Über das Unmoralische in der Literatur

Das Gute kann ruhig auch mal verlieren

Von Salman Rushdie
 - 16:03

Erzählung und Roman haben unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Für Walter Benjamin, den großen deutschen Literaturkritiker, ist die Erzählung ein kollektives Werk, von Mund zu Mund weitergegeben, von vielen Händen aufgeschrieben, von Generation zu Generation weitergereicht. Nach dieser Definition kommt die Erzählung dem Heiligen Gral der Literaturwissenschaft, der verfasserlos überlieferten Schrift, ziemlich nahe. Manchmal ordnen wir solche Epen, die im Laufe der Zeit gesammelt und kodifiziert, in dieser oder jener Version in den Literaturkanon aufgenommen wurden, einem Autor zu. Für die Ilias und die Odyssee ist das Homer, für das Mahabharata und das Ramayana sind das Vyasa und Valmiki. Diese Dichter mögen existiert haben oder nicht, aber wenn ja, haben sie Geschichten erzählt, die ihrem Ursprung nach viel älter sind. Die Erzählung wird von allen überall erzählt und gehört niemandem.

Benjamin dagegen sagt: „Es hebt den Roman gegen alle übrigen Formen der Prosadichtung - Märchen, Sage, ja selbst Novelle - ab, dass er aus mündlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht. Vor allem aber gegen das Erzählen. Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung, aus der eigenen oder berichteten . . . Der Romancier hat sich abgeschieden . . . Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit.“ Hinzufügen könnte man, dass die Erzählung in einer Gemeinschaft mit lokalem Bezug entsteht, der Roman dagegen in einer Nation. Deutsche Volksmärchen, wie sie von den Brüdern Grimm gesammelt wurden, stammen aus dem Schwarzwald, deutsche Literatur kommt aus Deutschland.

Trotz dieser sehr unterschiedlichen Herkunft ließ der Roman, ließen die besten Romane lange Zeit ein starkes Interesse am Erzählen erkennen. Die Werke von Dickens oder Austen oder Thackeray sind unmöglich zu verstehen, wenn man nicht weiß, dass für die Schriftsteller des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die Erzählung der Motor des Romans war. Viele ihrer Romane waren sehr lang und bedurften einer kraftvollen Story. Ich selbst habe von diesen Autoren gelernt, was eine gute, starke Geschichte für ein Buch bedeutet. Wenn man ein großes Auto baut, sage ich mir immer, muss man es mit einem großen Motor versehen.

Ein wachsendes Interesse an der alten Erzählkunst

Ganz allgemein könnte man sagen, dass sich der Roman irgendwann im zwanzigsten Jahrhundert, in der Hochzeit der Moderne, von der Erzähltradition löste. Ich bin ein großer Bewunderer von „Ulysses“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, aber man kann wirklich nicht behaupten, dass diese beiden Werke auf einem Plot beruhten. Die Erzählung rangiert hier hinter Form, Charakter, Sprache, Psychologie und Gesellschaftsporträt.

Dass sich die Romanliteratur von der Erzähltradition entfernt hat, erscheint mir unnötig und abträglich. Im populären Roman, im Groschenroman, wird immer eine Geschichte erzählt. Diese Bücher beruhen ganz wesentlich auf einer spannenden Erzählung voller Haken, Rätsel und Dramatik. Ich wüsste nicht, warum seriöse Literatur auf diese Elemente verzichten sollte. Und ich finde es aufschlussreich, dass die Literatur der letzten fünfzig Jahre ein neues und wachsendes Interesse an der alten Erzählkunst zu erkennen gibt, sogar an ihren ältesten Formen: Mythos, Legende, Fabel und Märchen.

Das Gute kann verlieren

Für diese Art zeitgenössischer Literatur ist das Werk Hans Christian Andersens eine wichtige Wegmarke. Volksmärchen oder Fabeln in ihrer europäischen Erscheinungsform haben meistens eine moralische Lehre. Sei nicht gierig, lautet die Moral des Grimmschen Märchens vom Fischer und seiner Frau, deren Wünsche der Butt erfüllt, bis die Frau in ihrer Maßlosigkeit Papst werden will, woraufhin alle Paläste und aller Reichtum, den der Butt ihnen bis dahin geschenkt hat, sich in Luft auflösen und die beiden wieder in ihrer Hütte sitzen. In vielen indischen Märchen geht es dagegen interessanterweise nicht um Moral. In den großen Erzählungen des Ramayana und Mahabharata sind die Helden unvollkommen und ihre Gegner nicht zwangsläufig Schurken, sondern ebenfalls Träger heroischer Tugenden. Auch bei Homer ist das so: Hektor, der heldenhafte Trojaner, der dem Griechen Achilles im Duell unterliegt, ist der schwächere Kämpfer, in vielerlei Hinsicht aber der bessere Mensch.

Der Gute kann verlieren, Fabeln können Antihelden haben. In den indischen Tiergeschichten des Panchatantra sind die beiden Schakale alles andere als gut. Der eine ist listig und verschlagen, der andere noch viel mehr. Nicht immer siegt das Gute, in diesen Geschichten siegt es sogar sehr selten.

Zwischen Moral und Ambivalenz

Moderne Schriftsteller, die sich von Legenden und Märchen inspirieren ließen, haben meist einen großen Bogen um die schlichte Moral beispielsweise eines Äsop gemacht. Italo Calvino, Gabriel García Márquez, Michail Bulgakow sind allesamt wunderbare Fabulierer, aber keine Moralisten. Man trenne die Erzählung von der Moral, und es entsteht das, wofür man den etwas irritierenden Begriff „magischer Realismus“ erfunden hat - eine Art des Schreibens, die auch mir vorgeworfen wird.

An den Geschichten von Hans Christian Andersen und der Frage, wo sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart einzuordnen sind, ist interessant, dass sie in beide Richtungen weisen, einerseits auf die religiösen, strengen Gut-Böse-Moralvorstellungen vergangener Zeiten - wenn Sie so wollen: auf die kollektive Weisheit des Stammes -, andererseits auf die ambivalenten Gefühle des modernen Individuums, auf die Empfindungen des Romanciers, von denen Walter Benjamin spricht. Manche Märchen sind ganz offen, man könnte fast sagen auf konservative Weise religiös, insofern das Gute mit dem Bösen kontrastiert wird wie etwa in den „Roten Schuhen“. In der „Kleinen Meerjungfrau“ hat die Liebe der Heldin zu dem Prinzen keine Chance. Aber durch ihre Selbstaufopferung, ihr großes Mitgefühl für andere gewinnt sie göttliches Wohlgefallen und damit die Aussicht auf Unsterblichkeit.

Das ist seltsam, also interessant

In anderen Märchen ist Andersens Moral stärker ausgeprägt. Die Prinzessin, die eine winzige Erbse unter einem ganzen Stapel Matratzen spürt und daran leidet, wird gelobt für ihre „Empfindsamkeit“, womit sie sich als wahre Prinzessin erweist. Heutige Leser werden vielleicht etwas weniger wohlwollend sagen, dass die Prinzessin ein verzogenes Kind ist, womöglich eine Nervensäge.

In „Des Kaisers neue Kleider“ geht es eher darum, dass der Kaiser und seine Höflinge ihren wohlverdienten Denkzettel bekommen, als dass die Betrüger bestraft würden, die das unsichtbare Gewand gewebt haben und mit einem hübschen Batzen Geld verschwinden. Wenn sie dafür bestraft werden, so wird das im Märchen jedenfalls nicht erwähnt.

Noch dunkler und insofern moderner ist die moralische Welt in „Das Feuerzeug“. Zu Anfang der Geschichte tötet der Soldat die Hexe, ohne sich etwas dabei zu denken, am Ende heiratet ihn die Prinzessin, obwohl die großen Hunde, die dank des Feuerzeugs freigekommen sind, gerade ihre Eltern getötet haben. Das ist wirklich seltsam, für uns moderne, desillusionierte Leser also hochinteressant. Durch ihre Amoralität ist die Geschichte für uns viel reizvoller, als sie es mit einer eindeutigen moralischen Botschaft gewesen wäre.

Das zeigt, wie wichtig Andersen ist

Zwei der schönsten Märchen Andersens illustrieren diese gegensätzlichen Erzählweisen. „Die Schneekönigin“, eine ziemlich furchtbare Geschichte, erlaubt dem Leser ein Happy End. Gerdas Liebe macht, dass Kays eisiges Herz mitsamt dem Splitter darin schmilzt, und die Tränen, die sie bei ihm auslöst, befreien ihn auch vom Splitter in seinem anderen Auge. So schrecklich die Geschichte ist, sie bleibt im Grunde der konventionellen Märchentradition verhaftet.

„Der Schatten“, für mich das größte von Andersens Märchen, hat dagegen ein eher kafkaeskes Ende. Der Schatten, der sich von dem Mann gelöst hat, nimmt nicht nur dessen Platz in den Gefühlen der Prinzessin ein, sie und der Schatten vereinbaren sogar, dass der Mann an ihrem Hochzeitstag sterben soll. Keine Spur ist hier von Walter Benjamins traditionellem Erzähler. Dies ist die einsame, düstere Vision des modernen Schriftstellers.

Hans Christian Andersen steht in jener großen Erzähltradition, die von den ältesten Epen bis zu Kafka und García Márquez reicht. Das zeigt, wie wichtig er ist. Für einen Schriftsteller wie mich, der in demselben Weinberg arbeitet oder vielleicht im benachbarten, bedeutet die Auszeichnung mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis daher sehr viel.

Der Autor

Sir Salman Rushdie, geboren 1947 in Bombay, lebt als englischer Schriftsteller in London. Für seinen Roman „Die satanischen Verse“ wurde 1989 eine Fatwa mit Todesdrohung über ihn verhängt. Zuletzt erschien seine Autobiographie „Joseph Anton“. Rushdie hielt die Rede, die wir hier veröffentlichen, als Dank für die Verleihung des dänischen Hans-Christian-Andersen-Preises.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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