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Oppenheims Denkschrift

Wie Deutschland mit dem Islam in Dschihad ziehen wollte

Von Ulrike Freitag
 - 16:32

Max von Oppenheims „Denkschrift betreffend „die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ ist ein in mehrfacher Hinsicht interessantes Dokument: Es zeigt die strategischen Überlegungen eines der führenden Orientkenner der Epoche im Kontext des Ersten Weltkrieges, die zumindest in Teilen von der Militärführung übernommen wurden. Ihr Kernstück war die Allianz Deutschlands mit dem Osmanischen Reich, die mit der Kriegsniederlage beider Mächte und der Aufteilung des Vorderen Orients endete.

Von Oppenheims Pläne gingen weit über das Osmanische Reich und seine schon länger de facto selbständige, von Großbritannien seit 1882 besetzte ägyptische Provinz hinaus. Sie umfassten auch die Muslime Indiens, Afghanistans und, zu einem geringeren Teil, die von Frankreich kontrollierten nordafrikanischen Länder. Die Denkschrift zeigt in ihrer Argumentation ferner das deutsche Kalkül, Muslime zum Aufstand gegen insbesondere die Briten, aber auch die Franzosen sowie, im Kaukasus, die Russen zu motivieren. Dabei sollten Osmanen, Perser sowie Afghanen und die lokalen Bevölkerung mit deutscher finanzieller und militärischer Unterstützung kräftig Schützenhilfe leisten.

Viele Muslime in den genannten Regionen hegten durchaus einen erheblichen Groll gegen die britische, französische und russische Herrschaft. Im späten neunzehnten Jahrhundert hatten viele das Osmanische Reich als mögliche Schutzmacht gegen die europäische Ausdehnung betrachtet. Darauf aufbauend, ging es von Oppenheim darum, sie zur Entlastung der deutschen Truppen gegen die jeweiligen Kolonialherren anzustacheln.

Eine reine Zweckgemeinschaft

Im Erfolgsfalle eröffnete diese Mobilisierung die Perspektive auf erhebliche Absatzgebiete und Bodenschätze – insbesondere Erdöl, das in diesem Krieg erstmalig eine wichtige Rolle spielte. Orientalische Interessen nahmen demgegenüber einen dezidierten zweiten Rang ein. Man werde, so von Oppenheim, „in vorsichtigster Weise abzuwägen haben wieweit wir uns in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht für die Zukunft engagieren können“.

Eine genaue Lektüre des instruktiven Textes entlarvt die in der Region häufig vernommene Einschätzung, Deutschland sei ein historischer Freund muslimischer Gesellschaften, als das, was sie war: eine reine Zweckgemeinschaft. Wenn nordafrikanische Kriegsgefangene sich gegenüber deutschen Offizieren beklagten, sie seien von den Franzosen nur als Kanonenfutter eingesetzt worden, so sahen die deutschen Pläne nichts anderes vor, nur eben an der Seite der mit Deutschland alliierten Osmanen. Insofern muss die deutsche Politik – ebenso wie die osmanische, die in der „Denkschrift“ nur eine passive Rolle spielt – im gleichen imperialen Kontext gesehen werden wie die anderer europäischer Mächte.

Die Mobilisierung im Namen eines „Heiligen Krieges“ im Kontext des Ersten Weltkriegs war, wie neuere Untersuchungen Tilman Lüdkes, Mustafa Aksakals, Ernst Zürchers und anderer gezeigt haben, keine rein muslimische – oder auf diese bezogene – deutsche Idee: Auch christliche Würdenträger unterstützten dezidiert ihre jeweiligen Kriegsherren, und die Osmanen hätten der deutschen Inspiration wohl nicht bedurft. Zwar waren die seit 1908 an der Macht befindlichen Jungtürken nicht besonders religiös, aber die Mobilisierungskraft der Religion spielte auch für sie eine wichtige Rolle. Die Kritik seines holländischen Kollegen Snouck Hurgronje, von Oppenheim habe eine durch die Modernisierung überholte Macht wiederbelebt, war insofern eher verfehlt.

Die lange Historie zwischen Deutschen und Muslimen

Die „Denkschrift“ wird mit einem Text des Schriftstellers Steffen Kopetzky eingeleitet, der den Weltkriegsroman „Risiko“ publiziert hat. Sie ist für alle instruktiv, die sich mit deutscher Orientpolitik im Zeitalter des Imperialismus und Weltkriegs beschäftigen. Wenn heute der Dschihad zu Recht als Gefahr für den Westen betrachtet wird, ist die Erinnerung daran, dass der Islam und speziell der Heilige Krieg im vergangenen Jahrhundert immer wieder von westlichen Mächten zu instrumentalisieren versucht wurde – beispielsweise in Afghanistan gegen die Sowjetunion –, durchaus wichtig.

Bedauerlich ist, dass sich der Herausgeber nicht etwas mehr Mühe mit der Edition gemacht oder Fachleute konsultiert hat. Die Anmerkungen sind nur bedingt hilfreich – „Maghsen“ etwa erklärt von Oppenheim selbst im Text als Bezeichnung für das marokkanische Königreich und seinen Herrschaftsradius, es ist also keine Anspielung auf die Amazigh (Berber). Auch das Nachwort läse sich ohne modische Analogien zwischen Deutschen und Chinesen und englische Einsprengsel („scoren“) besser, selbst wenn es treffende Beobachtungen enthält.

Hundert Jahre nach seinem Erscheinen ist von Oppenheims Schrift eine lohnende Lektüre. Sie verweist nicht nur auf die langen Verbindungen zwischen Deutschland und muslimisch geprägten Ländern, sie zeigt auch die Anfänge westlicher Indienststellung des Islams. Schon im Ersten Weltkrieg zeigte sich, dass die Verbündeten sehr wohl ihre eigenen Interessen vertraten, auch zur Irritation der Deutschen. Diese Lehre wurde nicht aufgegriffen, wie etwa die Vereinigten Staaten in Afghanistan bitter erfuhren. Bis heute beschäftigen die Folgen des Ersten Weltkriegs den Vorderen Orient. Auch wenn Großbritannien und Frankreich für die anschließende Mandatsherrschaft kritisiert werden: es war deutsches Drängen, das die Osmanen bewegte, in den Krieg einzutreten.

 

Max von Oppenheim: „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2018. 112 S., geb., 18,– .

Quelle: F.A.Z.
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