Zum Achtzigsten

Der Himmel über Grass

Von Lorenz Jäger
 - 06:52

Unter den vielen Künsten, auf die sich Günter Grass versteht, nehmen die verfemten, scheel angesehenen in seinem Werk keinen geringen Rang ein. In der Nachkriegszeit, so berichtet er in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“, las er einer Bäuerin aus der Hand; gelernt hatte er die fragwürdige Kunst in der Kriegsgefangenschaft. Und man ist dann doch überrascht, wenn man beim Wiederlesen der „Blechtrommel“ die drei mehr als kunstgerechten, nämlich mit produktiver Phantasie ausgelegten Horoskope bemerkt, die Oskar Matzerath seiner Mutter, sich selbst und seinem Sohn stellt. Da werden nicht nur die Tierkreiszeichen behandelt, die ganze Konstellation ist gedeutet, mit kurzen, scharfsinnigen Charakterisierungen der Sternbilder, Aspekte und Planeten.

Oskar gehört, anders als sein Erfinder, zum Septemberzeichen der Jungfrau, die der Waage vorhergeht. Aber: „Im Haus des Aszendenten stieg die Waage auf, was mich empfindlich stimmte und zu Übertreibungen verführte.“ Oskars „Datieren der eigenen Existenz“ beginnt mit der Zeugung der Mutter an einem Oktobernachmittag im Freien, auf dem Kartoffelfeld. Also, vermutlich, im Zeichen der Waage (im Skorpion wird es schon zu kühl gewesen sein). Und eine der letzten Erinnerungen, mit denen das Buch schließt, gilt Kartoffeln, die „von der Waage polterten“. Mit dieser Waage hat es eine besondere und durchaus unheimliche Bewandtnis. Sie gehört dem Gemüsehändler Greff.

Vergessen wir einmal das Poltern

Gelegentlich kommt jemand vom Eichamt und stellt Unregelmäßigkeiten fest, die Waage wird gesperrt. Daraufhin baut der geschickte Händler erst ein Glockenspiel in die Waage ein, dann bastelt er noch eine ganz besondere Waage, ein Kunstgerät: „In ein hölzernes Gerüst hängte er zwei ins Gleichgewicht gebrachte, mit Kartoffeln gefüllte Schalen, nahm sodann eine Kartoffel aus der linken Schale; die Waage schlug aus und löste eine Sperre, die den auf dem Gerüst installierten Trommelmechanismus freigab: das wirbelte, bumste, knatterte, schnarrte, Becken schlugen zusammen, der Gong dröhnte, und alles zusammen fand ein endlich schepperndes, tragisch misstönendes Ende.“ Greffs Ende, ein Selbstmord, vollzieht sich durchs Erhängen an einer übergroßen, eigens angefertigten Kartoffelwaage: „Er, der zeit seines Lebens mit den Beamten des Eichamts Schwierigkeiten und peinlichen Briefwechsel gehabt hatte, er, dem sie die Waage und die Gewichte mehrmals beschlagnahmt hatten, er, der wegen unkorrekten Abwiegens von Obst und Gemüse Bußen hatte zahlen müssen, er wog sich selbst aufs Gramm mit Kartoffeln ab.“

Lesen wir Grass aufmerksam: In der Waage kommen Zeugung, Kunst und grotesker Tod zusammen. Eine Waage ist er, vom Trommeln hat er geschrieben - ist dies nicht das knappste mögliche Bild, das wir von Grass gewinnen können? Oder sollten wir sagen, er hat in den besten Momenten seinen lieben Deutschen aus der Hand gelesen und ihnen die Konstellation gestellt? Dass er auch poltern kann wie die von der Waage fallenden Kartoffeln, sei heute, an seinem achtzigsten Geburtstag, vergessen.

Quelle: F.A.Z., 16.10.2007, Nr. 240 / Seite 35
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Redakteur im Feuilleton.
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