Vergangenheitsbewältigung

Schweigen bis zuletzt: Grass und seine israelischen Gäste

Von Joseph Croitoru
 - 17:58

Der Umgang des Schriftstellers Günter Grass mit seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS muß jetzt noch fragwürdiger erscheinen. Denn wie internationale Zeitungen, darunter die israelische Zeitung „Haaretz“, gestern berichteten, hatte Grass im Sommer dieses Jahres, also noch vor Erscheinen seines biographischen Romans „Beim Häuten der Zwiebel“, zugestimmt, die ihm von einer israelischen Privathochschule angebotene Ehrendoktorwürde anzunehmen - und seine zwei Wochen später eingestandene SS-Vergangenheit dabei verschwiegen. Das Thema wurde auch nicht in dem zweistündigen persönlichen Gespräch angesprochen, das Yitzhak Mayer, der Berater des „Netanya Academic College“, und David Altman, der stellvertretende Präsident dieses akademischen Instituts, mit dem Schriftsteller in seinem Lübecker Haus führten.

Grass habe während dieser Unterhaltung, so berichteten die israelischen Besucher, Ruhe und Freundlichkeit ausgestrahlt und Sympathie für Israel an den Tag gelegt. Er träume davon, Israel wieder zu besuchen, habe Grass geäußert und sich gleichzeitig besonders glücklich darüber gezeigt, soeben die Fahnen seines neuen Romans durchgelesen zu haben.

Die Last des langen Schweigens

Von seinem Bekenntnis, der Waffen-SS angehört zu haben, erfuhren die Israelis erst zwei Wochen später aus den Medien. Besonders betroffen fühlte sich Yitzhak Mayer, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde. Er bat den deutschen Nobelpreisträger, Stellung zu nehmen, was dieser auch tat - per E-Mail. Mayer bestand jedoch auf dem Postweg. Grass antwortete in einem auf den 9. Oktober datierten Brief, daß er seinen Waffen-SS-Einsatz bedauere, der allerdings, wie er ausdrücklich betont, nur einige Wochen gedauert habe. Die restliche Darstellung seines Verhaltens im „Dritten Reich“ deckt sich weitgehend mit bereits bekannten öffentlichen Äußerungen.

Seine „Dummheit“ und „Unwissenheit“, schreibt Grass, habe ihn damals zu der Annahme verleitet, bei der Waffen-SS handele sich um eine Eliteeinheit. Eine eindeutige Erklärung dafür, weshalb er dieses Thema jahrzehntelang verschwiegen hat, sucht man auch hier vergebens. Die Rede ist lediglich davon, daß sein Schweigen den Autor lange belastet habe: „Je deutlicher mir die Verbrechen der Waffen-SS wurden, um so tiefer wuchs die Scham in mir darüber, daß ich dieser Organisation angehört habe.“ Er endet mit dem Verweis auf das „gedoppelte S“, das er als „Kainsmal“ fortan tragen müsse. Er bitte darum, daß das, was er als „Schriftsteller und Künstler sowie als engagierter Bürger“ seines Landes geleistet habe, als „Gegengewicht“ gesehen werde (siehe auch: Kains Mal: Wie Günter Grass das Fürchten lehrte).

Ehrendoktorwürde auf Eis

Der Brief enthält jedoch keinerlei Erklärung dafür, daß Grass noch kurz vor der Veröffentlichung seiner Autobiographie deren brisanten Inhalt den israelischen Besuchern vorenthalten hatte. Er hat den Präsidenten des „Netanya Academic College“ Zvi Arad dennoch zutiefst bewegt - insbesondere die Passage mit dem Kainsmal. In seinem Antwortschreiben an Grass gibt sich Arad versöhnlich, ja er scheint ihm sein Verhalten verzeihen zu wollen: „Ihr Fall (im Vergleich zu Kains) liegt völlig anders, und ich persönlich empfinde Ihnen gegenüber keinerlei Zorn, weil ihr Lebenswerk einen schrecklichen Fehler in den Schatten drängt, den Sie in Ihrer Jugend aus Kurzsichtigkeit, einem Mangel an Wissen und aufgrund der Gehirnwäsche, auf die sich die nationalsozialistische Herrschaft spezialisiert hatte, begangen haben.“ Dennoch werfe die Mitgliedschaft in der Waffen-SS lange Schatten und stelle die Verleihung der Ehrendoktorwürde infrage.

Das „Netanya Academic College“ hat die Ehrung des deutschen Schriftstellers, den es nun zu einer Podiumsdiskussion nach Netanya einladen will, erst einmal auf Eis gelegt. Man werde, wenn einige Zeit vergangen sei, noch einmal darüber entscheiden.

Quelle: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite 39
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