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Verlegerinnen

Die Verlockung der einsamen Jagd

Von Hannes Hintermeier
 - 17:24

Sie lesen nicht nur mehr als Männer, sie betreiben auch mehrheitlich das Geschäft mit den Büchern. Aber bis an die Spitze der Konzernverlage oder in die Selbständigkeit schaffen es nur wenige Frauen. Das wußte auch Tanja Graf sehr genau, die zuletzt Cheflektorin bei Piper war. Aber dieses Wissen hat sie nicht davon abgehalten, ihr Glück zu versuchen. Als bei Piper 2003 die Führung wechselte, war die Zeit für einen eigenen Anlauf gekommen. "In einem Verlag zu arbeiten bedeutet sehr viel Fleiß, wenig Geld und wenig Außenwirkung", sagt die dreiundvierzigjährige Münchnerin, die schon damals auf eine beachtliche, weil inhaltlich wie kommerziell erfolgreiche Laufbahn im Geschäft mit den Büchern zurückblicken konnte.

Nun ist das vierte Programm fertig, und so wie es aussieht, wird es ein fünftes geben. Das ist in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit, spricht aber für die These, die am Anfang der Unternehmensgründung formuliert wurde - daß nämlich gerade in Zeiten konzerngenerierter Massenware ein durchdachtes und handwerklich schön gemachtes Buchangebot auch seine Leser finden müsse. Tanja Graf hat den Sprung in die Unabhängigkeit gewagt, aber sie hat diesen Sprung auch so klug vorausgeplant, daß die Aussicht auf eine sichere Landung zumindest im Reich des Möglichen lag.

Die Wessis in der Widenmayerstraße

Die Idee, den Münchner Kunstverleger Lothar Schirmer zu gewinnen, erwies sich dabei als Grafs strategisches Gesellenstück; denn Schirmer sagte nach kurzer Bedenkzeit zu; mit einem sechsstelligen Budget, das zu gleichen Teilen eingebracht wurde, hat man sich - fürs Verlagswesen knappe - zwei Jahre Startphase gegeben. Als Logo wählten die beiden ein schwebendes Buchenblatt, als Namen SchirmerGraf. Der literarische Ableger residiert nicht nur im selben Haus wie der Verlag Schirmer/Mosel, sondern kann auch auf die Abteilungen Herstellung, Marketing und Vertrieb zurückgreifen.

Das sorgfältig sanierte Haus mit dem marmorverkleideten Eingang aus der Zeit der Jahrhundertwende steht am noblen Isarufer, in der Widenmayerstraße. Zwei Altbauwohnungen im fünften Stock hat Lothar Schirmer dort zu einer Verlagsheimat zusammengefaßt. Im Ostflügel sitzt die Kunst, im Westflügel die Literatur, die sich von daher "Wessis" nennt - und aus Tanja Graf und ihrer Assistentin Nina Beck besteht. Der Blick geht über die Dächer und Hinterhöfe des Lehel, das großzügige rundum verglaste Büro ist spärlich eingerichtet; ein weißes Sofa, ein Schreibtisch, der früher der Mutter Lothar Schirmers, einer Schneiderin, als Zuschneidetisch diente. Einen Computer und Ikea-Regale hat Tanja Graf angeschafft, ansonsten ist der Raum schmucklos, bis auf die zahlreichen Bücher- und Manuskriptstapel.

Schreibtisch oder Autorenrecht?

"Man überlegt sich dreimal, ob man einen Designerschreibtisch anschafft oder lieber für ein Autorenrecht bietet", sagt Tanja Graf und ergänzt, der größte Unterschied zu männlichen Verlegerkollegen sei vielleicht zunächst, daß Frauen weniger Wert auf Statussymbole und Corporate Design legten. Zwei Titel hat der junge Verlag in Bestsellerregionen gebracht, Ludovic Roubaudis Roman "Der Hund von Balard" und - erst unlängst - Janos Szekelys Wälzer "Verlockung". Beide Male war die tatkräftige Unterstützung von Elke Heidenreichs "Lesen"-Sendung nicht ganz unwichtig dabei; aber auch Buchhandel und Medien haben den neuen Verlag freundlich bis begeistert aufgenommen. "In aller Bescheidenheit: Ich kenne Frau Heidenreich persönlich nicht, aber unsere Bücher haben ihr offenbar gefallen, und vermutlich hegt sie Sympathien für kleine Verlage." Mit Elke Heidenreich aber teilt sie ein Lieblingsbuch: "Das Herz ist ein einsamer Jäger" von Carson McCullers.

Die Pfunde, mit denen Kleinverlage wie SchirmerGraf ihren Autoren gegenüber wuchern, sind vertrauensbildende Maßnahmen und enger Kontakt: "Wir versprechen keine spektakulären Vorschüsse, sondern die Aussicht auf eine ordentliche Tantieme." So etwa im Falle des Ungarn Szekely, den Tanja Graf erst entdeckte, als sich ein Enkel des Autors bei ihr meldete und ihr das Manuskript anbot. Eine Beziehung, die nicht auf Blankoscheckbasis funktioniert.

Für Mäuschentum hat sie nichts übrig

Die größten Unterschiede zur Verlagsarbeit in großen Häusern beschreibt die Jungverlegerin denn auch in der Abwesenheit von Hierarchie. Und im privaten Bereich ist es jene angebliche Unverträglichkeit von Beruf und Familie, die vielen Frauen Probleme bereitet - vor allem, weil sie von anderen Frauen darauf hingewiesen werden. Gut im Beruf und gleichzeitig eine gute Mutter zu sein, das schließen offenbar viele Frauen noch immer kategorisch aus. Ohne familiären Rückhalt würde es freilich nicht funktionieren: Daß Tanja Grafs heute achtjähriger Sohn von Anfang an daran gewohnt war, eine arbeitende Mutter zu haben, empfindet Graf als normal.

Weniger normal fand sie, daß sie bei Piper seinerzeit die einzige Frau war, die ein Kind bekommen hat. Im nachhinein bereut sie eher, so schnell wieder in den Beruf zurückgekehrt zu sein - aus einer, wie sie heute findet, falschen Ängstlichkeit heraus, ihren Job zu verlieren. Längst hat Tanja Graf Geschmack daran gefunden, ihr eigener Herr zu sein. Für Mäuschentum hat sie nun wirklich nichts übrig: "Wenn man etwas kann und will, wird man immer wieder einen Einstieg finden."

Quelle: F.A.Z., 15.06.2005, Nr. 136 / Seite 31
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