Oper in London

Botschaft aus dem königlichen Schlafgemach

Von Gina Thomas
 - 09:43

In der britischen Volksmythologie ist, nicht zuletzt dank Christopher Marlowes Tragödie „Die unselige Herrschaft und der klägliche Tod König Eduards II.“ verankert, dass der Monarch mit einem glühenden Eisenstab gepfählt wurde. Womöglich beruht diese durch Quellen überlieferte Schilderung auf Gerüchten, die gestreut wurden, um den Staatsstreich durch Anspielungen auf die Homosexualität des Königs zu rechtfertigen. In „Lessons in Love and Violence“, der von Marlowes Drama inspirierten, auf hundert Minuten komprimierten Nacherzählung des Umsturzes durch den Komponisten George Benjamin und seinen Librettisten Martin Crimp, die soeben an der Londoner Covent-Garden-Oper ihre szenisch und klanglich tadellos umgesetzte Uraufführung erlebte, bleibt dem Zuschauer die Darstellung der Schreckenstat erspart. Die eindringliche Symbiose von Wort und Musik brodelt jedoch vor Gewalt und Sinnlichkeit. Zarte, irrlichternde Passagen vermengen sich in glühendem Kolorit mit exotischen Cimbalom-Klängen, seltsam zirpenden Harfen und nervösen, tonmalerischen Crescendi.

Eduard wird nie beim Namen genannt, sondern lediglich als König bezeichnet, so wie dessen Sohn bloß als „Junge“, später als „junger König“ gekennzeichnet wird, um alles Spezifische zu vermeiden. Als Herrscher, der seinem manipulativen Günstling Gaveston verfallen ist, steht er für die Pflichtvergessenheit der Liebestrunkenen, aber auch für die Missachtung der Obrigkeit gegenüber dem Volk. Das Reich verkommt, die Menschen hungern, während der sich von dem wunderbar phrasierenden und artikulierenden Bariton Stéphane Degout verkörperte König wie ein verwöhntes Kind aufführt und dem Vergnügen frönt. Er will unbehelligt bleiben von Wirtschaft und Politik, von den „Mechanismen der regulierten Welt“ und in Musik und Poesie schwelgen.

Unverblümte Homophobie

Anlass für Mortimer, der ein ausgeprägtes Gespür für den leitmotivisch auftretenden Begriff von den „Mechanismen der Macht“ besitzt, sich mit der verschmähten Königin Isabella zu verbünden und die Zügel an sich zu reißen. Er ermordet den von dem ungarischen Bariton Gyula Orendt in seiner düsteren Rätselhaftigkeit erfassten Gaveston, zwingt den König zur Abdankung und setzt dessen Sohn als Marionettenherrscher ein. Es habe nichts mit der gleichgeschlechtlichen Liebe zu tun, das Gift sei die Liebe schlechthin, erklärt Peter Hoare als Mortimer mit klarer Tenorstimme gleich im ersten Satz der Oper, widerlegt sich aber selbst mit unverblümter Homophobie.

„Lessons in Love and Violence“ ist das dritte gemeinsame Werk von Benjamin und Crimp. Nach Jahren, in denen der Lieblingsschüler von Olivier Messiaen die Hoffnung fast aufgegeben hatte, ein musiktheatralisches Werk hervorbringen zu können, wirkte die Begegnung mit dem Dramatiker, der sich durch seine Auseinandersetzung mit Facetten der Gewalt hervorgetan hat, auf den akribischen Komponisten wie die Befreiung von einer kreativen Blockade. Auf die Kammeroper, „Into the Little Hill“, eine moderne Bearbeitung der Sage vom Rattenfänger von Hameln, folgte vor sechs Jahren der Welterfolg mit „Written on Skin“. Die brutale Parabel über die transformative Wirkung der Kunst hat den Ruf des 58 Jahre alten Benjamin als eines der führenden zeitgenössischen Komponisten etabliert. Auf diesen Durchbruch bauend, haben sich in einem nahezu unübertroffenen Ausdruck des Vertrauens neben Covent Garden sechs weitere internationale Häuser an der Inszenierung von „Lessons in Love and Violence“ beteiligt.

In ihrem neuen Werk entwickeln Benjamin und Crimp das Thema der unheilvollen Verquickung von Liebe, Macht und Kunst fort, von dem bereits ihre vorigen Werke handelten. Die Kraft der Aufführung beruht nicht nur auf der feinziselierten Partitur, die der Komponist am Pult selbst kraftvoll zum Klingen bringt, sondern auch auf dem bis ins letzte Detail aufeinander abgestimmten Zusammenwirken von Schöpfern und Ausführenden.

Die Besetzung stand bereits vor der Entstehung der Oper fest. Benjamin hat seine Musik auf die Stimmen zugeschnitten. Für die Regie und das Bühnenbild zeichnen, wie bei bei der Erstaufführung von „Written on Skin“ in Aix-en-Provence, Katie Mitchell und Vicki Mortimer verantwortlich. Sie haben den mittelalterlichen Hofstaat in das gestylte Ambiente eines modernen Kunstsammlers verlegt. Die Lektionen in Liebe und Gewalt werden in sieben durch Orchesterzwischenspiele verbundene Szenen erteilt. Sie sind vor allem an dem jungen Thronfolger gerichtet, der mit seiner Schwester gezwungen wird, den Kabalen und Lieben der Eltern beizuwohnen. Anders als der Sohn, dessen Entwicklung vom unschuldigen Knaben zum machtbewussten Herrscher Samuel Boden mit seiner hohen Tenorstimme kraftvollen Ausdruck verleiht, ist die Tochter eine stumme und dennoch in ihrer teilweise in Zeitlupe ausgetragenen Gestik und Mimik überaus beredte Beteiligte dieses dysfunktionalen Familiendramas, in dessen Zuge sich die Kinder nach und nach von der Mutter abwenden.

Sadomasochistisches Todesduett

Katie Mitchell und Vicki Mortimer lassen die Episoden im Schlafzimmer des Königs spielen. In jedem Bild wird der Raum aus einem anderen Blickwinkel gezeigt. Der tiefblaue Raum wird von einem Aquarium mit Zierfischen beherrscht, deren Dahintreiben das frivole Dasein des Königs versinnbildlicht. An den Wänden hängen Gemälde von Francis Bacon, wie überhaupt die von Erotik und Gewalt geprägte Bildersprache jenes Künstlers immer wieder beschworen wird, sei es durch die nackten Glühbirnen, die wie ein Markenzeichen wirken, oder die auf dem Bett ineinander verschlungenen Figuren des Königs und seines wie ein Geist erscheinenden Liebhabers, die ein sadomasochistisches Todesduett singen.

Mit ihren charakteristisch hoch schwebenden Klagetönen zeichnet Barbara Hannigan die Königin als zusehends verzweifelte Ehefrau und Mutter, die sich in den Alkohol und in die Arme Mortimers flüchtet, nachdem sie vergeblich versucht hat, ihren Mann zurückzugewinnen. Ihr Zerfall weist Züge von Lady Macbeth auf. Der Geist Shakespeares macht sich auch in dem Kunstgriff eines Stückes im Stück bemerkbar. Wie Hamlet zwingt der von Mortimer zum König erkorene Sohn die Mutter, einer „Unterhaltung“ zuzuschauen, welche die von ihm veranlasste Ermordung ihres Liebhabers darstellt. Der Eleve hat sich die Lektionen der Gewalt zu eigen gemacht. Die Liebe ist auf der Strecke geblieben.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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