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Bachfest in Leipzig

Diese Liebe ist unersättlich

Von Gerald Felber
 - 22:48

Die internationale Gemeinde von Johann Sebastian Bach ist nur mit der Richard Wagners zu vergleichen: an bedingungsloser Hingabe sowieso – und neuerdings auch an Kondition und Durchhaltevermögen. Wagner persönlich wäre wohl blass (und neidisch?) geworden, wenn er erlebt hätte, was sich dieser Tage im fußläufigen Umkreis seiner Leipziger Geburtsstätte beim dortigen Bachfest ab- (und nebenbei als „Kantaten-Ring“ auch auf sein Musikepos an-)spielte: 33 Kantaten des Thomaskantors – nur nicht verteilt über ein halbes Kirchenjahr wie zu ihren Entstehungszeiten, sondern innerhalb von 48 Stunden. Dem Festival, jetzt unter der Intendanz von Michael Maul, bescherte diese Idee einen Massenansturm von bislang nicht gekanntem Ausmaß.

Was erst einmal wie eine sportlich zahlenspielende Laune des Archiv-Präsidenten John Eliot Gardiner und seiner Leipziger Mitstreiter im 333. Geburtsjahr Bachs aussah, gestaltete sich vor Ort beispielsweise wie folgt: vier Konzerte, in einem Falle in gottesdienstlicher Einbettung, aber auch sonst mit der Lesung der zu den Kantaten gehörenden Evangelientexte verbunden. Zudem als kleine Ziersträußchen Motetten aus der zu Bachs Zeiten gängigen Sammlung des „Florilegium Portense“, eine Prise Orgel, ein wenig Erbauung: in der Summe zehn Zeitstunden und knapp sieben davon auf harten Kirchenbänken – bei Temperaturen, die sich angesichts des Feuchtigkeits- und Kohlendioxid-Ausstoßes von mehr als 1600 Besuchern und Akteuren in der Thomaskirche nach dem dritten Konzert in Folge auf gefühlte 33 Grad erhöht hatten.

Atemloser Applaus

Die Last dessen mussten nicht zuletzt der so tief mit Bach verbundene Masaaki Suzuki und sein japanisches Collegium – nun ja: ausbaden, nicht zuletzt, weil bei solchen atmosphärischen Verhältnissen das Agieren auf den historischen Instrumenten zu einer Art Würfelspiel wurde, unüberhörbar besonders in den Blechbläsergruppen. Außerdem aber kam man bei diesem flirrenden Hitzetraum auf den seltsamen Gedanken, dass sich Suzukis ganz eigener Lyrismus, seine nazarenisch-introvertierte Innigkeit, Weichheit und Legato-Seligkeit, die dann in einem seltsamen Zirkelschluss zu fast romantischen Klangbildern führen kann, unter streng-hartem Winterlicht vielleicht ganz anders angehört hätte als unter Umständen, wo es eher innerer Abkühlung als tröstlicher Erwärmung bedurft hätte.

Und dennoch: Die zwei pausenlose Stunden lang in enge Sitzreihen gezwängten, verschwitzt hochgeröteten oder schon grünlich erbleichten Zuschauer-Kohorten standen am Ende unter der Orgelempore mit den Musikern, applaudierten atemlos und ließen sich ihren Bach von nichts und niemandem nehmen. Das muss dann wohl Liebe sein – in diesem Falle nur begrenzt durch den programmgemäßen Innenstadt-Pilgerzug hinüber zu Leipzigs zweiter Bach-Wirkungsstätte, wo sich Gardiner und seine Ensembles schon zum nächsten Konzert rüsteten.

Star singt im Chor

Nun ist Sankt Nikolai nicht so ikonisch wie die Thomaskirche, die weitgehend ihr bachzeitliches Aussehen behalten hat und wo sich seine Grabstätte befindet, während ihr Pendant seit zweihundert Jahren in einem heiteren, aber postbachischen Aufklärungsklassizismus leuchtet; dafür ist sie komfortabler für Musiker wie Hörer, akustisch besser – und hatte an diesem Abend den unschätzbaren Vorteil einer geballten Ladung unverbrauchter Frischluft. Ebendas – Frische und Unverbrauchtheit – schienen sich auch der „Bach-Präsident“ Gardiner und seine englischen Musiker auf die Fahnen geschrieben zu haben.

Da war vom ersten Takt an eine punktgenaue intellektuelle Durchdringung und hochpräzise Ausformung jeder Phrasierung und Klangmischung spürbar; so etwas wie eine ins Monumentale vergrößerte Goldschmiedearbeit, die jenseits rationalistischer Kühle bald auch immer mehr dramatische Schärfe, Wucht und Drive aufnahm. Wie sich das „Donnerwort“ der abschließenden Kantate BWV 20 beim ersten Choreinsatz von Silbe zu Silbe immer wuchtiger „in die Seele bohrte“; wie Peter Harveys Bass und die Solotrompete der English Baroque Soloists eine beklemmmend-majestätische Vision des Jüngsten Gerichts entfalteten: Es war schlicht niederschmetternd – und möglich nur mit einer Formation wie dem Monteverdi-Chor, der sämtliche Solisten mit in den Chorklang einschließt und es sich leisten kann, eine weltweit gefragte Bach-Sopranistin wie Hana Blažikova einen ganzen Abend lang nur als Ensemblestimme singen zu lassen.

Entwicklungsstudie

Ihr Pendant fand solche Überwältigungs-Monumentalität im Agieren Ton Koopmans und seines Amsterdamer Barock-Ensembles: menschennäher, maßvoller, weniger „gearbeitet“ als aus dem empfangenden und hingebenden Genuss des Augenblicks empfunden. Da gab es gleich in der festlich leuchtenden Epiphanias-Kantate BWV 65 edelsteinhafte Bläserfarben, kammermusikalische Intimität mit einer bis zum Doppelquartett reduzierten Chorbesetzung und schließlich eine tief anrührende, aus eigener Lebensreife und Gelassenheit geschöpfte Gestaltung der Solo-Kantate „Ich habe genug“ durch Klaus Mertens, der selbst auf die siebzig zugeht und eben nicht nur hervorragende Stimmbeherrschung und Textverständlichkeit, sondern auch eine erschütternde Grundstimmung weise durchlichteter Gefasstheit vermittelte. Bravorufe nach Worten wie „Ich freue mich auf meinen Tod“ grenzen zwar eigentlich ans Skurrile; aber der emotionale Überdruck musste scheinbar, wie oft in diesen Tagen, einfach heraus.

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Am anderen Ende der Stimmpalette nahm vor allem Dorothee Mields für sich ein, die in den Kantaten 21 und 105 mit ihrem silbrig-zartherben Timbre viele Abstufungen zwischen Schüchternheit, keuscher Koketterie und tiefem Vertrauen fand. Sie gehörte zum Quartett in Hans-Christoph Rademanns Auftritten mit der Gaechinger Cantorey. Gemäß dem Vorhaben der Organisatoren, für diesen „Ring“ alle Dirigenten und Ensembles einzuladen, die bisher Gesamtaufnahmen der Bach-Kantaten vorgelegt haben, vertrat Rademann dabei quasi seinen Stuttgarter Vorgänger Helmuth Rilling und zeigte so etwas wie eine Entwicklungsstudie: ohne radikale Umbrüche und unter Bewahrung von dessen würdevoll warmer Ausstrahlung, mit einer immer noch relativ großen Chorbesetzung, aber behutsam modernisiert in vielen Details agogischer Verflüssigung und Flexibilisierung.

Hoch aktuell

Hier war, wie durchweg, historische Informiertheit kein Fetisch, sondern eine Erweiterung des Spielfeldes. Und wenn die einheimischen Thomaner unter ihrem Kantor Gotthold Schwarz das Ideal des reinen Knabenchorklanges aus Bachs Zeiten weiterpflegen und damit auch ihrer gesamten Aufführung ein Element puristischer Strenge vermitteln, gehört das ebenfalls dazu. In der Thomaner-Motette erklangen zwei Kantaten zum Sonntag Estomihi – für jenen Tag also, der die Gläubigen vor der Passionszeit unmittelbar nach Gottes Beistand rufen lässt und damit auch einen zentralen Punkt in Bachs gesamtem geistlichen Kantatenwerk umschreibt. Wie aktuell das für Massen von Menschen in Zeiten einer angeblich unbegrenzt möglichen Selbstoptimierung bleibt, war in Leipzig berührend zu erleben.

Quelle: F.A.Z.
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