Stephen Kings „Mr. Mercedes“

Der Tod, das Auto und das Frühwarnsystem Literatur

Von Tobias Rüther
 - 11:15
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Jemand rast mit einem Auto in eine Menschenmenge, um zu töten: Gerade eben ist das wieder passiert. Es ist zu einem Szenario des Terrors im 21. Jahrhundert geworden, dessen Muster man inzwischen wiedererkennt. Man weiß jetzt, dass und wie so etwas passieren kann, so wie man schon seit längerem weiß, dass sich Terroristen mit einem Bombengürtel in Busse setzen, und was danach folgt.

Seit ein islamistischer Terrorist im Juli 2016 auf der Promenade des Anglais von Nizza mit einem Lastwagen sechsundachtzig Menschen umgebracht und vierhundert verletzt hat, häufen sich solche Attentate in den Großstädten des Westens, in London, in Stockholm, kurz vor Weihnachten in Berlin; in Israel hat es motorisierte Anschläge schon seit zehn Jahren immer wieder einmal gegeben. Eben ist es dann in Barcelona geschehen, auf der berühmten Rambla. Davor passierte es in Charlottesville, wo ein zwanzig Jahre alter weißer Mann mit einem Auto in eine Gruppe von Demonstranten gefahren ist, die gegen den Aufmarsch von Rechtsradikalen in der Stadt im amerikanischen Süden protestiert hat. Eine Frau starb, neunzehn Menschen wurden verletzt. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat es noch immer nicht geschafft, diese Tat als Terror zu bezeichnen, so wie er es bei motorisierten Angriffen islamistischer Täter bislang getan hat. Trump hat sich, und das ist ein tiefer Einschnitt in der amerikanischen Geschichte, auch nicht gegen den weißen Rassenhass gestellt, der sich in Charlottesville triumphierend zeigte und gegen den die Opfer des Fahrers auf die Straße gegangen waren. Stattdessen hat er relativiert.

Zwei Tage bevor weiße Rechtsradikale am 11. August 2017 bewaffnet durch Charlottesville marschierten und die Hand zum Hitlergruß hoben, drei Tage vor der Todesfahrt in die friedlichen Gegendemonstranten, lief im amerikanischen Fernsehen die erste Folge einer neuen Serie, die auf einem Kriminalroman des Schriftstellers Stephen King basiert: „Mr. Mercedes“. Darin rast ein junger Mann mit einem Auto in eine Gruppe von Menschen und tötet acht von ihnen. Das Buch ist 2014 erschienen, es spielt aber 2009. Und man sitzt jetzt da, mit Kings Buch und der neuen Serie, die auf dem Sender AT & T läuft (die ersten beiden Folgen stehen im Netz, auch in Deutschland empfangbar), und fragt sich, was das nur ist mit der Kunst, dass sie manchmal prophetisch wirkt, kybernetisch. Dass sie sehen kann, ohne dabei zu sein. Dass sie das Shining hat, wie Stephen King es selbst nennen würde. Dass aus alten Storys brandneue Leitartikel werden, die wie in einem bösen Gag einen Gang der Dinge schon kommentiert haben, bevor der überhaupt ablief?

Ist Amerika also das, was Stephen King in seinen Albträumen sieht? Er hatte ja schon 1979, in „Dead Zone“, einen populistischen Clown als Präsidenten erfunden, Greg Stillson, der Donald Trump unheimlich ähnlich sieht.

„Mr. Mercedes“ wäre dann der aktuelle Gegenwartskommentaralbtraum von Stephen King, er spielt mitten in der Finanzkrise, die viele Amerikaner hart getroffen oder sogar ruiniert hat. Der Todesfahrer rast mit seinem Mercedes frühmorgens in eine Schlange wartender Arbeitsloser, die sich für eine Jobbörse in einer namenlos bleibenden, ganz normalen amerikanischen Stadt im Mittleren Westen angestellt haben. Die Polizei findet am gleichen Tag zwar den Wagen, aber keine Spur des Täters. Zwei Jahre später meldet der Mercedes-Killer sich dann aber von selbst mit einem Brief bei einem der Kommissare, die damals ermittelt haben. Der Täter, ein junger Mann namens Brady, will diesen Kommissar, der seinen Lebenszweck verloren hat, seit er pensioniert ist, in den Tod treiben – aber Bill Hodges dreht den Spieß einfach um, denn jetzt hat sein Leben wieder einen Sinn. Jetzt jagt er Brady, dessen krimineller Wahnsinn immer schneller eskaliert. Hodges – der wie jeder Held von Stephen King bald Gehilfen bekommt – stoppt Brady in der letzten Sekunde, als der sich beim Konzert einer Boygroup in die Luft sprengen will, um möglichst viele Teenager mit in den Tod zu reißen.

Und damit ist „Mr. Mercedes“ nicht nur ein Krimi über eine Form motorisierten Terrors, der einem inzwischen sehr bekannt vorkommt. King beschreibt auch noch ein Attentat, das im Buch zwar vereitelt werden kann, im Mai 2017 aber in der wirklichen Welt wirklich wurde: als sich ein Terrorist nach einem Konzert des amerikanischen Teenie-Stars Ariana Grande in Manchester in die Luft sprengte. Und sehr viele sehr junge Fans tötete.

Die Produzenten der Serienverfilmung von „Mr. Mercedes“ – unter anderem ist David E. Kelley dabei, Erfinder von „Ally McBeal“ – haben die Konzertszene herausgestrichen, allerdings schon vor dem Anschlag von Manchester. Zugleich aber haben sie das beklemmende, erregende Gefühl, Stephen King habe in seinem Buch literarisch Witterung von etwas aufgenommen, das sich jetzt im echten Leben zeigt, nur noch weiter befeuert. Der namenlosen amerikanischen Stadt haben die Produzenten jetzt nämlich einen Namen gegeben: Bridgton, Ohio. Der junge Mann, der in Charlottesville in die Gegendemonstranten raste, lebte auch seit kurzem in Ohio. Er war wie Brady von seiner Mutter allein groß gezogen worden. Sein Vater war wie der von Brady früh gestorben.

„Mr. Mercedes“ ist der erste Teil einer Trilogie um Detective Bill Hodges, die King im vergangenen Jahr mit „Mind Control“ abgeschlossen hat. Es waren die ersten Krimis, die King im Laufe seiner langen Karriere geschrieben hat. Zwei Monate, bevor das Manuskript des letzten Teils im August 2015 fertig war, in dem Brady und Hodges sich noch einmal duellieren, hatte Donald Trump seine Kandidatur für das Amt des amerikanischen Präsidenten verkündet. Trump wird in „Mind Control“ auch namentlich erwähnt, als Maß für ausschweifenden Reichtum. Die drei Bücher spielen zwar alle vor der Präsidentschaft Trumps, zwischen 2009 und 2014 – aber sie deuten dennoch auch diese Gegenwart. Weil King auf den fast zweitausend Seiten seiner Trilogie das Bild der amerikanischen Verhältnisse zeichnet, die Trumps Aufstieg möglich gemacht haben: sozialer Abstieg und Frustration, Hass auf Minderheiten als Kompensation für das Gefühl, zu kurz zu kommen, Hass aus Prinzip, Hass als Prinzip, Snobismus, Kälte, Unverständnis, Rassismus.

Im zweiten Teil, „Finderlohn“ von 2015, kommen zwei Reporter vom „New Yorker“ in die namenlose Stadt im Mittleren Westen, sie haben sich extra Klamotten dafür gekauft, „karierte Hemden und Jeans, denen man noch die Bügelfalten aus dem Laden ansieht. Hodges hat den Eindruck, dass sie das für die Standardkleidung im Hinterland halten.“ Die einen denken, die anderen würden es nicht merken, aber so schlau, wie die einen sich halten, so doof sind die anderen nicht: Eine winzige Szene, die alles über den Graben erzählt, der durch Amerika verläuft, der aber eben von beiden Seiten wahrgenommen wird.

Kings literarisches Frühwarnsystem ist auch hier am Werk. Die Elektronikkette, für die Brady in „Mr. Mercedes“ arbeitet, wenn er nicht als Eisverkäufer umherzieht, ist in der Serie noch perfekter nachempfunden. Hohle Servicewelten, falsches Ethos in Polyesteruniformen mit Namensschildern, neue Unterhaltungstechnik, die schon veraltet ist, als sie in die Regale kommt, frustrierte Käufer und noch frustriertere Verkäufer: Im Grunde sind diese Milieustudien genauso erschütternd wie die Parallelen zu den Terroranschlägen von heute. Wenn ein Schriftsteller (und Wähler der Demokraten) wie Stephen King dieses drohende Unheil, das aus menschlicher Vernachlässigung entstand, erkennen und in Worte fassen konnte, warum haben die Demokraten es nicht selbst erkannt?

Die Serie verschärft die sozialen Konflikte sogar noch. Sie verdoppelt auch die Zahl der Opfer des Mercedes-Killers auf sechzehn, aber sie zeigt vor allem die Privilegien der einen und die Perspektivlosigkeit der anderen, und sie nennt auch das Ressentiment beim Wort. Da gibt es eine Szene, die so in Kings Buch nicht vorkommt, die aber exakt bebildert, was Ressentiment ist: Da steht Bradys lesbische Kollegin an der Kasse des Elektronikladens und muss einem Kunden leider mitteilen, dass sein kaputter Computer kein Garantiefall ist, und dann sagt sie ihm zum Abschied die Leerformeln unserer Dienstleistungswelt auf, Ihnen trotzdem einen schönen Tag, Sir, danke für Ihr Vertrauen – da dreht sich der Kunde um, kommt noch einmal zurück und stellt sich direkt vor sie: „Darf ich was sagen? Vielleicht gehört das nicht hierher. Ich habe kleine Kinder. Manchmal nehme ich die mit, wenn ich einkaufen gehe. Ich habe kein Problem mit abweichenden Lebensstilen. Aber wenn man die stolz zur Schau stellt, könnten Kinder den Eindruck kriegen, dass sie gar nicht abweichend sind. Sondern ganz normal. Und die Aussicht beunruhigt mich.“

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun, aber doch prallen die beiden Figuren aufeinander: als ob die eine dem anderen etwas nähme, wenn sie in der gleichen Bewegungsfreiheit lebte wie er. Aber weil sein Computer Schrott ist und niemand trotz schönster Versprechen dafür geradesteht, darf die Verkäuferin nicht so tun, als sei es ganz selbstverständlich, dass sie lesbisch ist. Es ist diese beunruhigende Frage, warum nur es einem arbeitslosen Bergarbeiter in West-Virginia helfen sollte, dass zwei schwule Männer in New York nicht heiraten dürfen – aber sie hat diese letzte amerikanische Präsidentschaftswahl mit entschieden. Stephen King hat seine Trilogie mit einer Verbeugung vor John Steinbeck begonnen, dem großen Schriftsteller des amerikanischen Abstiegs und nicht enden wollender Träume. Was Steinbecks Bücher für die Rezession der dreißiger Jahre waren, ein genaues, emphatisches Abbild der tristen Lage, mit dem aber schon der Neuanfang begann – das steckt auch in diesen drei Büchern von Stephen King für die trumpinduzierte Depression unserer Jetztzeit.

Kein Wunder, dass der Präsident den Schriftsteller nicht mag. Trump hat Stephen King seit einigen Monaten auf Twitter blockiert, damit der nicht mehr lesen und danach kommentieren kann, was Trump dort so absondert. King fordert nämlich schon seit langem, dass Trump abgesetzt werden muss, er hatte ihn schon vergangenes Jahr im Wahlkampf immer wieder attackiert – und nach Charlottesville die Republikaner aufgefordert, sich endlich gegen diesen „obszönen Mann“ aufzulehnen. „Der Präsident der Vereinigten Staaten ist ein Rassist“, twitterte King. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich so was mal erleben würde.“ Und er verlinkte ein Foto der Demonstrantin, die in Charlottesville totgefahren wurde, Heather Heyer heißt sie.

Amerika ist das, was Stephen King in seinen Albträumen sieht, okay. Aber Amerika ist eben auch das, was sich Stephen King in diesen Träumen erhofft und in vielen seiner Horrorgeschichten erzählt hat, es ist die goldleuchtende Kindheit und das Gute im Menschen, ist die Liebe zur Literatur und die Freundschaft, die über das Böse siegt, es ist Zusammenhalt und Anstand und Respekt vor der unergründlichen Andersheit der anderen, und es ist immer Liebe. All das findet man eben auch in „Mr. Mercedes“, neben einer Terrorszene, an deren Anblick wir uns langsam gewöhnen, ohne es zu wollen. Das Buch aber sagt: Gewöhnt euch bitte nicht daran.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Wie findet der Autor selbst, dass aus „Mr. Mercedes“ eine Art Prophezeiung geworden ist? Stephen King, der am 21. September siebzig Jahre alt wird, antwortet kurz per Mail: „In einem Wort: schrecklich. Ich würde viel lieber Weltfrieden vorhersagen, und der würde dann wahr werden.“

Die Trilogie um Bill Hodges, „Mr. Mercedes“, „Finderlohn“ und „Mind Control“, ist im Heyne–Verlag erschienen.

Auf die beiden ersten Folgen der neuen Fernsehserie gelangt man über stephenking.com.

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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