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„Woyzeck“ in Basel

Strauchelnde Menschheit

Von Simon Strauss
 - 21:55
Schneller, lauter, leerer: Das Rad der Welt, auf dem die Schauspieler stehen, dreht sich erbarmungslos. Bild: Sandra Then, F.A.Z.

Die Erde ist eine Scheibe. Unermüdlich dreht und dreht sie sich um die eigene Achse, neigt sich bedrohlich zur Seite, verlangsamt ihr Tempo, nur um dann wieder neue Fahrt aufzunehmen. Die Menschen kleben fest an ihr, lassen sich nicht abschütteln, so schräg sie auch steht. Nichts als Zeitverschwendung, dieses Herumgedrehe, sagt der Hauptmann, das läuft doch nur auf die Ewigkeit hinaus. Und Woyzeck, sein armer, fiebernder Barbier, keucht zurück: „Unsereins ist nun einmal unselig in der und der andern Welt.“

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Lethargie und Verzweiflung, psychische Zerbrechlichkeit und moralische Verwahrlosung, das zeichnet Büchners Woyzeck gemeinhin aus. Ein vom Schicksal Geschlagener, ein „vergeisterter“ Irrläufer, der sich von seiner Frau betrügen und von seinen Vorgesetzten demütigen lässt. Ein Schmerzensmann, passiv bis zum letzten Moment, wenn er das Messer zückt und sich ins Verderben stürzt. Armer Woyzeck. Man muss Mitleid haben mit ihm, den die Ungerechtigkeit der Welt zum Mörder macht. Es sind die Verhältnisse, die sein Tun determinieren, ihn den Dolch greifen und in die treulose Brust seiner Geliebten rammen lassen.

Der Täter steht von Anfang an fest

Büchners – auf einer realen Vorlage basierendes – Dramenfragment wird häufig als ein emotionales „Gegengutachten“ gelesen, das sich kritisch gegen den reinen Rechtsstandpunkt wendet, indem es auf die soziale Dependenz menschlicher Psyche verweist. Wenn man Woyzecks Handeln schon nicht entschuldigen kann, so lässt man zumindest die Frage offen, ob er zurechnungsfähig ist oder nicht. Von solchen abwägenden Interpretationen will die Basler Inszenierung von Ulrich Rasche nichts wissen. Bei ihr steht von Anfang an fest: Woyzeck ist Täter, nicht Opfer.

Wie ein wilder Stier an der Leine, der losstürmen will, aber nicht fortkommt, läuft Nicola Mastroberardino mit Kreuzschritten auf der Drehscheibe entlang. Immer wieder treten einzelne Figuren aus dem düsteren Nebel an ihn heran, verfolgen ihn eine Weile und verschwinden erneut im Nichts. So ausdauernd sich die Bühne dreht, so ausdauernd wird dazu auch Livemusik gespielt: Marschmelodien und Trommelwirbel im Wechsel mit elektronischen Loops. Die Mischung aus Klang und Bewegung ergibt einen penetranten Rhythmus, zu dem – vom Mikroport verstärkt – der Text gesprochen wird. Dabei wird jedes Wort zerdehnt und verzerrt als läge es auf der Streckbank. Die Sätze werden hervorgepresst aus Körpern, in denen die Leere von innen gegen die Brust drückt.

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Die Menschen wirken wie ferngesteuert

Man braucht eine ganze Weile, bis man sich an die Verstärkungen durch Mikroport, wummernde Musik und spektakuläre Drehbühne gewöhnt und verstanden hat, dass hier nicht einfach nur künstlich der Wirkungswert in die Höhe getrieben, sondern eine besondere Art physischer Intensität erreicht werden soll.

Deswegen hat Rasche Büchners „Fieberfragment“ mit harter Hand entmoralisiert: Es geht ihm nicht um die altbekannte Anklage gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, nicht ums Einfühlen und Mitleiden, sondern um den unmittelbaren Ausdruck innerer Leere, der existentiellen Einsamkeit des Menschen. Wie ferngesteuert wirken sie bei ihm, gruselig und geisterhaft anzuschauen, ohne Vorlieben und wirkliche Gemütsregungen. Alle sind schwarz gekleidet und treten mit den streng synchronen Bewegungen von Galeerensklaven auf der Stelle. Ein Hauch von Totalitarismus liegt in der Luft. Militaristische Geisterbahnstimmung à la Rammstein.

Die Bühne dreht sich gnadenlos

Nur Marie, Woyzecks betrügerische Geliebte, bewahrt Eigenheit. Sie wechselt ihre Haltung in Körper und Sprache permanent, ist mal verführerisch-wollüstig, dann wieder hilflos, voll schnippischer Unschuld. Franziska Hackl spielt die einzige tragende Frauenrolle in Büchners Stück mit einer grazilen Coolness. Als Woyzeck den Betrug ahnt, ihm die Bilder im Kopf herumgeistern („Hat er da gestanden?“ „Wo hat er dich berührt?“), antwortet sie ihm, zuerst noch zwischen schüchterner Sorge und geiler Begierde unentschieden: „Rühr du mich an!“, dann später mit harscher Entschlossenheit: „Lieber würd ich mir ein Messer in den Leib jagen, als deine Hand auf meiner spüren.“

Gnadenlos dreht sich die Bühne an diesem gut dreistündigen Abend, so dass die Schauspieler ihre Knie- und Fußgelenke während des Auftritts nie schonen können. Der „menschliche Abgrund“, vor dem es Woyzeck bekanntlich beim Hinabsehen schwindelt – bei Rasche sieht man ihn in den unbewegten Gesichtern und starren Körpern, die sich ständig dem neuen Grad der Drehung anpassen müssen. Je stärker sich der äußere Untergrund hebt und senkt, umso verschlossener und leerer werden sie innerlich. Bei der Mordszene steht die Scheibe fast senkrecht, und die beiden Liebenden hängen nebeneinander an Seilen wie zwei abgestürzte Bergsteiger.

Die Bilder sind einfach, aber wirkungsvoll

Woyzecks Temperamentsfehler, der ihn rastlos durch die Welt hasten lässt „wie ein offnes Rasiermesser“, seine unstete, atemlose Existenz als Soldat, Barbier und vor allem medizinisches Versuchskaninchen, wird hier gewissermaßen nur durch die äußere Umgebung angedeutet. Von einem inneren Gewissenskonflikt, der Zerrissenheit seiner Seele, ist nicht viel zu spüren. Verknappt könnte man sagen, dass in Rasches Inszenierung eine Dynamisierung auf Kosten der Psychologie stattfindet. Mit seinem minimalistisch-skulpturalen Regiestil folgt Rasche dabei im übertragenen Sinne einem Diktum, das Elias Canetti in seiner Büchner-Preis-Rede 1972 formulierte: „Nur wenn das Erbarmen verborgen bleibt, wenn es stumm ist, wenn es sich nicht ausspricht, ist das Geringe intakt. Der Dichter, der sich mit seinen Gefühlen spreizt, der das Geringe mit seinem Erbarmen öffentlich aufbläst, verunreinigt und zerstört es. In dieser Keuschheit fürs Geringe ist bis zum heutigen Tag niemand mit Büchner zu vergleichen.“

Büchners „Keuschheit fürs Geringe“ – daran hat Rasche sich orientiert. Bis ins letzte Detail hinein sind die einfachen, aber sehr wirkungsvollen Bilder gebaut: Etwa der kleine Finger, den Marie bei jedem Kreuzschritt zur Seite spreizt oder die sadistische Körperhaltung des zynischen Arztes, der Woyzeck mit Erbsen füttert und sich an seinen tödlichen Diagnosen freut. Am Ende lässt Rasche seine Bühne noch einmal vor das Publikum fahren, damit es das Ungetüm von unten sieht, mit all seinen Eisenstangen, Zylindern und Seilwinden.

Rasches „Woyzeck“ ist ein mutiger, kompromissloser Abend, ohne Denunziation und wohlfeile Sozialromantik. Beim Zuschauen schwankt man hin und her zwischen dem Gefühl, ermüdet oder erschüttert zu sein. In jedem Fall ist es eine Theateraufführung, die man beim besten Willen nicht einfach vorüberziehen lassen kann. Sie nimmt einen mit, kreist einen ein, hämmert sich ins Gedächtnis: Man muss die schwitzende Menschheit straucheln sehen und das kühle Getriebe dabei knirschen hören.

Quelle: F.A.Z.
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