Thomas Tranströmer

Wind aus der Bibliothek des Meeres

Von Heinrich Detering
 - 12:00

Der Gedichtband, mit dem der junge Tomas Tranströmer die schwedische Lyrik auf den Kopf stellte, hieß "17 dikter". 1954 war das. Mit geringstmöglichem Aufwand die größtmögliche Wirkung zu erzielen, diese Kunst hat der Vierundsiebzigjährige heute zur Vollendung gebracht. "Fünf Gedichte" ist der erste der drei Teile überschrieben, aus denen sich sein jüngster und wortkargster Band zusammensetzt. Es sind Gedichte vom Tod, von der "dunklen Schwelle", die es noch zu übersteigen gilt und hinter der hier, in alten, einfachen und in der Kombination auf einmal wieder geheimnisvollen Bildern die langen Schatten warten im windstillen Gelände.

Zu erahnen ist sie schon hier und jetzt, beim Aufenthalt auf dem "Adlerfelsen" zum Beispiel. Drei kurze Strophen nur umfaßt das so überschriebene Eröffnungsgedicht, und in ihnen öffnet sich, durch die alltäglichen Szenerien hindurch, eine abgründige Tiefe. Da sind zunächst "Hinterm Glas des Terrariums / die Reptile / seltsam reglos." Da kommt dann, in der zweiten Strophe, das Sterben ins Spiel: "Eine Frau hängt Wäsche auf / im Schweigen. / Der Tod ist windstill." In der dritten erst weitet sich der Blick auf Himmel und Erde, die im Dahingleiten der Seele schon eins geworden sind: "In der Tiefe des Bodens / gleitet meine Seele / schweigend wie ein Komet."

Noch immer ist in solchen Versen die Tradition des Symbolismus zu erkennen, aus der Tranströmer gekommen ist. Noch immer ist ihr zentrales Thema die Spannung von Alltag und Epiphanie, und noch immer erweist sich der Poet als ein Mystiker des genauen Details, als Artist der welthaltigen Beiläufigkeit. Noch nie aber waren seine Verse so lapidar wie in diesem auf die letzten Wörterschollen abgeschmolzenen Alterswerk. Gegenüber den manchmal weit ausholenden früheren Gedichten begnügt es sich mit Wink und Andeutung. Gerade so verwandeln sich die trivialsten Anblicke in metaphysische Embleme. "Die Begräbnisse kommen / dichter und dichter / wie die Straßenschilder / wenn man sich einer Stadt nähert" - auch so kann der Weg zur dunklen Schwelle beschrieben werden und zur Stadt dahinter.

Auf jeder Silbe liegt Gewicht

Wo andere hundert Wörter machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass er schon früh angefangen hat, nicht nur Wörter, sondern Silben zu zählen. Im Haiku - mit seiner in europäischen Sprachen so leicht mechanistisch wirkenden Zählung der drei Verse von fünf, sieben, fünf Silben - hat jede Silbe Gewicht. Auf dem engen Raum verrät sich jede Prätention; und hier macht sich die geringste Abweichung bemerkbar. Eben deshalb läßt Tranströmer hier mit den kleinsten Gesten große Kunst entstehen. In den "Neun Haikus", die er 1959 verfaßte und die erst 2001 in Schweden erschienen sind, eröffnet gerade die Geschlossenheit der Form eine Vielfalt der Beziehungen, die derjenigen der "Fünf Gedichte" hier zu Recht an die Seite tritt.

Das heute zwischen Esoterik und Tassilo bedenklich verbreitete Genre - bei Tranströmer kommt es zu sich selbst. Das verdankt sich schon der Wahl eines nach landläufigem Verständnis denkbar poesiefremden Sujets. "Aus dem Jugendgefängnis Hällby" nämlich schickt Tranströmer seine lyrische Luftpost, in der die Eingeschlossenen, die aus der umgebenden Natur Ausgeschlossenen, in überaus konkreten Szenerien gezeigt werden: beim Fußballspiel im Anstaltshof, in der Werkstatt, beim Milchtrinken. Eben weil Tranströmer sich alle naheliegende Gleichnishaftigkeit versagt, weil er das reale Gefängnis nicht in existentialistische Gefälligkeiten überhöht, wird es hier zum anthropologischen Ort.

Das Ideal der lautlosen Hingabe

So gehen hier alle philosophischen und religiösen Reflexionen in der sinnlichen Vergegenwärtigung auf. Das gilt vor allem für den gleichzeitig entstandenen, umfangreicheren Haiku-Zyklus, der den Band beschließt. Ursprünglich adressiert an den Hällbyer Gefängnisdirektor, führt er Tranströmers große Themen in spielerischer Gelassenheit zusammen. Unbefangen werden Wörter wie "Geheimnis", "Kirche" und "Gott" gebraucht; und unauflöslich scheint ihr Zusammenhang mit "Apfelbaum", "Mathematik" und "Schleppdampfer". "Das braune Laub / ist genauso kostbar wie / Schriftrollen vom Toten Meer", heißt es in einem der Gedichte; das vorletzte nimmt diesen Gedanken gleich doppelt wieder auf: "Großer und langsamer Wind / aus der Bibliothek des Meeres. / Hier darf ich ruhen." Das Buch der Natur als Zeichensprache einer "Offenbarung" (auch dieses Wort kommt ausdrücklich vor), das Meer als Doppelbild des Todes und der Ruhe - da gleiten, über die Distanz von fünfzehn Druckseiten hinweg, christliche und fernöstliche Mystik unmerklich ineinander. Solche Spannungsbögen überwölben den Zyklus und halten ihn zusammen.

Vielleicht ist keiner der bei Lebzeiten kanonischen europäischen Dichter dem zenbuddhistischen Ideal des Verschwindens aller Subjektivität, der lautlosen Hingabe so nahegekommen wie dieser schwedische Asket. Hanns Grössels präzise Prosa-Übersetzung versucht nicht, die minimalistische Formstrenge des Originals im Deutschen abzubilden. Gerade dank dieser Nüchternheit aber gelingt es ihm, sie in dieser zum Glück zweisprachigen Ausgabe auch mit dem Schwedischen unvertrauten Lesern im Original hörbar zu machen. Wer diesen Gedichtband erwirbt, zahlt ein paar Euro für ein paar hundert Wörter. Das ist, da es Tranströmers Wörter sind, praktisch geschenkt.

Quelle: Tomas Tranströmer: „Das große Rätsel“. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Schwedischen übersetzt von Hanns Grössel. Hanser Verlag, München 2005. 80 S., geb., 12,90 Euro.
  Zur Startseite