Bühne und Konzert
Corinna Harfouch spielt Phädra

Sie spricht von Liebe und meint Hass

Von Simon Strauss
© Barbara Braun/drama-berlin.de, F.A.Z.

Unter Bluthusten und Fieber, heißt es, habe Friedrich Schiller 1805 die als unübersetzbar geltende „Phädra“ von Racine ins Deutsche übertragen. Seine meisterhafte Verwandlung der Alexandrinerverse in fünffüßige Jamben war Schillers letztes vollendetes Werk. Sechsundzwanzig Tage lang arbeitete er daran – mit völlig zerstörtem Lungenflügel, aufgeblähter Milz und angegriffenen Nieren. Dann starb er.

Wer mit dem Phädra-Stoff in Berührung kommt, gefährdet sich häufig selbst: Seneca und Sarah Kane haben sich umgebracht, Racine stürzte nach der Uraufführung seiner Bearbeitung 1677 in eine Schaffenskrise und hörte erst einmal mit dem Schreiben auf, D’Annunzio musste während seiner Arbeit an dem antiken Stoff 1910 wegen hoher Schulden ins Ausland fliehen. Mit welchen Folgen Albert Ostermaier rechnen muss, dessen brachial modernisierte Phädra-Adaption gerade unter der Regie von Martin Kušej in München uraufgeführt wurde, steht noch in den Sternen: Theseus als Afghanistan-Heimkehrer und Hippolyt als Flüchtling auftreten und dabei Phädra „Arschloch“ und „Pisser“ brüllen zu lassen reicht wohl nicht aus, um in die Riege der Phädra-Gefährdeten aufgenommen zu werden.

Mit kühler Berechnung

Aber auch in Stephan Kimmigs Inszenierung von Racines „Phädra“, die am Wochenende am Deutschen Theater in Berlin Premiere hatte, spürt man wenig von Krankheit und Krise. Corinna Harfouch spielt die eigentlich liebestolle Königin, die ihren Stiefsohn ums Verrecken begehrt, nicht als Gefährdete, sondern als kühl Berechnende, in ihrer Erregung stets Gefasste. Ihr Schmerz über die erlittenen Demütigungen Theseus’, ihres in der Ferne herumhurenden Ehemannes, hat sie von innen her ausgekühlt. Ihre Augen sind voll Zorn und Verachtung gegenüber allem, was lebt und liebt. Mit schwarzer Trauerperücke steht sie am Anfang auf unebenem Grund und streckt die Hand gegen die weiße Wand. Nicht, um ihren Körper zu stützen, sondern, um zu zeigen, dass sie keinen Dolch in ihr versteckt hält. Noch nicht.

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Wie eine Hexe ohne Zauberkraft verflucht und beschwört sie ihre Umgebung. Lässt ihre Vertraute Oenone, die Kathleen Morgeneyer als aufgeregte Gouvernante mit anklagender Verzweiflung wunderbar nuancenreich gibt, vor ihr in die Knie gehen. Drückt den Unterkiefer nach vorne, so dass sich die Lippen leicht öffnen und die Zähne entblößen: Immer, wenn sie von Liebe spricht, ist es eigentlich Hass, den sie meint. Alexander Khuons brav-biederer Hippolyt lädt ja auch nicht wirklich zur leidenschaftlichen Liebe ein. Mit Spucke am Mundwinkel dreht er seinen Gesprächspartnern am liebsten den Rücken zu. Dass seine Liebe ihr Leben wäre, glaubt kein Mensch. Phädra hat ihn wohl nur gewählt, um schuldig zu werden. Und endlich einen Vorwand zu haben, sich das tödliche Gift in die Adern spritzen zu können.

Zwei Königskinder, die nicht zueinander kommen: Alexander Khuon als Hippolyt und Linn Reusse als Aricia (an der Wand). Dazwischen steht Kathleen Morgeneyer als Phädra-Einflüsterin Oenone.
© EPA, F.A.Z.

So verstandesbitter, so herzenskalt spielt Harfouch ihre Phädra, dass die Sätze schon zu gefrieren scheinen, während sie sie spricht. Man muss nicht mögen, wie sie alles Pathos aus den Schillerschen Idealsätzen herausnimmt. Nur immer im Tonfall der hochmütigen Rationalistin redet – ohne Affekt, ohne Emphase. Aber Eindruck macht ihre düstere Starrheit schon. So beherrscht, so wenig rasend hat man eine Phädra selten gesehen.

Wie zwei Königskinder

Den Gegenpol zu ihr bietet Aricia, eine junge Gefangene aus dem Feindesgeschlecht, in die sich Hippolyt verliebt hat. Während er ihr unter Tränen sein Irrsein gesteht („Ich suche mich selbst, aber finde mich nicht mehr“), springt sie von Wand zu Wand, zieht ihm die Regenjacke über den Kopf und gibt ihm schließlich einen Schulmädchenkuss. Kurz lachen und spielen die beiden miteinander, wie zwei Königskinder, die wissen, dass sie nie zueinanderkommen werden. Die phantastische Linn Reusse spielt ihre Aricia mit leicht prolligem Unterton, als eine Mischung aus Schmollmundschönheit und Hysterikerin. Jedes Wort klingt bei ihr, als würde sie lieber brüllen als sprechen. Und doch geht ein eigentümlicher Reiz von ihr aus. All die Leidenschaft, die Phädra fehlt, scheint sie aufgesogen zu haben.

Anders als Theseus, der, schon totgesagt, als präpotenter Nöler überraschend in die Heimat zurückkehrt und von der verschmähten Phädra gegen den Sohn aufgehetzt wird. Bernd Stempel gibt ihn als abgehalfterten Don Juan mit einem Ausdrucksspiel, das permanent nach einem Spiegel zu suchen scheint. Vom Zorn des Betrogenen spürt man bei ihm nichts. Im Kontrast zu ihm und seiner übersteigerten Mimik steht Mal für Mal die kühle Stille, die aus Harfouchs Augen dringt: Sie fixieren, binden, stechen und reagieren auf variantenreiche Weise auf die Worte ihres Gegenübers. In Harfouchs Augen kann man viel lesen, weil sie stillhalten, nicht rumrollen. Ihr Spiel ist gekonnt, bis ins Letzte durchdacht, aber – so könnte man eben auch einschränken – nicht wirklich durchfühlt. Dort wo andere ihr Herz tragen, trägt diese Phädra einen Stein, der nicht schlägt, sondern nur drückt. „Wenn Leben möglich ist, so will ich leben“, sagt sie lakonisch. Zu mehr Begeisterung kann sie sich nicht hinreißen. Alles andere ist ihr zu affektiert.

In ihren Augen kann man Kälte lesen: Corinna Harfouch als Phädra am Deutschen Theater in Berlin
© EPA, F.A.Z.

Auch wenn Kimmigs Inszenierung des französischen Seelendramas gegen Ende an Konzentration verliert, ein bisschen zu oft gegen Wände gesprungen wird und die Texte mit zu viel Mienenakrobatik deklamiert werden: Grundsätzlich ist das eine im besten Sinne strenge Arbeit jenes Regisseurs, der hier am Haus zuletzt schon eine sinnenkluge Inszenierung von Tennessee Williams’ „Glasmenagerie“ präsentiert hat. Gefährdet und irre vor Liebe ist trotzdem keiner an diesem Abend. Der Rationalismus, der hier alles beherrscht, birgt keinen Schrecken. Wenn Leidenschaft so planvoll wirkt, wenn Schuld so wenig Nerven kostet, dann muss man sich vor ihr nicht wirklich fürchten. Ein bisschen mehr Fieber hätte dem Abend gutgetan. Aber man muss ja auch nicht immer krank werden im Theater.

Quelle: F.A.Z.
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