Tanztag in Tempelhof

Ringelpiez an Rosinenbomber

Von Simon Strauss
 - 13:57

Es war ein schüchtern-schöner Tag. Die Sonne schien freundlich durch die Wolken, die Menschen schauten froh dem Sommer nach, und in Tempelhof wurde getanzt – zehn Stunden lang. Nicht auf dem heiß umkämpften „Feld“, wo Hunde keuchend mit ihren Haltern weite Runde ziehen, sondern am alten Flughafen, der seit 2008 ein Ort ohne Bestimmung ist. Durch die ehemalige Abflughalle, vorbei an Namen längst abgewickelter Fluggesellschaften und letzten Überresten von Telefonkabinen, strömte seit Mittag die interessierte Berliner Tanzszene. Unter Schildern hindurch, die baten, auf das Rauchen zu verzichten, hinaus aufs weite Vorfeld, wo früher die Flieger zum Stehen kamen. Heute steht hier nur noch einer, abgesperrt wie ein Museumsstück aus lang vergessener Zeit: ein Rosinenbomber vom Typ C-54, silbern lackiert, mit spitzer Nase und geschwungenen Propellern, zur Erinnerung daran, wie sehr die „Weltstadt“ Berlin einmal von der (westlichen) Welt abhing. Aber jetzt, siebzig Jahre später, scheint alles andersrum: Die Welt braucht diese Stadt so sehr, dass die sich leichtfertig abkehren kann von ihrer eigenen Geschichte.

Getanzt wurde jedenfalls den ganzen Tag mit dem Rücken zum alten Flieger, ohne Schulterblick, ohne Interesse für die Aura des Ortes. Der französische Choreographie-Collageur und Tänzer Boris Charmatz, der diesen Tanztag unter dem Motto „Fous de danse“ („Verrückt nach Tanz“) anleitete und kuratierte, hat selbst ein ganz eigenes historisches Interesse: Ihn fasziniert die internationale Geschichte des Tanzes: 2009 gründete er in Rennes das „Musée de la Danse“, ein Kollektiv, das in den choreographischen Stilepochen nach Anknüpfungspunkten für heutige Bewegungsformen sucht.

Ein Tag der offenen Tanztür

Unter diesem Motto stand auch das Programm des Tempelhofer Tanztages, der mit einem öffentlichen, von Charmatz charmant angeleiteten Aufwärmtraining begann. Kleinkinder, Omis und Profitänzer machten zusammen Bewegungen großer Tanzentwickler nach, schlugen auf Kommando die „Hexenhände“ von Mary Wigman über dem Kopf zusammen oder deuteten eine Ballettgeste von Balanchine an. Manche schieden bald überfordert aus, andere zuckten engagiert weiter, und der freundliche Monsieur Charmatz ging durch die Reihen und sagte immer wieder beruhigend: „It’s okay.“

Danach durfte das teilnehmende Publikum sich auf den warmen Asphalt knien und bei verschiedenen Kurzvorführungen zuschauen: einem Solo nach Isadora Duncan – getanzt von der elfjährigen Imane Alguimaret –, das Gesten von Arbeitern, Ausdrücke der Erschöpfung und des Auflehnens, zu einem Revolutionstanz verband; einer Duett-Choreographie von William Forsythe, bei der zwei Körper sich virtuos mit Kleinstbewegungen nach Halt abtasten; und der Rekonstruktion eines frühen minimalistischen Quartetts der amerikanischen Choreographin Lucinda Childs, bei dem vier Frauen in weißer Kleidung mit stillen, entschiedenen Gängen den Raum auslaufen, bis kein Asphaltzentimeter mehr unberührt ist.

Berlin-Tempelhof
Die Volksbühne bittet zum gemeinsamen Tanz
© dpa, reuters

Neben den historischen Zitationen gab es auch Kostproben aus Berliner Tanzschulen zu sehen: Die Staatliche Ballettschule war (wegen des unwirtlichen Untergrunds allerdings in Jazz- statt Spitzenschuhen) mit einem Auszug aus „Der Kosar“ genauso vertreten wie die Flying Steps Academy, Berlins Hip-Hop-Kaderschmiede, mit einer Freestyle-Runde und das deutsch-türkische Dance Ensemble mit folkloristischen Volkstänzen. Dazwischen hüpften immer wieder auch mal Kindergruppen durch die Gegend, erfanden angeblich klassische Bühnenwerke, in Wahrheit aber wohl vor allem die Möglichkeiten der Förderpolitik neu; ein syrischer Tänzer riss sich die Kleider vom ausgemergelten Leib und stellte Motive der Kriegsfotografie nach, und wenig später wurde eine Stunde lang Funkmusik eingespielt, zu der sich wieder alle so frei bewegen durften, wie sie gerade konnten.

Ein Tag der offenen Tanztür. Mit gefalteten Papierhütchen, Strandmatten, Kinderschreien, Tupperware. Volksfeststimmung. Wandertag. Nur genug Getränkestände gab es nicht. Elend lang waren die Schlangen dort, während man vor den trostlosen Dixie-Klo-Bataillonen nie zu warten brauchte.

Diversität präsentieren, Genre-Auflösung propagieren

Aus dem gutgemeinten Kuddelmuddel aus Community Dance, Tanzgeschichte, Schülerprojekten und Folklore stach eine dreiviertelstündige Einlage heraus, bei der junge Protagonisten der Berliner Tanzszene, parallel über das ganze Feld verteilt, neun Soli präsentierten, zwischen denen man wie in einer Art choreographischen Museums hin und her wandeln konnte. Hier traten aufstrebende Tanztalente wie Julian Weber und Paula Pi sowie die Macras-geschulte Tänzerin Johanna Lemke mit eigenen Stücken auf und konzentrierten für einmal die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Wesentliche: den Körper als Ausdrucksfläche und Emotionsreservoir.

Als vorhersehbarer Höhepunkt waren dann noch die zwei Auftritte der bekannten belgischen Künstlerin Anne Teresa De Keersmaeker zu werten, die zunächst allein mit einem Auszug aus „Fase“ – basierend auf einer repetitiven Komposition des MinimalmusikersSteve Reich – in der Abendsonne auftrat, mit beigem Kleid und gelassener Miene, die wenigen Armbewegungen ganz aus der Rotation des Unterkörpers heraus, nicht geführt, sondern geschleudert, den Blick fast immer gesenkt, nur hier und da ein leicht verächtlicher Augenaufschlag. Ganz zum Schluss trat sie dann nochmals auf, diesmal zusammen mit Charmatz, im grellen Scheinwerferlicht, das von der triumphalen Fassade des unter Hitlers Anleitung entworfenen Flughafengebäudes herunterstrahlte. Gemeinsam schritten die beiden zu den Klängen von Bachs „Partita“ im Kreis umher, jagten einander die Bewegungen ab, warfen ihre Körper auf den betonharten Grund und fanden sich gegenseitig an den Fußsohlen wieder. Zwischen zärtlicher Umarmung und aggressiver Konkurrenz baute sich hier eine Spannung zwischen zwei ganz unterschiedlichen Körpern und Tanztemperamenten auf.

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Die Luft war kühl geworden nach diesem langen Tag, und bald schon stand der missachtete alte Flieger wieder allein auf dem Feld, ohne ringelpiezendes Publikum. Ein Tag so harmlos wie eine Sommersprosse. Durchaus abwechslungsreich, auch unterhaltsam, mit einer Animation besser als an jedem Hotelpool. Aber an sich eben doch ganz und gar bescheiden – im doppelten Sinne: der Umgang mit Geschichte rein illustrativ, die Aufeinanderfolge der einzelnen Sequenzen ohne dramaturgische Acht inszeniert. Frank und frei, ohne schweres Ideologie-Gepäck. Die Masse macht’s – Diversität präsentieren, Genre-Auflösung propagieren. Man kennt das aus den verschiedenen Berliner, aber auch sonstigen Festspielen und ist gar nicht überrascht, auch nicht verärgert, genießt im besten Falle das Volksfest auch ohne Bier. Ein schöner, sorgenloser Tag. Das einzig wirklich Irritierende waren die Aufschriften, die man im Vorbeigehen vereinzelt auf retrograden T-Shirt-Rücken lesen konnte: „Volksbühne Berlin“ stand da in schüchternen Zügen. Aber das waren bestimmt nur irregeleitete Besucher, die hier auf der ganz falschen Hochzeit tanzten.

Quelle: F.A.Z.
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