Musikfest Berlin

Schön, dieses Zungenlallen und Lippenbibbern

Von Clemens Haustein
 - 22:09

Fein sind die Netze, die Winrich Hopp, der künstlerische Leiter des Musikfestes Berlin, Jahr für Jahr knüpft. Als Konzertbesucher sieht man sich von den Programmen des Festivals eingewickelt, bald verwickelt, und wer sich aus der willkommenen Umgarnung wieder gelöst hat, steht doch meist schlauer da als zuvor. Mindestens wird er ein heimatliches Gefühl genossen haben: dass hier alles irgendwie miteinander zusammenhängt und der gewaltige Raum der Musikgeschichte gleichsam auf Tennisballgröße zusammenschrumpfen kann. Liegen auch Jahrhunderte zwischen den Stücken, beim Festival in der Berliner Philharmonie ist die Nachbarschaft eng.

In diesem Jahr spannt sich das Programm zwischen den beiden Fixpunkten Claudio Monteverdi und Isang Yun. Geburtstagskinder beide, der eine mit vierhundertfünfzig Jahren, der andere mit hundert. Wobei der Schwerpunkt deutlich bei Monteverdi liegt. Isang Yun, der viele Jahre in Berlin lebte und unterrichtete, wird mit einem geballten Isang-Yun-Tag geehrt am kommenden Sonntag, die Aufführung der drei überlieferten Monteverdi-Opern durch Sir John Eliot Gardiner, seinen Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists brachten hingegen die Anschubenergie, die das Festival durch die ersten Tage trug und noch weiter tragen wird. An „L’Orfeo“ und „Il ritorno d’Ulisse“ schließen die meisten Konzertprogramme in ihrer Thematik an, Alte Musik steht erstmals auf dem Programm des Musikfestes, zugleich wird der Bogen zur zeitgenössischen Musik gespannt.

Passgenau fügt sich gar die Uraufführung eines neuen Werkes ein: „Yes“ für neunzehn Instrumentalisten und Sopran, geschrieben von Rebecca Saunders, die in Berlin lebt. Dass die Britin seit langem eine Faszination für den „Ulysses“ von James Joyce hegt und besonders für den Schlussmonolog der Molly Bloom – Saunders ließ sich von diesem Text bereits zu einem Stück anregen –, wusste man mit einem Kompositionsauftrag von Seiten des Musikfestes und der Ernst von Siemens Musikstiftung zusätzlich zu befeuern. So war nun am Samstagabend im Kammermusiksaal der Philharmonie ein Stück zu bestaunen, das nicht nur die Odysseus-Thematik aufgreift, die Monteverdis Oper zuvor setzte, sondern auch Verbindung schafft zu einem Werk, das drei Tage zuvor vom Amsterdamer Concertgebouworkest aufgeführt worden war: Wolfgang Rihms „IN-SCHRIFT“, komponiert für die Räume von San Marco in Venedig. Ähnlich wie Rihm eine Musik genau für diesen Kirchenraum komponierte, schrieb Rebecca Saunders ihr Stück für den Kammermusiksaal. Mit dem Unterschied, dass „Yes“ kaum an einem anderen Konzertort aufführbar sein wird. Rundherum bis unters Dach des Berliner Saales stehen Notenständer auf den Terrassen, Erkerchen und Balkonen, die Musiker des Ensemble Musikfabrik und der Dirigent Enno Poppe steigen getragenen Schrittes hinauf zu den Spielstationen und wieder hinunter, wo lange Zeit des rund siebzigminütigen Stückes dann doch das Zentrum des Geschehens liegt. Das wird so in keinem anderen Saal möglich sein.

Was für ein Luxus, könnte man sagen – einmal ausgenommen, dass die Komponistin ihr Stück vielleicht doch für andere Säle modifizieren wird. Jedoch drückt sich darin eine Kompromisslosigkeit aus, die Rebecca Saunders und ihre Musik gerade sehr interessant macht. Souverän soll die Musik sein, sie hat niemandem zu dienen, soll nichts erklären, keinem Anspruch auf Verstehbarkeit Raum geben, sie soll eben einfach Musik sein. Dass die Komponistin selbst in ihren Werken verschwindet, unauffindbar zwischen all den Klangebenen, die sie meist aus der Stille hervortreten und wieder in sie zurückkehren lässt, macht sie sympathisch. Dass sie im besten Sinn auf der Nutzlosigkeit von Musik beharrt in Zeiten, da die klassische Musik sich steigendem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sieht, macht sie zur wichtigen Stimme. Die britische Komponistin kehrte auch deshalb ihrer Heimat den Rücken, weil dort stets nach dem sozialen Nutzwert von Musik gefragt werde, wie sie in einem Interview sagte.

„Yes“ ist in dieser Hinsicht Saunders’ bislang größtes Werk. Musik erhält hier – im zurückgenommenen Ton – eine fast schon herrschaftliche Rolle. Ihrer Ankunft harren zu Beginn fünf Instrumentalisten, die gesenkten Kopfes auf das dämmerige Podium schlichen. Aus dieser Stille schält sich zunächst die Stimme der Sopranistin Donatienne Michel-Dansac heraus, jedoch bleibt es beim melodiösen Summen und Gurren.

Die Worte aus dem Molly-Bloom-Monolog zerbröseln im Lippenbibbern und Zungenlallen, der Text wird keine Bedeutung mehr haben für den Hörer, er wird in Blasinstrumentmundstücke hineingesprochen, hinter vorgehaltener Hand geschrien oder einfach in Klänge aufgelöst. Eigentümlich heisere Klänge oft von falsettierender Bassflöte oder Bassklarinette. Gestopfte Trompete kann sich wie ein Firnis darüber legen, ein Pochen der großen Trommel hindurchtönen aus einer entlegenen Ecke des Raumes. Häufiger noch lässt sich in dieser Aufführung ein Klang kaum mehr orten. Wo kommt er her, welche Instrumente erzeugen ihn? Rebecca Saunders’ Reichtum an klanglichem Vokabular ist dabei überwältigend. Dass sie dieses Vokabular gemeinsam mit den Musikern des Ensembles entwickelte, trägt entschieden zur klanglichen Schönheit bei. Es sind die persönlichen Klänge der Musiker. Es ist dadurch aber noch lange nicht ihr Stück. So wie sich die Musik von „Yes“ am Anfang selbst erst zu suchen scheint, so sucht sie sich im Verlauf des Stückes ihre Musiker: Entlässt sie hinter die Bühne, schickt sie hinauf auf die Emporen und Balkone des Saals. Herrschaftlich und katzenhaft kapriziös.

Quelle: F.A.Z.
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