Klassik-Label Harmonia Mundi

Es geht um künstlerische Ernsthaftigkeit

Von Clemens Haustein
 - 22:53

Vor zehn Jahren, als Harmonia Mundi seinen fünfzigsten Geburtstag feierte, berichtete der 2010 verstorbene Labelgründer Bernard Coutaz, es gebe für ihn keine CD-Krise, weil an den Aufnahmen von Harmonia Mundi nach wie vor großes Interesse bestehe. Gilt das unverändert?

Neuveröffentlichungen verkaufen wir immer noch zu etwa achtzig Prozent als CD, den Rest über Streaming und Downloads. Die CD ist also immer noch sehr wichtig. Allerdings: Die Verkaufszahlen haben sich in etwa halbiert. Die Produktionskosten sind aber gleich geblieben oder haben sich erhöht. Wir müssen uns also neue Gedanken machen über die Finanzierung von Aufnahmen.

Wie viele Exemplare müssen Sie denn verkaufen, um die Aufnahmekosten zu erreichen?

Bei einer Klavier-CD können viertausend Exemplare ausreichen, bei einem Projekt mit Chor und Orchester braucht es dann schon zehntausend CDs, was mit einem Künstler wie dem Dirigenten François-Xavier Roth auch zu erreichen ist. Wir arbeiten bei Ensembles aber mehr und mehr in Ko-Produktion. In Frankreich funktioniert das sehr gut, dort helfen uns Sponsoren und Stiftungen, die die Klangkörper finanziell unterstützen. In Deutschland, wo das System einer nichtstaatlichen Finanzierung weniger stark ausgeprägt ist, gestaltet sich das schwieriger.

Nur noch halb so viele CD-Hörer: Das klingt dramatisch.

Die Zahl der Zuhörer insgesamt hat sich aber nicht so stark verändert. Die neue Generation nutzt Streamingdienste wie Spotify, wo wir seit fünf Jahren aktiv sind, oder Apple Music. Sie suchen nicht nach speziellen Einspielungen, sondern einfach nach den „Vier Jahreszeiten“, egal mit welchen Solisten oder Dirigenten.

Genau das war aber seit jeher der Kundenkreis von Harmonia Mundi: Menschen, die genau wissen, was sie wollen.

Deshalb arbeiten wir daran. Wir wollen die Nutzer dazu bringen, sich mit unseren Künstlern zu beschäftigen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Wir beziehen zum Beispiel unsere Künstler selbst mit ein. Jeder von ihnen pflegt seine eigene Playlist. Oft hat es auch mit Glück zu tun, wie im Falle von Paul Lewis, dessen Aufnahme der „Mondscheinsonate“ es in die vorderen Ränge der Beethoven-Playlist bei Spotify geschafft hat und die dort in zwei Jahren 35 Millionen Mal gestreamt wurde. Wir wollen nun schauen, ob man auf solche Zufälle nicht auch hinarbeiten kann.

Vor drei Jahren wurde Harmonia Mundi vom belgischen Popmusik-Label Pias übernommen. Warum hat Harmonia Mundi, zu dessen wichtigsten Werten immer die Unabhängigkeit gehörte, der Übernahme zugestimmt?

Es ging um Wirtschaftlichkeit. Allein zweihundertfünfzig Mitarbeiter kümmerten sich weltweit um den Vertrieb. Wir hatten eine kritische Größe erreicht und waren zu groß geworden für ein Independent-Label. Unsere Struktur passte schlecht zu den neuen ökonomischen Herausforderungen, die die Veränderungen auf dem Plattenmarkt mit sich brachten. Der Buchverlag, der ebenfalls zu Harmonia Mundi gehörte, wurde vom Musiklabel getrennt und das Label verkauft. Mit Pias teilen wir uns nun zum Beispiel den Vertrieb.

Und wie steht es um die Unabhängigkeit Ihres Labels?

Pias vertraut mir in allem, was das Repertoire betrifft und die Auswahl der Künstler. Sie haben mir nie reingeredet.

Aber das Mutterlabel hat eigene Vorstellungen?

Die jedoch auch unsere sind: zum Beispiel neue, junge Künstler zu finden und zu unterstützen, so wie das Harmonia Mundi auch früher schon getan hat.

Und welche Künstler sind interessant für Sie?

Künstler, die zu unserer Linie passen. Es geht um künstlerische Ernsthaftigkeit: Projekte zu verwirklichen, weil der Künstler und wir mit ihm überzeugt sind, dass damit etwas wirklich Neues und Notwendiges an die Öffentlichkeit gelangt. Und als Zweites: möglichst den Originalklang eines Werkes zu finden. Deshalb war eine der ersten Entscheidungen nach der Umstrukturierung, mit dem französischen Originalklang-Ensemble „Les Siècles“ von François-Xavier Roth zusammenzuarbeiten. Sie spielen die Musik von Strawinsky, Ravel oder Debussy auf Instrumenten der Entstehungszeit. Das steht in logischer Kontinuität zu unserer Zusammenarbeit etwa mit dem Freiburger Barockorchester oder der Akademie für Alte Musik in Berlin.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Nach der Barockrevolution, die Harmonia Mundi tatkräftig vorangebracht hat, wird es also eine Revolution für das Repertoire des langen neunzehnten Jahrhunderts geben?

Davon gehe ich aus. Und wir wollen diese Entwicklung unterstützen, soweit es sich finanzieren lässt. Produktionen mit Orchester sind nun einmal sehr teuer. Aber wir planen bereits eine Serie mit Musik von Gustav Mahler, eingespielt vom Orchester „Les Siècles“ mit François-Xavier Roth.

Auch Musik von Richard Wagner findet sich nun in Ihrem Programm.

Wir haben den „Holländer“, den Pablo Heras-Casado in Madrid gemacht hat, auf DVD herausgebracht. Weiteres wird bestimmt kommen. Die größte Schwierigkeit ist derzeit noch, Sänger zu finden mit Wagner-Stimmen, die aber zugleich zum intimeren Ton eines Originalklang-Ensembles passen. Da ist die Tradition zurzeit noch stärker.

Ihre Präsenz in Deutschland war in den vergangenen Jahren sehr groß. Was ist der Grund dafür?

Deutschland ist seit den neunziger Jahren der wichtigste Markt für Tonträger in Europa. Es war damals wichtig, die Originalklangbewegung außerhalb Frankreichs mit ins Programm aufzunehmen, was wir etwa mit dem Freiburger Barockorchester dann auch getan haben. Das ging schließlich so weit, dass Harmonia Mundi bei seinen Neuveröffentlichungen fast mehr geprägt war von Künstlern aus Deutschland. Wir mussten zu einer Balance zurückfinden, weshalb wir in letzter Zeit wieder verstärkt französische Ensembles in unser Programm aufgenommen haben.

Wie viel Ihrer Umsätze machen Sie denn in Deutschland?

Etwa fünfzehn Prozent des weltweiten Umsatzes. Deutschland kommt damit gleich hinter Frankreich mit vierzig Prozent.

Sie gehen also davon aus, dass es die CD auch noch in den kommenden Jahren geben wird?

Ich arbeite für Harmonia Mundi seit 27 Jahren, und schon 1991 wurde behauptet, in zehn Jahren gebe es keine CDs mehr. Ich glaube, die rein digitale Form passt nicht zur klassischen Musik. Die Hörer wollen Informationen haben, ein Booklet, in dem sie lesen können wie in einem Reiseführer. Deshalb: Wie das Buch wird auch die CD bleiben, auch wenn die digitale Verbreitung zunimmt.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandSpotifyFrankreichStreamingApple