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Vom Ich zum Bier

 - 12:00

Der Sarg war mit Pyrotechnik ausgestattet. Einen so donnernden Abgang hatte es sogar auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde noch nicht gegeben. Und nach dem Feuerwerk kam zunächst die Stille. Sie hatten zuletzt nur noch wenig mit ihm anfangen können, mit dem Mann, der am 24. November 2000 tot in seinem Wohnmobil lag. Ein esoterischer Spinner, der in der Vorgeschichte der Band Rammstein mal eine Rolle gespielt hatte, aber das war lange her. Dann setzten allmählich die Erinnerungen ein an diese Zeit. Vor allem an das Jahr 1988, als auf einmal ein Dokumentarfilm über die Rockszene der DDR in die Kinos kam, der "Flüstern & SCHREIEN" hieß und in dem dieser Mann eindeutig für das Schreien zuständig war. "Wir wollen immer artig sein", schrie er da zum Beispiel verdutzten Ostseeurlaubern entgegen, und dazu hüpften zwischen den Strandkörben Kids herum, für deren Aussehen damals durchaus noch Innenstadtverbote ausgesprochen wurden. Ist das der Anfang vom Ende, fragten sich alle, und: Wer hat denn diesen speckigen Irren auf die Leinwand gelassen. Er sich selbst natürlich, er hat sich reingedrängt und die Filmleute so von sich besoffen gemacht, daß sie, statt mit den langweiligen anderen Ostbands weiter ihre Zeit zu vertun, lieber mit ihm trinken gingen. Wie so viele. Aljoscha Rompe wurde durch diesen Film zu einer Legende und seine Band Feeling B zur delirierenden Stimme einer ganzen Generation.

"Feeling B war der Soundtrack zum Untergang der DDR", heißt es in einem Buch, das jetzt über die Band erschienen ist. Und da dieser Tage auch der Film endlich als DVD wieder zugänglich wurde, scheint damit eine Art Kanonisierungsprozeß abgeschlossen zu sein. Das ewige Kind Aljoscha hat etwas Heiliges bekommen und steht nun als Apostel einer unmöglich gewordenen Freiheit vor uns. Sein Tod, schreiben die Herausgeber, sei die "Besiegelung eines unverwechselbaren Lebensgefühls, das so nur unter DDR-Bedingungen entstehen konnte". Aus Interviews mit zahllosen Weggefährten, von Musikerkollegen bis hin zum Volksbühnenstar Henry Hübchen, haben die Publizisten Ronald Galenza und Heinz Havemeister eine faszinierende deutsche Biografie zusammenmontiert - und vielleicht das beste momentan erhältliche Buch über den Untergang der DDR und die Jahre danach.

Aljoscha heißt eigentlich Arthur Alexander, ist ein Enkel des Rechtsphilosophen Arthur Baumgarten und Sohn eines Schweizers. Den Spitznamen erhält er von der russischen Mutter seines Stiefvaters Robert Rompe, der im ZK der SED für Hochschulpolitik zuständig ist, während Aljoschas Mutter regelmäßig nach West-Berlin "trinken und auf Drogenparties" geht. In diesem Punkt wird er sich als folgsamer Sohn erweisen. Er zieht ein Physikstudium durch, gerät in Dissidentenkreise und kommt Ende der Siebziger wegen der Mitarbeit an einem "Bonzen-Angst-Kalender" in den Knast. Die Eltern holen ihn vermutlich dadurch wieder raus, daß sie eines ihrer Anwesen auf Hiddensee der Stasi überschreiben. Aljoscha besorgt sich einen Schweizer Paß, geht nach Westberlin, arbeitet so lange für den Otto-Versand, bis er das Lieferauto zerdonnert, denn er ist ein notorisch schlechter Fahrer und durchweg betrunken; er reist durch die Welt - und geht zurück in den Osten. Dabei bringt er den Punk mit an die Lagerfeuer der Aussteiger. Die Erkenntnis, daß der Westen noch langweiliger und daß im Osten die Party ist, konnte er zu einem Zeitpunkt machen, als es diesen Osten noch gab. "Aljoscha erzählte uns grauenhafte Geschichten über den Westen und die Leute dort. In den Dörfern dort messen sie ihren Rasen zentimetergenau ab, die Feldwege sind geteert und in den Autowerkstätten haben die Monteure Kittel an. Wir haben uns weggeschmissen vor Lachen", sagt Paul Landers, der gemeinsam mit Christian "Flake" Lorenz zum Kern von Feeling B gehört. Die beiden sind kaum volljährig, und Aljoscha ist schon 35. "Der Irre und die beiden Kinder" werden sie von allen beschimpft, die es mit Musik ernst meinten. Geliebt werden sie dafür von denen, die einen ernsthaften Rausch bevorzugen. Sie ziehen mit einem schrottreifen Geldtransporter eine Spur der Verwüstung durch das Land; sie sind musikalische Müllmänner, die die alkoholisierte Lethargie der späten DDR einfach zu einer endlosen Party umdrehen. Wie Ratten, die sich eines verfallenden Hauses bemächtigen.

Die Musik ist einmal als Polka-Punk mit kinderliedhaften Casio-Melodien beschrieben worden. Dazu kräht Aljoscha "Du wirst den Gipfel nie erreichen, weil die Ebene endlos ist" oder "Mix mir einen Drink, der mich woanders hinbringt". Was er sonst noch so singt, sagt Keyboarder Flake, hätte er zum Teil selbst erst in den frühen Neunzigern erfahren. Denn was aus Aljoscha rauskommt, hat oft mehr mit einer Alkoholfahne zu tun als mit Gesang, und manchmal schläft er auch einfach auf der Bühne ein. In zehn Jahren können ganze vier Konzerte zu Ende gespielt werden, die anderen versinken im Chaos. Aber das soll so sein. Sie sind eine Spaßguerrilla, die nachts auf Zeltplätzen einfach eine Steckdose sucht und loslärmt, bis sie wieder vertrieben wird. Aljoscha und seine Band leben im Dauerdelirium, erzeugen Spiritualität durch Spirituosen, definieren Kommunismus als Freibier und finden ihn als Stammgäste bei den Pfingstfestivals von Steinbrücken in Thüringen, wo die Leute pauschal hundert Mark bezahlen und sich dann ein Wochenende lang mit dem Kopf unter den Zapfhahn legen, bevor sie in der Jauchengrube surfen gehen. Sie suhlen sich im Auswurf der verendenden DDR - es ist siffig, eklig, großartig. Und irgendwann vorbei. Die Wende bringt zunächst noch eine Steigerung der Freiheit. Ein knappes Jahr Anarchie in Ostdeutschland. Aber dann wird es eng. "Man muß einfach sehen, daß man bei der Action bleibt, daß man nicht einpennt", weiß Aljoscha und kämpft den Kampf der Ost-Hausbesetzer gegen die Übernahme des Prenzlauer Berges durch die Besetzungsprofis aus dem Westen und schließlich durch die Dachgeschoß-Yuppies. Er ergaunert "kiloweise ABM-Gelder" für dubiose Projekte. Gründet die Partei "Wydoks"und läßt sich dabei von seinem Freund Gregor Gysi beraten, er drängt sich Bärbel Bohley und Stefan Heym mit Pamphleten gegen die Währungsunion auf und kämpft für die Verteidigung der Nischen oder zumindest seines Hauses - was später sogar kurzzeitig zu dem Verdacht führte, sein Tod sei den gelegentlich sehr rabiaten Methoden bei der Verwestlichen des Prenzlauer Berges geschuldet gewesen.

Mit den guten Zeiten geht allmählich auch in der Szene jeder seiner Wege. Die beiden Jungen wollen irgendwann Aljoschas "Ufftata-Punk" nicht mehr mitmachen, wollen nicht mit Feeling B "wie Ostmarmelade in Läden für Ostprodukte" herumstehen. Sie wollen nach zehn Jahren Dilettantismus und Dreck jetzt das Gegenteil: maschinelle Perfektion, Reichtum, denn "wenn schon Westen, dann richtig". Sie gründen Rammstein und haben schnell internationalen Erfolg. Sie brauchen Aljoscha nicht mehr als Vater und Energiezentrum. Er wird seltsam in dieser Zeit; als aus "einem geilen, unabhängigen Staat" im Osten definitiv nichts mehr wird, entwickelt sich Aljoscha schleichend zum Esoteriker. Reist nach Goa, probiert neue Drogen, "verbrutzelt" sich mit einer Brain-Machine, wie Flake meint, das Hirn. Er wechselt in die Welt von Science-fiction-Autoren, zu Wilhelm Reich, zu Atlantis, Osiris und solchen Dingen. Er verabschiedet sich immer mehr aus der Welt, schon lange bevor er bei einem Asthmaanfall in seinem Wohnmobil erstickt. Vielleicht hat aber auch der erste Drummer von Feeling B recht, und Aljoscha lebt irgendwo in Indien als Guru. Vielleicht ist er nur seiner DDR gefolgt und einfach in einem Party-Nirvana verschwunden.

PETER RICHTER

Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B. Mix mir einen Drink. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin, 445 Seiten, 24,90 [Euro]. "Flüstern & SCHREIEN" als DVD bei www.Icestorm.de

Quelle: 08.12.2002, Nr. 49 / Seite 24
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