Opernausstellung in London

Bis die Ohren bluten

Von Gina Thomas, London
 - 22:59
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Das Victoria and Albert Museum hat sich zur Einweihung seiner großzügigen neuen Ausstellungsfläche eine schier unmögliche Aufgabe gestellt: die Entwicklung der Oper über bald vier Jahrhunderte in ihren vielen Facetten so darzustellen, dass sich Novizen ebenso angesprochen fühlen wie Eingeweihte. Es ist die Mission der in Zusammenarbeit mit der Covent-Garden-Oper gestalteten und durch zahlreiche Opernsendungen der BBC unterstützte Schau, „Oper: Leidenschaft, Macht und Politik“, das oft als elitär gebrandmarkte Musiktheater einem breiteren Publikum näherzubringen. Bei der Konzeption vor fünf Jahren sahen Martin Roth und Kasper Holten, damals beide frisch ernannt auf ihre jeweiligen Posten als Leiter des V&A und Operndirektor von Covent Garden, eine Ausstellung über die Landesgrenzen und Sprachbarrieren überwindende, alle Kunstformen vereinende Gattung auch als Demonstration des gemeinsamen europäischen Kulturerbes.

Soziologische Inszenierung

Zur Gliederung des ausufernden Stoffes hat die Kuratorin Kate Bailey sieben Uraufführungen in sieben Metropolen herausgegriffen: Sternstunden der Operngeschichte, die den Besucher vom Venedig des Frühbarock über London, Wien, Mailand, Paris und Dresden ins stalinistische Sankt Petersburg führen. In ihren gesellschaftlichen, künstlerischen und politisch-historischen Zusammenhang gestellt, werden die Werke als Momentaufnahmen einer Epoche museal inszeniert. Der Ansatz ist eher soziologisch als musikologisch.

Als Kunstgewerbemuseum, das zugleich die nationale Sammlung für Mode und für die darstellenden Künste beherbergt, hat das V&A Zugriff auf reichhaltiges Material zur Veranschaulichung der multimedialen Kunstform als europäisches Kulturphänomen. Exponate aus dem eigenen Bestand sind durch eine Fülle eindrucksvoller Leihgaben angereichert worden, etwa das Klavier, auf dem Mozart spielte, als er sich für die Premiere von „Don Giovanni“ in Prag aufhielt, Bellottos detailfreudige Darstellung des Marktgewimmels auf dem Wiener Platz Freyung, Rodins bronzene Johannesschüssel und die mit Kaffee befleckte handschriftliche Partitur von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, auf der die Notation vor nervöser Energie überquillt. Auf einer nachgebauten Barockbühne wird die Mechanik für die spektakulären szenischen Effekte vorgeführt, die das Publikum staunen machen und den Kartenverkauf fördern sollte.

Damit wird ein Leitmotiv der Ausstellung bildhaft gemacht: das Wechselspiel zwischen Publikumsgeschmack, kommerziellen Interessen und künstlerischer Gestaltung, das die Geschichte dieser kostenaufwendigen Kunstform prägt. Gemälde, angewandte Kunstgegenstände, Autographe, historische Stadtpläne, Operngläser, Kostüme und Bildschirme mit szenischen Auszügen sind von dem kanadischen Regisseur Robert Carsen in theatralische Tableaus integriert worden, die das jeweilige Milieu beschwören. Über Kopfhörer erklingen passend zum Standort von Antonio Pappano, dem Dirigenten und Musikdirektor von Covent Garden, ausgewählte Opernpassagen. Die Ausstellung will durch die Summe der Teile das totale Erlebnis einer Aufführung erzeugen. „Oper: Leidenschaft, Macht und Politik“ verkörpert in seiner Darbietung gewissermaßen die Idee des Musiktheaters als Gesamtkunstwerk.

Der Vorhang hebt sich 1642 in Venedig zu Monteverdis „Krönung der Poppea“ und den Ursprüngen des bürgerlichen Opernhauses. Zu den Klängen der sich im berührenden Schlussduett zwischen Nero und seiner Geliebten miteinander verschlingenden Alt- und Sopranstimmen wird der Besucher in die freigeistlich-dekadente Welt der Stadtrepublik versetzt, in der die im Luxus schwelgenden internationalen Karnevalstouristen nach immer neuer Unterhaltung trachteten. Damit waren die Voraussetzungen für einen kommerziell tragbaren Opernbetrieb geschaffen, der den Bedürfnissen des Publikums mit zunehmend raffinierten Ausdrucksmitteln entsprach. Statt auf die Mythologie zurückzugreifen, vertonte Monteverdi in seiner letzten Oper erstmals in der Geschichte der Gattung einen historischen Stoff, der alle Elemente des Ausstellungstitels umfasst. „Sex! Lust! Ehrgeiz! Dekadenz!“ steht denn auch in weißen Lettern auf schwarzer Wand in einem der Texte, die wie eine Mischung aus Schultafel und Powerpoint-Präsentation die Informationen im mitunter etwas irritierend reißerischen Schlagzeilenstil übermitteln.

In der „Krönung der Poppea“ brachte Monteverdi erkennbare Figuren auf die Bühne, deren Wesen und Gefühlen er durch eine innovative, die Affekte direkt ansprechende Verbindung von Gesang und Instrumentalbegleitung, von Komik und Tragik, musikdramatischen Ausdruck verlieh. Vor der Kulisse der brodelnden Welthandelsstadt London im beginnenden achtzehnten Jahrhundert und der Wiener Hofkultur am Vorabend der Französischen Revolution zeigen die nächsten Abschnitte am Beispiel von Händels „Rinaldo“ aus dem Jahr 1711 und Mozarts 1786 uraufgeführter „Hochzeit des Figaro“, wie die frühen Errungenschaften der komisch-heroischen Oper fortentwickelt wurden. Bei Mozart gipfelten sie in der subtilen Charakterisierung, die ihm in dem hier auf dem Bildschirm präsentierten Sextett aus dem zweiten Akt der „Hochzeit des Figaro“ meisterhaft gelang.

Klangkulisse sichtbar gemacht

So wie Mozart in der „Hochzeit des Figaro“ den Nerv einer Zeit im Umbruch traf, ist Verdis „Nabucco“ über die Unterjochung der Hebräer durch die Babylonier ohne das Engagement des Komponisten für die italienische Unabhängigkeitsbewegung nicht zu denken. Vor einer Installation von Matthias Schaller mit Aufnahmen von 150 italienischen Opernhäusern füllt das Pathos von „Va pensiero“ das Ohr, des zum Fanal der Befreiung von der österreichischen Besetzung gewordenen Gefangenenchors. Die Musik weicht einer Klangkulisse aus splitterndem Glas, Geschrei und Gewehrsalven. Carsens Design beschwört die Mailänder Barrikadenkämpfe der Erhebung von 1848 herauf.

Vom Risorgimento geht es in das sich neu erfindende Paris von Baron Haussmann. Kurios, dass die Wahl auf den Skandal von 1861 um die Pariser Fassung des „Tannhäuser“ und Richard Wagners Kampfansage an die Konventionen der Grand Opéra gefallen ist. André Gill karikierte den Eklat als einen Angriff Wagners auf das Gehör. Blut spritzt aus einem übergroßen Ohr, in das der Komponist mit fanatischer Miene einen Notenstachel versenkt. In „Musik in den Tuilerien“, seinem Sittengemälde der Großstadt, hat Manet einige der Figuren porträtiert, die damals die kulturelle Diskussion bestimmten, darunter Baudelaire, der Wagner für die Fähigkeit rühmte, „alles, was im geistigen und natürlichen Menschen an Außerordentlichem, Maßlosem, Brünstigem vorhanden ist“, auszudrücken. Das Gemälde hängt in einem Ensemble von Bildern, die das Pariser Bürgertum im Aufbruch zur Moderne darstellen. Gegenüber wird Baudelaires Beobachtung unter Beweis gestellt: Auf Bildschirmen flimmern Inszenierungen des für den Pariser „Tannhäuser“ komponierten Venusberg-Bacchanals, die sich an Tollheit überbieten.

Im Dresden von 1905 schreitet die Moderne mit Richard Strauss’ „Salome“ und dem Aufruf der „Brücke“-Künstler zu freieren bildnerischen Ausdrucksformen voran. Wellblechwände suggerieren die Leichtindustrie, die den wirtschaftlichen Aufschwung und somit auch das Kulturleben beflügelte. Im Spannungsgeflecht zwischen den Untergangsneurosen und der Zukunftseuphorie des Fin de Siècle wird die nach der Veröffentlichung von Oscar Wildes Dichtung um sich greifende „Salomanie“ in einen Zusammenhang mit Freuds Studie über Hysterie, dem neuen Verständnis von Sexualität und dem erwachenden Frauenbewusstsein gebracht. Aubrey Beardsleys symbolisch-dekadente Erotik wird den kantigen expressionistischen Frauenakten von Kirchner und Schmidt-Rottluff gegenübergestellt. Auf einer Nachbildung von Freuds Couch kann der Besucher sich eine Verfilmung des gruseligen erotischen Finales der Oper mit einer blutüberströmten Nadja Michael in der Titelrolle zu Gemüte führen, bevor das Schlaglicht auf „Lady Macbeth von Mzensk“ und eine andere Variante von Sex, Gewalt und Emanzipation fällt, diesmal im Schatten der Elektrifizierung der Sowjetunion.

Zwei Jahre nach der Petersburger Premiere verließ Stalin vorzeitig eine Vorstellung der Oper. Wenig später überschrieb „Prawda“ einen Angriff auf das „volksfremde“ Werk mit „Chaos statt Musik“. Schostakowitsch lebte fortan in Todesangst. Seine Idee, diese Oper solle der erste Abend eines sowjetischen „Rings des Nibelungen“ über das Schicksal der Frau sein, wurde zerschlagen. Ein Tableau stellt seine Schreibstube nach. Hinten sieht man ihn in einem Dokumentarfilm bei der Arbeit an „Lady Macbeth“. Das Zimmer ist zur Versinnbildlichung seines Konflikts mit der Diktatur mit rotem Band abgeklebt wie ein Tatort.

Der Weg zum Ausgang führt durch einen großen, von Leinwänden gesäumten Raum, auf die zum Beweis der fortdauernden Vitalität des Musiktheaters eine Auswahl von neun Opernhäusern und Szenen aus besonders spektakulären Uraufführungen seit 1934 projiziert werden, darunter Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ mit dem extravaganten Helikopter-Quartett, „Einstein on the Beach“ von Philip Glass in der Regie von Robert Wilson und George Benjamins „Written on Skin“.

Welche Werke auch immer die Ausstellung in den Mittelpunkt gerückt hätte, gäbe es etwas zu beanstanden, wie etwa, dass der Verismo fehlt, dass die Pariser Grand Opéra nur am Rande vorkommt, und vor allem, dass die Auswahl der sieben Schlüsselwerke keine neuere Komposition umfasst. Der Anspruch auf Vollständigkeit ist bei einem derart kolossalen Thema ohnedies illusorisch. Mit Phantasie und Elan wird hier ein frischer Blick auf eine Kunstform geworfen, deren Tod, wie einst der von Mark Twain, verfrüht verkündet worden ist.

„Opera: Passion, Power and Politics“. Victoria and Albert Museum, London. Bis 25. Februar. Das broschierte Buch zur Ausstellung kostet 25 Pfund.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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