Jazzfest Berlin

Ein Sideman wird zum Chef

Von Reinhard Kager
 - 11:38

Es mutet fast kurios an, dass das Jazzfest Berlin in seiner vierundfünfzigjährigen Geschichte noch nie einen Artist in Residence ernannte. Umso bemerkenswerter ist es, dass nun die erste Wahl auf einen Sideman fiel, den Schlagzeuger Tyshawn Sorey. In vier Konzerten konnte der 37 Jahre alte Amerikaner beeindruckend unter Beweis stellen, dass ihn der britische Festivalkurator Richard Williams zurecht auserkoren hatte. In Soreys Spiel manifestiert sich nämlich aufs Trefflichste das Motto des diesjährigen Jazzfests, „In All Languages“, denn der Drummer spricht tatsächlich viele verschiedene musikalische Sprachen.

Bereits in seinem ersten Konzert destruierte Sorey alle landläufigen Klischees von einem klassischen Jazz-Piano-Trio. Kaum je schlug er durchgängige Beats, die, wenn überhaupt, meist der Kontrabassist Chris Tordini produzierte, während Sorey auf einem üppigen Perkussionsset mit großer Trommel, Vibraphon und Gongs feine Klangfarben erzeugte. Wie ein Maler mit zügigen Pinselstrichen glitt er mit verschiedenen Schlägeln über die Felle und Metalloberflächen, deren Sounds sich auf wundersame Weise mit den zarten Klavier- und Glockenspielklängen des Pianisten Cory Smythe zu vermischen begannen. So wirkte das meist dunkle, flächige Spiel dieses Trios eher wie ein intensives Nachdenken darüber, welche Klangmöglichkeiten dieser klassischen Besetzung bislang auf der Strecke geblieben waren in der Geschichte des Jazz, um dadurch eingeschliffene Rezeptionshaltungen gründlich zu hinterfragen.

Komplexe Rhythmen - und trotzdem Swing

Näherte sich das erste Triokonzert improvisatorisch der Klangwelt der neuen Musik, so erfüllte ein zweites Trio Soreys weit eher die Erwartungen von vorwärtstreibenden Grooves: Doch auch die Stücke der Saxophonistin Angelika Niescier, die beim Jazzfest mit dem diesjährigen Albert-Mangelsdorff-Preis ausgezeichnet wurde, verwandelten sich durch das Spiel Soreys, der die komplexe Rhythmik oft fragmentierte und dennoch den Eindruck eines durchgängig swingenden Beats erweckte. Ein Glücksfall für die Preisträgerin, mit Sorey und Tordini musizieren zu dürfen, zumal ihr eigenes Spiel bei aller Virtuosität oft die innere Dringlichkeit vermissen ließ. Da gelang dem Berliner Saxophonisten Gebhard Ullmann, der alle Facetten des freien Spiels von feinen Klangerkundungen bis zu expressiven Ausbrüchen demonstrierte, ein weit glaubhafterer Dialog bei seiner ersten Begegnung mit dem amerikanischen Drummer.

Ein ähnliches Problem wie Niescier begleitet auch den Pianisten Michael Wollny seit dem Beginn seiner steilen Karriere: Seiner klug kalkulierten Spielintelligenz fehlt oft jenes Moment, das im Jazz immer wieder als „Spirit“ beschworen wird. Gemeint ist damit weniger die Gospeltradition als Wurzel des Jazz, als vielmehr die Fähigkeit, innere Überzeugungen mit einer so selbstverständlichen Glaubhaftigkeit musikalisch vermitteln zu können, dass die Zuhörer förmlich mitgerissen werden. Man kann Wollny, der in seinem Solokonzert über musikalische Motive der Romantik zwischen Schumann und Schubert improvisierte, sicherlich zugutehalten, dass er in den letzten Jahren viel an verinnerlichter Intensität gewonnen hat. Aber restlos überzeugen konnte sein Auftritt, trotz sehr schöner Klangmomente beim Spiel im Inneren des Klaviers, noch nicht.

Weit dringlicher tönten die Botschaften, welche die beiden Trompeter Ambrose Akinmusire und Amir ElSaffar vermittelten: Ersterer ließ sich von vier emotional berührenden Songs einer in Mississippi inhaftierten afroamerikanischen Frau inspirieren, deren Spuren durch den Lauf der Geschichte verwischt wurden. Akinmusires Sextett übermalt diese immer wieder zugespielten Songs, um dadurch unmissverständlich auf die Diskriminierung der Schwarzen hinzuweisen. Sein Kollege Amir ElSaffar, Sohn einer amerikanischen Mutter und eines irakischen Vaters, vermischte wiederum Klänge der arabischen Musik mit dem Jazz. Dies gelang seinem Oktett, obwohl das Projekt in den groovenden Passagen etwas zahm wirkte, ganz ohne die weltmusikalischen Vereinnahmungsgesten der sechziger Jahre, zumal ElSaffar und der Altsaxophonist James Wylie die mikrotonalen Skalen der arabischen Musik organisch einfließen ließen. Vor dem Hintergrund, dass Ossip Klarwein, der Planer der Kirche am Hohenzollernplatz, in der dieses Konzert stattfand, von seinem Chef 1932 „zur Bereinigung der Belegschaft“ entlassen wurde, erhielt ElSaffars Projekt eine doppelte politische Komponente.

Fjord-Geräusche in der Gedächtniskirche

Auch sonst verließ das Jazzfest das Haus der Berliner Festspiele einige Male: Der Prolog des Festivals, unter anderem mit Steve Lehman und der HipHop-Gruppe „Sélébéyone“, fand im „Lido“ statt, einem Club in Kreuzberg, Berlins Schmelztiegel der Sprachen. Das britische Quartett „Empirical“ spielte einige Tage im Einkaufszentrum „Alexa“ am Alexanderplatz, die „Trondheim Voices“, ein norwegisches Frauenseptett, füllten durch mikrophonverstärktes Säuseln die Gedächtniskirche mit Fjord-Geräuschen, und im Jazzclub „A-Trane“ fanden an drei Abenden Begegnungen zwischen britischen und Berliner MusikerInnen im statt. Interessant waren vor allem die Sprachsamples von Orphy Robinson, die den Pianisten Pat Thomas, den Saxophonisten Frank Gratkowski und den Gitarristen Jean-Paul Bourelly zu kühnen improvisatorischen Experimenten anregten.

Kein Zweifel, Richard Williams gelang es in den drei Jahren seines Wirkens als Kurator in Berlin, das Jazzfest auch musikalisch in viele verschiedene Richtungen zu öffnen. Dennoch wird ab dem nächsten Jahr mit der Kulturmanagerin Nadin Deventer bereits die dritte Leiterin unter der Intendanz von Thomas Oberender beim Jazzfest walten.

Einen kleinen Rückschlag musste Williams in diesem Jahr nur mit den Großformationen hinnehmen. Das Konzert der NDR-Bigband litt unter den einfallslosen Arrangements von Geir Lysne, geradezu klebrig tönte Nels Clines Projekt „Lovers“ mit Berliner Studierenden, und der Auftritt von John Beasleys „MONK'estra“ mit Till Brönner als Stargast transferierte die Musik von Thelonious Monk dorthin, wo sie ganz und gar nicht hingehört: in die Unterhaltungsbranche. Selbst Tyshawn Soreys viertes Projekt, bei dem sich der Drummer Butch Morris' Methode der „Conduction“ zunutze machte, um ein Ensemble aus Berliner JazzmusikerInnen strukturiert durch freie Improvisationen zu führen, überzeugte wegen zahlreicher Längen nicht wirklich.

Wie elektrisierend wirkte hingegen das Trio von Dr. Lonnie Smith mit dem Gitarristen Jonathan Kreisberg und dem Drummer Xavier Breuker: Da atmete er plötzlich, der „Spirit“, durch ein Feuerwerk aus Klangideen, die der amerikanische Hammond-Orgelspieler mit lässiger Selbstverständlichkeit entwickelte, und durch einen organischen, aus dem Rhythm & Blues schöpfenden Groove, von dem sich die jüngere Generation so manches Scheibchen abschneiden könnte. Wie der 75 Jahre alte Smith selbst seinem Krückstock mithilfe eines Kontaktmikrophons zündende Riffs entlockte, zählte zu den unbestreitbaren Höhepunkten dieses spannenden und ereignisreichen Jazzfests.

Quelle: FAZ.NET
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