Bühne und Konzert
„Die Wildente“ in Zürich

Schnippisch ist die Schicksalsträgerin

Von Simon Strauß
© Matthias Horn, F.A.Z.

Ein Kind. Sie ist doch nur ein Kind. Ohne Gesinnung, ohne Gewissen. Alles was sie braucht, ist Liebe und Sicherheit. Worauf die baut, ist ihr egal. Wie weich auch der Boden ist, auf dem das Fundament steht, selbst wenn es ein Sumpf ist, Hauptsache, das Haus hält. Hauptsache, die Familie bleibt zusammen. Alles würde sie tun, diese dreizehnjährige Hedvig Ekdal, sogar ihre geliebte Wildente erschießen, damit der Vater sich nicht von ihr abwendet. Sie wieder in die Arme schließt und ihr gut ist.

Im weißen Rüschenkleid tastet sie sich zitternd an einer Wand entlang, die mit Tiertrophäen gepflastert ist, blinzelt ängstlich staunend, ungläubig angesichts dessen, was hier vor sich geht. Denn ihr reines, gutes Gefühl hat unversehens einen bösen Gegner bekommen: die Moral. Mit brachialer Gewalt hat sie eingeschlagen in die abgeschiedene Sphäre ihrer kleinen, trauten Familie. Hat sich eingemischt, um aufzumischen, was all die Jahre ruhig und froh dahinging.

In seliger Täuschung

Gregers, der heimgekehrte Sohn eines reichen Großhändlers, hat ein krankes Gewissen, das beruhigt werden will. Sein Vater hat die Ekdals nämlich nicht nur geschäftlich in den Ruin getrieben und gedemütigt, er hat auch sexuell gewildert: Hedvig ist in Wahrheit sein Kind. Ihre Mutter, Gina, hat er geschwängert als sie in seinen Diensten stand und dann abgeschoben in die Ehe mit Hjalmar, dem trotteligen Sohn seines früheren Geschäftspartners. Der hat von nichts gewusst, lebte in seliger Täuschung: Er hat Hedvig als sein Kind geliebt und umsorgt. Nie daran gedacht, dass Fremdheit an ihr sein könnte. So wie er seine Fotos entwickelt und retuschiert, so behandelt er auch das Leben: Als Abzug der Wirklichkeit, an dem das eine oder andere noch bearbeitet werden muss, aber das im Großen und Ganzen ganz passabel aussieht. Kein Grund jedenfalls, wegen ein paar dunkler Flecken alles in Frage zu stellen und wegzuwerfen.

Wie viel Wahrheit verträgt ein Familienleben? Christian Baumbach als Vater Hjalmar und Marie Rosa Tietjen als Tochter Hedvig
© Matthias Horn, F.A.Z.

Doch nun fällt bei den Ekdals in der Gestalt von Gregers ein moralischer Rigorismus ein, der alle Retuschen brutal offenlegen, alle Lebenslügen ans Licht bringen will. Mit seinem „Rechtschaffenheitsfieber“ und fanatischem Idealismus zerstört er innerhalb eines Tages das Familienleben. Er räumt gnadenlos mit allen Illusionen auf, bringt bitterste Aufklärung über das Geschehene. Und Hedvig zittert. Mit dem Rücken zum Publikum steht sie da, die Hände wollen sich verschränken, aber finden nicht mehr zueinander, unruhig schießt sie Sätze hervor, so schnell, dass man sie kaum versteht. Marie Rosa Tietjen spielt diese Hedvig als ein bissiges Kind, das nicht einsehen will, welchen Vorteil ein reiner Tisch haben soll, wenn keiner mehr daran sitzt. Ist sie bei Ibsen vor allem als hilflose Opferfigur angelegt, verleiht Tietjen ihrer Hedvig die eigenartige Souveränität einer schnippischen Schicksalsträgerin. Sie ist stolz auf ihre Besonderheit, zwinkert und lispelt drauflos und erhebt ihre gepresste Stimme gegen die ethischen Forderungen von Gregers (der bei Milian Zerzawy – texttreu mit „Schnurrbart und Kraushaar“ – allerdings kein gefährlicher Moralfanatiker, sondern nur ein harmlos-spröder Naturbursche ist, der seinem Gegenüber gern die Hand auf die Schulter legt).

Lüge oder Wahrheit?

Hedvig verkörpert hier wechselweise Vorwurf und Vorsehung. Ist eine Gestörte der unwirklichen Verhältnisse und doch ein Glückskind im Geheimnis. „Da wo die Zeit stehengeblieben ist, will ich für immer bleiben“, sagt sie und blinzelt mit ihren immer schwächer werdenden Augen. Hedvig erblindet, weil sie der Wahrheit nicht ins Auge sehen will. Dieser Wahrheit, die doch nur Schrecken, Trennung und Unglück bringt und nicht eher ruht als bis sie alle Wände, alle Verstecke eingerissen hat. Mit der Lüge kann man leben, mit der Wahrheit nicht.

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All das, was Ibsen eigentlich auf verschiedene Personen verteilt, die Hilflosigkeit, Skepsis und Traurigkeit bürgerlichen Familienlebens im Angesicht absoluter Ideale, trägt in der spröden Inszenierung von Alize Zandwijk eine einzige Person: Hedvig. Ihr, die Ibsen nach seiner eigenen Schwester benannte, schaut man zu, von ihr lässt man sich bewegen. „Ich kann nicht so verzweifelt bleiben, bis ich erwachsen bin“, flüstert sie, nachdem der Vater sie verstoßen hat und sie sich das Jagdgewehr ans Herz legt. Den Kopf auf den Arm gebettet, damit sich kein Kieselstein in den Haaren verfängt. Marie Rosa Tietjen spielt ihre Rolle mit sorgfältiger Anstrengung. Alle anderen spielen nur mit angestrengter Sorgfalt.

Der Schein tut not

Sie, deren Körper nirgends einen Ruheort zu finden scheint, die immer nur an der Wand entlanggleitet, vor sich den Kasten mit der geliebten Wildente, verkörpert mit ihrer stillen Traurigkeit die Einsicht, dass nur die Lebenslüge ein „stimulierendes Prinzip“ sein kann. Dass – mit Nietzsche gesprochen – „die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens schädlich ist, dass der Schein not täte, um leben zu können“.

Nur Beobachter, keine Teilnehmer

Die arglos naturalistische Inszenierung der niederländischen Regisseurin bleibt zwar dem Text und dem Handlungsrahmen von Ibsens 1885 uraufgeführtem Gesellschaftsdrama sehr treu, versäumt aber über weite Strecken, ihre Schauspieler so zu führen, dass sie zu Teilnehmern werden, nicht nur Beobachter des Geschehens bleiben. Neben Hedvig kann allein der alte, dauerbetrunkene Großvater Ekdal – bühnen- und pointenerfahren gespielt von Siggi Schwientek – den einen oder anderen Bedeutungsstich setzen. Darüber hinaus aber sieht man nur dick aufgetragenes Unglück. Christian Baumbach liefert seinen Hjalmar sogar gedankenlos dem ironischen Gelächter des Publikums aus. Dabei müsste man doch um ihn und seine hilflose Naivität genauso zittern wie Furcht haben vor dem fanatischen Idealismus eines Gregers. Aber beide lassen einen völlig kalt.

Was mit einem Maskenball im Nebel beginnt und immer wieder von melodischem Gesang und Gitarrenspiel (Livemusik: Maartje Teussink) unterlegt wird, endet irgendwann vollends im Kunstgewerbe. Hier ist alles nur noch symbolisch gemeint und bedeutet am Ende dann doch nichts. Wie eine brave Schul-Interpretation klopft diese Inszenierung Ibsens Stück ab, ohne je zum Inneren zu gelangen. Ein schwacher Abend, der mit sich und den Gewissensfragen des Stücks nicht zu Ende gekommen scheint. Und doch: Für dieses eine, natürlich empfindende und handelnde Kind, für diese Hedvig, lohnt der Zürcher Theaterabend. In ihr kann man sie immer wieder kurz aufflackern sehen – die gefährliche Schönheit und große Kraft der Lebenslüge.

Quelle: F.A.Z.
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