„Geierwally“ in Oberammergau

Der Bären-Josef hat kein Herz

Von Teresa Grenzmann
 - 13:33

Es muss Spaß machen, in Christian Stückls Fußstapfen zu treten. Sie sind kaum zu verfehlen und groß genug für so manchen dramatischen Schuh – zumal, wenn der Weg nach Oberammergau führt. Das tut er seit 2005 auch abseits der berühmten Passionsspiele, seit der Theater- und Spielleiter Stückl hier die alte Parallelstraße der „Zwischenspiele“ wieder beschreitet. Sie bringen Übung für das berühmte Jahrzehntereignis, Klarheit in dessen Besetzungsliste, Bartwuchs in viele Gesichter und Kleingeld in die Gemeindekasse. Die Tradition beizubehalten, dafür aus alttestamentarischen Stoffen zu schöpfen, das klingt zunächst streng, lässt aber alle möglichen Schach- und Klimmzüge zu, bis hin zu Shakespeares „Sommernachtstraum“. Die Übernahme des Publikumsmagneten „Der Brandner Kaspar“ aus Stückls Münchner Volkstheater hat schließlich ganz offiziell auch den Witz auf die Freiluftbühne gebracht.

Eine weite, saftige Alm also, auf der Jungregisseur Abdullah Kenan Karaca weiden kann. Die Referenzschuhgröße, von der hier die Rede ist, misst übrigens dreißig Bühnenjahre. Karaca kam erst 2015 hinzu, als Stückl entschied, daheim im Hochmoor auch Opern zu inszenieren. Da wählte er den gebürtigen Garmisch-Partenkirchener als seine Vertretung fürs Sprechtheater, gab ihm „Romeo und Julia“ und ein Zirkuszelt, und bald darauf wurde der 1989 geborene Karaca zudem zum zweiten Spielleiter für die Passion 2020 ernannt.

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Dies alles im Kopf zu haben schadet nicht, während man nun in Karacas zweiter eigener Regiearbeit mit Oberammergauer Laiendarstellern sitzt – und staunt: über die Hingabe, mit der die junge Hauptdarstellerin Sophie Schuster ihre Rolle ausfüllt, während sich in ihrem Gesicht der Widerstreit von Hoffnung, Trotz, Triumph, Entschlossenheit und Zweifel abzeichnet. Über die Besonnenheit des Regisseurs, diesem mimischen Aufruhr sogar auf einer nächtlichen Freiluftbühne Zeit zu geben. Über die stimmungsvolle Freiluftbühne selbst, die zweite Premiere des Abends: die für vierhundert Zuschauer umgebaute Hackschnitzelhalle der Privatwaldgemeinschaft zu Füßen der abendroten Berge an der Laberbergbahn. Über die plakative Symbolik der Kostüme: die gedeckten Farben der Bauern gegen die grellen der Machthabenden wie ihrer Jünger, dazu die schwarz-weißen Kombinationen der Unentschlossenen.

Am allermeisten aber kann man darüber staunen, dass Karaca hier Wilhelmine von Hillerns vieladaptiertes Heimatstück „Die Geierwally“ aus dem neunzehnten Jahrhundert spielt, als wäre es ein Film-Shakespeare von Baz Luhrmann: frech, jung, derb, dynamisch, mit Mut zur Hässlichkeit überzeichnet, aber dennoch scheinbar mitten aus dem Leben gegriffen, manchmal grad so, wie bayrische Schnäbel gewachsen sind, ohne jedoch den Text zu verraten. Versehen mit dem goldrichtigen, oft bitterbös provokanten Live-Soundtrack der angesagten Oberammergauer Volksmusik-Band Kofelgschroa, deren Mitglieder wie rot-gelb-blaue Ampelmännchen in Pulli und Bermudas das Geschehen aus seiner Mitte heraus verfolgen und auch brechen (wo der Text zu fromm und zeigefingermoralisch wird), die musikalisch kommentieren und Stimmungen transportieren.

Zum Beispiel die Wehmut, die bei der Vorgeschichte der kleinen Wally mitschwingt: Dass sie von ihrem Vater geschlagen wird, zeichnet sich zu Beginn hinter dem milchigen Plastikvorhang ab, der das lange, offene Stadl-Rechteck der Bühne umschließt. Am Schluss, wenn Wally auf dem Bühnendach, das die Alm markiert, in den Armen ihres feschen geliebten Josef (Jonas Konsek) stirbt, nachdem sie von ihrem textmarkergrünen, sächselnden Witzfigur-Verehrer Vincenz (Lucas Clauss) aus Eifersucht erschossen wurde, steht noch einmal die Frage, die das gesamte Stück begleitet: „Wo is dein Dahoam?“

Die Geschichte um Walburga Stromminger, die, mutiger als jeder Junge, einen Geierhorst ausräumt, um die Schafe zu schützen, und anschließend das Geierjunge aufzieht, die, von ihrem Vater verachtet, auf die Hochalm verstoßen wird und darüber und aus Kummer über die unerwiderte Liebe zum schneidigen Bären-Josef vollkommen verhärmt, diese Geschichte berührt zeitlos, beschreibt sie doch das Schicksal einer Außenseiterin, die der üblen Nachrede der Dorfbewohner ausgesetzt ist. Sie beruht auf den authentischen Erlebnissen der Anna Stainer-Knittel aus Elbigenalp, die Wilhelmine von Hillern 1873 in einem Roman verarbeitete.

Die Autorin übrigens verbrachte in Oberammergau ihre späten, wohlhabenden Jahre und liegt hier begraben. Auch deswegen passt das Stück gut in die Reihe der „Zwischenspiele“. Und kann in der charmanten Natürlichkeit von Freiluftbühne, Ensemble und Inszenierung eine schöne Verbindung eingehen.

Der Stoff ist – wenn auch wegen des Dialekts wohl nur in Bayern – durchaus eine Spielplanüberlegung wert. Karaca jedenfalls beschreitet – trotz der großen Fußstapfen – keine ausgetretenen Pfade und zeigt, wie’s zeitgenössisch und mit der nötigen ironischen Distanz gehen kann.

Quelle: F.A.Z.
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