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Yasmina Reza und Sarkozy

Tagebuch einer Jägerin

Von Jürg Altwegg, Genf
 - 11:34
Auf Tuchfühlung: Yasmina Reza und Nicolas Sarkozy Bild: AFP, F.A.Z., 25.08.2007, Nr. 197 / Seite 33

Ort der Handlung ist ein Hotel in der Provinz. Auf ihren Knien liegt der „Figaro“. Die Schlagzeile ist dem irakischen Präsidenten gewidmet, der gerade eine Wahlschlappe erlitten hat. Ein Thema für Sarkozy? Eine weitere Meldung auf der Titelseite handelt vom bevorstehenden Wahlmeeting, zu dem sie nach Charlesville-Mézières gereist sind. Die Frau an seiner Seite in der Hotelbar ist die Schriftstellerin Yasmina Reza. Nicolas Sarkozy greift sich die Zeitung, die auf ihren Knien liegt: „Toll, diese Rolex“, schwärmt er nach einigen stillen Sekunden ehrfürchtigen Staunens. Ihn hat nur die Anzeige interessiert. Eine Rolex trug er auch - deutlich sichtbar, wie alles an ihm - beim TV-Duell gegen Ségolène Royal.

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Während Monaten hat Yasmina Reza, eine der meistgespielten Autorinnen des Gegenwartstheaters, die Kampagne von Nicolas Sarkozy begleitet: die mit einem hochentwickelten Gespür für Inszenierungen ausgestattete Schriftstellerin als scharfe Beobachterin des begabtesten politischen Selbstdarstellers seit Ronald Reagan. Sie war dabei, wenn Journalisten, Leibwächter, Berater und Familie ausgeschlossen blieben. Im Flugzeug, im Auto und im Helikopter, in der Wohnung, im Hotel und im Büro ist sie auf engster Tuchfühlung mit Sarkozy. Von diesen Schauplätzen im Schatten der Kameras berichtet sie in ihrem Buch.

Sie hatte alle Freiheiten

Im Juni letzten Jahres hatte sich Yasmina Reza mit dem Kandidaten in Verbindung gesetzt. Der Politiker kennt sie nur dem Namen nach. Giscard, Mitterrand, Chirac hatten sich von Filmteams begleiten lassen. Sarkozy, der unliterarischste Präsident der Fünften Republik, wollte keine Kameras. „Selbst wenn Sie mich verreißen, wird es zu meinem Ruhm geschehen“, erklärt er der weltberühmten Dramatikerin bei ihrem ersten Treffen. Er räumt ihr jegliche Freiheiten ein. Die einzige Bedingung, die Yasmina Reza stellt: Sie will nicht auf den Pressefotos mit Sarkozy erscheinen. Selbst zu den Meetings der Wahlstrategen und Parteiverantwortlichen, wo immer wieder die Fetzen fliegen und Sarkozy gelegentlich rumtobt, darf sie mitgehen.

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„Was ist ein politisches Schicksal? Diese Frage fasziniert mich seit Jahren“, sagt die Schriftstellerin, „Politik an sich interessiert mich nicht sonderlich. Ich wollte ergründen, wie man an die Macht gelangt, Und warum jemand sie will. Sarkozy eröffnete mir seine Dramaturgie. Ich suchte bei ihm ein Echo auf die Obsessionen meiner eigenen Stücke.“ Ihr Zusammentreffen ist ein faszinierendes Duell auf Augenhöhe, ein Schlagabtausch zwischen zwei Gestaltern ohne Selbstzweifel. Beide stehen ganz oben und wissen es: Sie berauschen sich gegenseitig am Gipfeltreffen von Politik und Literatur.

Komplizen und Rivalen

Auf der ersten Seite zitiert Yasmina Reza einen Freund: „Tyrannen und Dichtern ist gemein, dass sie die Welt ihren Wünschen und Vorstellungen unterwerfen.“ Sie werden sehr schnell vertraute Komplizen und bleiben dennoch Rivalen. „Schau, in London bist du fünf Jahre auf dem Spielplan geblieben, in New York zwei - aber hier in der Provinz kennt dich keiner.“ Auf ihrer Bühne feiert Sarkozy seine Triumphe und lässt sich vom Publikum applaudieren. Sie rächt sich mit Bemerkung über die intellektuelle Dürftigkeit einiger seiner Reden, wenn er sich über die Jugend oder die zeitgenössische Kultur auslässt. Nach einem ganz besonders demagogischen Auftritt kontaktiert sie im Begleittross den Korrespondenten der „Libération“, der einen ätzenden Artikel veröffentlicht hat, und zeigt ihm, dass sie mit ihm einverstanden ist.

In ihren Aufzeichnungen finden sich kaum Werturteile, Kommentare, Kritiken. Sie bestehen aus spitz und knapp formulierten Beobachtungen, aus kleinen Szenen. Doch auch der Informationswert ihres Berichts ist beträchtlich. Denn in diesem Buch steht, was Sarkozy im engsten Kreis sagt und auch vor Journalisten „off“ von sich gibt. Die Schriftstellerin darf es als Einzige sagen. Weil der Literatur ohnehin niemand glaubt? Yasmina Reza betreibt mit ihrer Informationsfreiheit einen äußerst subtilen Umgang. Sie gewinnt das Vertrauen des Lesers, ohne jenes von Sarkozy zu verraten.

Intelligent, oberflächlich, narzisstisch

Sie sieht sich mit dem Kandidaten die letzten Neujahrswünsche Chiracs im Fernsehen an: „Ich weiß nicht, ob er es ohne mein Anliegen überhaupt getan hätte.“ Die Schriftstellerin beschreibt Chiracs hervorstechende Augen und seine „tödlich bleiche“ Gesichtsfarbe. Als „konventionell und altmodisch“ empfindet Sarkozy den Auftritt: „An seiner Stelle hätte ich gesagt: Voilà, zwölf Jahre habe ich Frankreich gedient, jetzt beginnt eine neue Ära.“ Doch der scheidende Präsident erwähnt Sarkozy mit keinem Wort.

Yasmina Rezas Stück über den Wahlkampf lebt von vielen in sich geschlossenen Episoden. „Wenn es mich nicht geben würde, müsste man mich erfinden“, hat Sarkozy einmal zur Schriftstellerin gesagt. Sie beschreibt ihn jedoch so, wie man ihn kennt: intelligent und ehrgeizig, oberflächlich und narzisstisch, ungeduldig und nervös. Eine Figur, die gnadenlos von ihren eigenen existentiellen Ängsten getrieben wird und permanent ihren Übereifer, ihren grenzenlosen Willen in Szene setzt. Sarkozy hat ein einziges Lebensziel vor Augen: den Sieg, die Macht - und noch mehr die Rückeroberung seiner Frau. Auch die Liebe ist Thema seines Smalltalks mit der Schriftstellerin. Nie gehen ihre Wortwechsel in die Tiefe. Dafür fehlen Sarkozy die Zeit und die Geduld. Über Cecilia, die auch vorkommt, sagt Yasmina Reza nichts. Das war eine der wenigen Spielregeln, die Sarkozy vorgab.

Verräter, Sekundanten und Statisten

Während eines Jahres hat das Stück, das die Autorin in starken kleinen Sequenzen nachstellt, das ganze Land in Atem gehalten. Es hat das Tempo des Lebens bestimmt und die Dramaturgie der Jahreszeiten wie der Politik überlagert. Es handelt von einem Emporkömmling fremder Herkunft, der König werden will. Er hat den alten Monarchen, dessen Tochter er einst liebte und der die Macht nicht abgeben will, in mehreren Etappen erledigt und den politischen Vatermord auf demokratische Weise vollzogen. Das Volk liebt und hasst ihn, die Freunde wollen seinen Aufstieg verhindern. Seine neue Prinzessin liebt zeitweise einen anderen. Die letzte politische Rivalin ist eine Frau - aber wie kämpft ein kleiner Mann von 165 Zentimetern gegen das schwache Geschlecht? Auch ein Verräter, viele Sekundanten und Statisten treten auf.

Doch auf den Ausgang und den Verlauf hat die Schriftstellerin keinen Einfluss. „Es gibt in der Tragödie“, zu der die Dramatikerin das nicht von ihr geschriebene Stück verklären will, „keinen Ort. Und es gibt keine Stunde. Es ist im Morgengrauen, am Abend oder in der Nacht“, schreibt sie. Dieser letzte Teil wurde zum Titel der Publikation: „L'aube, le soir ou la nuit“. Dass ein „schreckliches Ende“ dem literarischen Rang dienlich wäre, hat Yasmina Reza während der Kampagne einmal zu einem Journalisten des „Monde“ gesagt. Gegen diese Aussage sind Sarkozys Berater, welche von Literatur nichts verstehen wollen, auf die Barrikaden gestiegen und haben erreicht, dass die Schriftstellerin bei der Zeitung vorstellig wurde: „Verstehen Sie, man bekommt sonst den Eindruck, dass ich auf seine Niederlage baue.“ Ansonsten sorgte Sarkozy stets dafür, dass man sie in Ruhe ließ.

Er liest keine Bücher über sich selbst

Sein Sieg wird die Auflage dieses einzigartigen Buchs beflügeln. „Ich werde einen Palast in Paris haben, ein Schloss in Rambouillet, eine Festung am Mittelmeer“, sagte er ein paar Tage vor dem zweiten Wahlgang zur Schriftstellerin. Am Abend des 6. Mai ist sie allein mit dem neuen Präsidenten in dessen Büro. Nein, eine Katastrophe ist sein politischer Triumph über die literarischen Gesetze der Tragödie nicht. Und die für Frankreich angekündigte Katharsis wird es wohl ebenso wenig geben. Aber auch am Ziel seiner Wünsche und seines Lebens wird Sarkozy keine Ruhe und das Glück nicht finden: „Ja, ich bin zutiefst zufrieden. Aber ich empfinde keine Freude.“ Auf der Pariser Place de la Concorde, wo die Anhänger Sarkozys feiern, wird Yasmina Reza von einem Berater mit Tränen in den Augen gesehen. Als sie sich zum Pariser Nobellokal Fouquet's begibt, in dem die engsten Freunde zum Essen geladen sind, stößt sie erstmals seit einem Jahr auf verschlossene Türen. Cecilia hat die Einladungsliste bestimmt.

Wie Sarkozy, der sich in Malta erholte, ist Yasmina Reza jetzt vor dem Rummel um ihr Buch auf eine Insel im Mittelmeer geflüchtet. Es erscheint an diesem Wochenende in Paris. Der Präsident feiert seine hundert Tage im Amt. Am vergangenen Montag hat man ihm ein erstes Exemplar überbracht. Kommentar aus dem Elysée: „Sarkozy liest keine Bücher, die über ihn geschrieben wurden.“

Quelle: F.A.Z., 25.08.2007, Nr. 197 / Seite 33
Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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