Zwei Premieren am Burgtheater

Eine Milliarde und ein Prophet

Von Martin Lhotzky
 - 13:28

Am vergangenen Wochenende brachte das Wiener Burgtheater an seinen beiden Hauptspielstätten im Haus am Ring und im Akademietheater an der Lisztstraße die letzten beiden Premieren der Saison heraus. Dürrenmatts alte Dame Claire Zachanassian, geborene Klara Wäscher, war als Koproduktion bereits zu Beginn des Monats Mai in Recklinghausen zu Besuch. Nun also großer Bahnhof in Wien – oder vielmehr: Güllen. Frank Hoffmann, noch bis Ende Juli Leiter der Ruhrfestspiele, setzt die absurde Tragikomödie mit einigem Bombast in Szene.

Das wird im ersten der drei Bühnenbilder, die Ben Willikens entworfen hat, noch nicht so ganz klar, sehen wir doch das Ensemble aus hauptsächlich Burgtheatermimen und Burghart Klaußner in der Hauptrolle des Alfred Ill in einem grauen, freudlos-kahlen Raum herumstehen und die soeben eingetroffene Maria Happel in der Titelrolle beäugen. Willkommen in Güllen, Frau Multimilliardärin! Man freut sich über die Ankunft der in der Fremde zu unermesslichem Wohlstand gelangten Zachanassian, die fünfundvierzig Jahre zuvor, kaum 17 Jahre alt, hochschwanger und praktisch mittellos, aus dem Ort vertrieben worden war. Weil sie eine Liebschaft mit Alfred eingegangen war. Weil der sich mittels bestochener Zeugen in einem Vaterschaftsprozess aus jeglicher Verantwortung davonstahl.

Jetzt ist sie also wieder da. Und will Rache. Eine Milliarde bietet sie für den Tod des einst Geliebten. Ein absolut unethisches Verlangen. Niemals würden sich die braven Güllener, auch wenn die Heimatstadt dringend einen finanziellen Zuschuss vertragen könnte, auf so etwas einlassen. Klara – „Ich darf Sie doch „Klärie“ nennen?“, fragt Roland Koch als Bürgermeister Bleibtreu – muss ja wohl einen Scherz gemacht haben. Nein, hat sie nicht, und allen, dem Lehrer des Dietmar König, dem athletischen Polizisten des Daniel Jesch, auch dem Pfarrer, dem Michael Abendroth schmierige Verzückung über die göttlichen Aussichten auf neue Kirchenglocken in Mimik und Stimme legt, allen übrigen auch, wird das klar. Und sie kaufen, auf Schulden. Auch in Alfred Ills Gemischtwarenladen – nach der Lüftung des Bahnhofkastens das zweite Bild in grotesker Fabrikhallenarchitektur – lassen sie anschreiben.

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Der ursprüngliche Untertitel „Eine Komödie der Hochkonjunktur“ wird da von Frank Hoffmann mehr als deutlich gemacht. Klaußner braucht dann nicht viel, um Ills Aufgeben zu zeigen. Im schlichten, dunklen Anzug, dazu schwarze Krawatte, weiß er doch, dass es zu seinem Begräbnis kommen wird, liefert er sich im Heustadel – drittes Bild – Klara aus. Die witzig-boshafte Happel-Zachanassian genießt den Triumph sichtlich, die Bürgerversammlung, die den Mordbeschluss fällt, ist da nurmehr eine Formalität. Das alles ist recht lustig und übertrieben, etwas gestrafft, aber nicht zu sehr, keineswegs konventionell, aber auch nicht zu überkandidelt, den Besuch gewiss wert. Eine Sensation ist der Abend allerdings auch nicht.

Meinungsfreiheit oder Gottesfurcht

Am folgenden Abend finden wir uns im Akademietheater wieder, wo in der Regie von Felix Prader das vier Köpfe kleine Ensemble aus Aenne Schwarz, Irina Sulaver, Peter Simonischek und Philipp Hauß das 2014 von Ayad Akhtar verfasste Stück „The Who & the What“ als österreichische Erstaufführung zeigt. Und wieder geht es dem aus pakistanischer Familie stammenden, in New York geborenen Autor um Probleme des Zusammenlebens. Etwas anders als in seinem vielbeachteten Drama „Geächtet“ sind nun alle vier Personen an den Propheten Mohammed gekettet.

Der Vater Afzal, konservativ-fromm, aber keineswegs fanatisch, will seiner älteren Tochter Zarina nach dem Krebstod der Mutter helfen, aber auf eine von ihr als übergriffig empfundene Art – betreibt er doch etwa unter ihrem Namen ein Dating-Konto auf der Seite „Muslimlove.com“. Zarina wiederum sitzt seit über zwei Jahren an einem Roman über, wie sie sagt, „Gender-Politik“, in Wahrheit aber über den Propheten und seine menschlichen Zweifel in Bezug auf Sexualität und Frauenbild. Trotzdem trifft sie sich mit Eli, von Afzal im Internet aufgestöbert, ein Konvertit, der es bis zum Vorstand einer Moschee „und einer Suppenküche“ gebracht hat. Und dann ist da noch die jüngere Schwester Mahwish, unglücklich mit einem Cousin (oder so) verheiratet und in ihren Lehrer Manuel verknallt.

Großartig Simonischek als verwirrter Vater, der sich seinen Propheten nicht zum Menschen kleinreden lassen will, aber – erstaunt – draufkommt, dass er seine Tochter mehr liebt als seine religiösen Überzeugungen. Wunderbar auch Aenne Schwarz als widerborstige Zarina, die ihre Meinungsfreiheit vielleicht doch wichtiger nimmt als die Liebe zu ihrem Vater. Als Eli steht Philipp Hauß nach anfänglichen Streitereien dann unverbrüchlich zu Zarina, und selbst der oft eingeschnappten Mahwish verleiht Irina Sulaver Glaubwürdigkeit, am Ende zwischen Afzal und ihrer Schwester zu vermitteln.

Ayad Akhtar war auch diesmal bei der Premiere zu Gast, wurde wieder zum Schlussapplaus auf die Bühne gebeten, den er, gerührt und bescheiden, dankbar annahm. Das Stück, mit spartanischem Bühnenbild eines riesigen Gebetsteppichs, fünf Stühlen und wenigen Requisiten von Anja Furthmann ausgestattet, wirkt, trotz der großartigen schauspielerischen Leistungen, im Wiener Rahmen dennoch ein wenig wie ein Panoptikum, nach dem Motto: „Gemma Wilde schauen!“ Das typische New Yorker Ambiente, das allen bisherigen Stücken Akhtars eigen ist, lässt sich eben nicht so leicht übertragen.

Quelle: F.A.Z.
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