine Vorband, in diesem Fall ein junger, schüchterner norwegischer Autor, der am Nachmittag offenbar in der Sonne eingeschlafen und entsprechend derangiert war. Sein Name ist Johan Harstad, er hielt einen Backstein in der Hand, an dem er sieben Jahre gearbeitet hat. Die Passage seines Romans erzählte von Max und seiner einsamen Mutter, die ihn mangels Alternativen zu ihrem Gesellschafter macht. So weckt sie seine Leidenschaft fürs Theater und drückt ihm vor jeder Vorstellung eine Apfelsine in die Hand. Wenn ihm die Aufführung nicht gefalle, dürfe er sie werfen, ansonsten solle er sie essen, sagt sie. Er wirft die Apfelsine nie, zerdrückt sie höchstens vor Aufregung in seiner Hand. Nachdem Harstad eine Seite vorgetragen hatte, wusste ich nicht mehr, dass ich eigentlich wegen K und K gekommen war, nach vier Seiten googelte ich schon den Kontakt zu seinem Verlag.

Was ich damit sagen möchte: Natürlich hat jeder Lektor einen ausgeklügelten Plan, welche Veranstaltung es zu besuchen, welche Literaturzeitschriften es zu lesen, welche Talente es im Auge zu haben und welche Agenten es bei Laune zu halten gilt. Und ich wette und fürchte: Unsere Pläne unterscheiden sich nicht sehr. Das ist aber egal, weil letztlich immer magischer Zufall Perlen in unsere Hände spielt: ein Text, auf den wir nach sieben angelesenen Manuskripten schon keine Lust mehr hatten, ein Autor, der nach dem fünften Mittagessen in drei Jahren den Blick auf eine brillante Seite zulässt. Und manchmal eben auch: ein Abend in einer Stadt, die ich keinesfalls big apple nennen will.

Das ist vielleicht auch das, was die Suche nach einem Buch so schwierig macht: Magie und Pläne vertragen sich schlecht. Wir alle suchen nach Texten, die eine ganz neue, mutige Sprache sprechen, dabei aber keineswegs sperrig und spröde sind. Nach lustigen und gefühlvollen Büchern, die einen Orangen zerdrücken lassen. Nach Autoren, die sich wirklich für Menschen interessieren. (Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass Empathiefähigkeit die Schlüsselqualifikation eines jeden guten Autors ist.)

Max, Mischa und Mordecai, die Protagonisten aus Harstads Roman, sind Figuren, die man auch nach 1200 Seiten nur sehr, sehr ungern wieder verlässt. Das Gute ist: Wir müssen es auch nicht. Harstads Roman erscheint im Frühling 2019 bei Rowohlt.

Diana Stübs
(36, Lektorin beim Rowohlt-Verlag)

Ich finde, ich suche nicht

Wie schaffen es die anderen bloß, einfach so zu leben? Was essen sie, wie schlafen sie, wie trinken sie ihren Kaffee, wie richten sie ihre Wohnungen ein, wie schaffen sie es, Sport zu treiben und das Rauchen aufzugeben und eine Affäre anzufangen? Wie fühlen sie sich, wenn sie mit depressiven Müttern aufwachsen, wenn ihre kleine Schwester bei einem Unfall stirbt, wenn ihr Vater Alkoholiker ist, wenn sie ihre Familien verlassen, wenn sie eine neue Identität annehmen, wenn sie in einen Krieg geraten, wenn sie fliehen müssen, wenn sie kein Geld haben, sich ein Brot zu kaufen, wenn sie auf der Straße leben, wenn sie gemobbt werden, wenn sie Angst haben, wenn sie geschlagen und gedemütigt und verlassen und verstoßen werden?

Ich möchte Romane lesen, die mir all diese Fragen beantworten, die ganz kleinen und die ganz großen. Ich möchte die Figuren in diesen Romanen wie lebendige Menschen betrachten können. Ich möchte, dass die Lektüre dieser Romane wie eine Begegnung ist, eine intime, durchs Mark gehende emotionale und ästhetische Begegnung. Ich möchte, dass das Schreiben dieser Romane eine Notwendigkeit ist und keine Berechnung. Ich möchte Romane lesen, deren Sprache einen Rhythmus hat, dem ich mich hingeben kann, ich möchte schrullige Romane lesen, ich möchte gewagte und exzentrische Romane lesen. Ich möchte erste Sätze wie diesen hier lesen: „Mein Name ist Lionel Savage, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, ich bin Dichter und ich liebe meine Frau nicht.“ Was ist das für ein Name? Warum bezeichnet er sich in solch jungen Jahren schon als Dichter? Und warum bloß liebt er seine Frau nicht? Das alles will ich wissen, also lese ich weiter. Niemals aber werde ich vorher benennen können, wonach ich eigentlich suche, wie und von wem diese Texte geschrieben sein, wovon sie handeln sollten.

Wie die Literatur zu mir kommt? Das wiederum ist eine eher langweilige Frage. Sie kommt von allen Seiten zu mir, Hunderte, Tausende von Manuskripten, die mir von Agenturen geschickt werden, von ausländischen Verlagen, von Scouts und Kollegen, von Literaturzeitschriftenredakteuren, von Autoren, die andere Autoren empfehlen, von Freunden und Bekannten, von Taxifahrern und Kneipenbesitzern und von Wildfremden. Es werden definitiv zu viele Bücher geschrieben und veröffentlicht. Denn jeder, wirklich jeder scheint irgendwo in sich den Wunsch zu hegen, sich schreibend Ausdruck zu verschaffen. Manchmal hilft man jemandem, einen Roman zu schreiben, der es alleine nicht gekonnt hätte. Und wenn es dann ein gutes Buch wird, eines, das zumindest ein bisschen das Universelle erreicht, dann hat man etwas vollbracht. Aber das kommt selten vor. Die meiste Zeit über gilt es einfach nur, nicht den Mechanismen zu erliegen. Der Literaturbetrieb ist sehr professionell geworden.

Lina Muzur
(36, Leiterin des Literaturlektorats beim Aufbau-Verlag)

Bill Murray spielt Golf

Bücher kann man nicht essen. Wir stehen in Downtown L. A., in weniger als drei Stunden geht unser Rückflug, und die Schlange vor dem Restaurant namens „Eggslut“, das ausschließlich Schweinereien serviert, in denen Eier in unterschiedlichen Aggregatzuständen eine Rolle spielen, ist so lang, dass es knapp werden könnte. Wir beschließen, ein wenig herumzulaufen, in der Hoffnung, dass es in einer Stunde besser aussieht. Und außerdem - könnten wir dann nicht eben doch noch in diesen Bookshop gehen, den wir auf dem Weg gesehen haben?

Es ist der letzte Tag unserer dreiwöchigen Reise, und an jedem einzelnen davon habe ich eine Buchhandlung besucht. Na gut, es waren wohl eher drei pro Tag. Ich arbeite seit sieben Jahren in einem Verlag, und die Manuskripte finden ihren Weg in mein E-Mail-Postfach über ein mir wertvolles Netzwerk aus Autoren des Hauses, unseren Scouts in England und den Vereinigten Staaten oder Literaturagenten. Ich besuche Wettbewerbe oder behalte die Schreibinstitute im Auge. Trotzdem: Es ist mir, gerade im Ausland, geradezu körperlich unmöglich, an einer schönen Buchhandlung vorbeizugehen. Das Flohmarktgefühl: Besonders in den kleinen, liebevoll kuratierten Shops habe ich die Hoffnung, irgendwo dahinten im Regal könnte der eine große Überraschungsbestseller auf mich warten. Vielleicht liegt das daran, dass ich von Literatur vor allem auch überrascht werden will. Sie soll mir eine Geschichte aus einer Perspektive erzählen, aus der ich die Welt noch nie betrachtet habe, in einer Sprache zu mir sprechen, die ich vorher noch nicht gehört habe - und die doch etwas in mir zum Schwingen bringt.

Als wir im Flieger sitzen, knurrt mein Magen. Ich habe keine cage-free hard cooked eggs and thinly sliced chives mixed in honey mustard aioli with dressed arugula in a warm brioche bun mehr gegessen. Aber auf meinem Schoß liegen zwei Bücher: William Kent Kruegers wunderschöne und unheimlich spannende Geschichte über einen Sommer im Jahr 1963 wird 2017 bei Piper erscheinen. Und wie bitte hätte ich sonst erfahren, dass Bill Murray ein Buch über das Golfen geschrieben hat? Die Salzcracker, die die Flugbegleiter verteilen, schmecken himmlisch.

Anvar Čukoski
(34, Lektor im Piper-Verlag)

Wenn schon, denn schon

Ich gebe zu: Für mich sind nicht ausschließlich die klassischen Parameter Plot, Stil, Sound, Sprache relevant, meine heimliche Neugier gehört dem Paratext: Was passiert um das Buch herum? Welche geheimen Botschaften lassen sich aus Widmung und Danksagung generieren? Was macht den Autor/die Autorin aus?

Gerade ist in den Vereinigten Staaten ein Debüt einer in New York lebenden kamerunischen Autorin erschienen, Imbolo Mbues „Behold the Dreamers“. Die Autorin ist vor zehn Jahren nach Amerika ausgewandert, um dort ein besseres Leben zu führen als zuvor in Kamerun, wo sie in sehr ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Sie studierte und jobbte in New York, bis sie aufgrund der Bankenkrise ihre Arbeit verlor. Da beschloss sie, einen Roman zu schreiben. Imbolo Mbue hat nicht Creative Writing oder Literatur studiert, sie ist Autodidaktin, was für die amerikanische Literaturszene sehr außergewöhnlich ist. Literatur hatte ihr immer geholfen, sich in eine bessere Welt zu träumen, also wollte sie es selbst versuchen. Mit dem fertigen Manuskript marschierte sie, hochschwanger, zu Jonathan Franzens Agentin, weil „Wenn schon, denn schon!“. Doch die Tür blieb ihr verschlossen. Die Geschichte wäre aber keine gute, hätte Imbolo Mbue nicht so lange an Susan Golombs Tür geklopft, bis die sich erweichen ließ, ihren Roman zu lesen. Er wurde in Amerika für eine Million Dollar verkauft (zusätzlich in 13 weitere Länder) - eine Rekordsumme für eine afrikanische Autorin. Sony Tristar hat die Filmrechte gekauft, George Clooney ist der Produzent. „Das geträumte Land“ erscheint im Februar 2017 bei Kiepenheuer & Witsch, und auch wenn ich von dem Roman gleich begeistert war, ist es die Geschichte der Autorin (die übrigens, Sie ahnen es, viel mit dem Roman zu tun hat), die ich wieder und wieder erzähle, weil sie außergewöhnlich und mutig ist. Das braucht die Literatur, das brauchen wir doch gerade alle: Mut und außergewöhnliche Geschichten. Geschichten, die uns angehen, die unseren Horizont erweitern, die etwas bei uns in Gang setzen, was über den reinen Unterhaltungswert hinausgeht. Diese Geschichten gilt es zu finden - ob über Scouts, Literaturagenten, in Tweets, auf Instagram, in der Tages- oder Wochenzeitung. Und ja, ich sage es mal ganz deutlich: Auf Instagram und Twitter lässt sich Literatur finden. Schauen Sie sich die Tweets von Sibylle Berg an oder den Instagram-Account von Miranda July! Kunst! Literatur!

Mona Lang
(29, Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch)

Skypen, Mailen SMSsen

Lektoratsarbeit besteht nicht darin, Bücher zu suchen, sondern sie zu verhindern. So jedenfalls das Credo eines ehemaligen Kollegen, und empirisch ist es ja auch kaum zu widerlegen - es werden in Verlagen weit mehr Bücher geprüft und verworfen als geprüft und veröffentlicht. Wir bei Suhrkamp hingegen halten es hedonistisch und folgen lieber den eigenen Begeisterungen. Unser Verlag ist ein Laboratorium politischer und ästhetischer Phantasien - klingt harsch offiziell, ist aber so - und zugleich ein Profit-Center - darüber spricht man nicht so gern -, und das Wahre ist das Ganze. In unseren Programmen stehen also Bücher für die Happy Few, Bücher von kapitaler Literarizität, die von den Feuilletons beachtet werden und die entscheidend zur Profil- und Markenbildung beitragen, neben Büchern, die hoffentlich irgendwann in Stapeln in Hauptbahnhofsbuchhandlungen liegen und ein großes Publikum erreichen. Praktisch begeistern wir uns für das eine wie das andere.

Als Lektor lebt man polyamourös und führt offene Beziehungen mit seinen Autoren, denn es gibt parallel immer weitere Autoren, die man ebenfalls innig liebt. Ob Callan Wink, Niña Weijers, Monica Sabolo, Alissa Ganijewa, Daniel Galera oder Alejandro Zambra - wir suchen nach Autoren, deren Werk wir über möglichst lange Zeit begleiten und vermitteln wollen. Und zwar aus völlig unterschiedlichen Begeisterungsgründen: Die eine schätzen wir ihrer rigiden Formstrenge wegen, den anderen wegen seiner agilen Komplexitätsneigungen, wir mögen complicated fun und präzisen Ernst, anarchische Energien und moralische Haltung, so oder so aber Autoren, die unumwunden ihrem Eigensinn folgen. Das suchen wir.

Die Akquise neuer Bücher ist Mannschaftssport. Der Lektor, der allein vor sich hin liest und nach Maßgabe elfenbeinturmhafter Kriterien programmatische Entscheidungen trifft, ist warmherzige Betriebsmythologie, entspricht nicht den Wirklichkeiten, zumindest nicht unseren. Lektoratsarbeit ist ein kontinuierliches Gespräch über mögliche, unmögliche und wirkliche Bücher, ein Gespräch, das wir untereinander führen, aber nicht nur, man redet unentwegt auch mit Kollegen aus befreundeten internationalen Verlagen. Was nicht schwerfällt, die Branche ist klein, es gibt dichten Austausch, zumal über Begeisterungen, ständig machen Empfehlungen die Runde. Wir mailen täglich mit unseren Scouts in New York, London und Barcelona, wir skypen mit wahlverwandten Verlegern in Buenos Aires, Melbourne und Tel Aviv, wir telefonieren mit unseren Autoren, wir lesen die gängigen Magazine und Blogs, und selbst im Urlaub stehen wir ständig in südeuropäischen oder mittelamerikanischen Buchhandlungen herum und schauen, was wir aufgreifen könnten, und schicken uns gegenseitig aufgeregte SMS. Und so finden wir dann manchmal ein Buch, und liegt darin nicht auch ein Glück?

Frank Wegner
(44, Lektor im Suhrkamp-Verlag)

Quelle: F.A.S.
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