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Bowie-Musical feiert Premiere

Nur für einen Tag

Von Simon Strauß
 - 11:13

Der Zeitpunkt war genau gewählt: Am Tag seiner Düsseldorfer Bowie-Premiere erschien im österreichischen „Standard“ ein offener Brief, in dem sechzig Ensemblemitglieder des Burgtheaters Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Intendanten Matthias Hartmann erhoben. Es habe unter seiner Leitung keinen „verantwortungsvollen Umgang mit Abhängigkeiten“ gegeben, so die Unterzeichner, zu denen unter anderem namhafte Schauspieler und Schauspielerinnen wie Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth und Corinna Kirchhoff gehören. Zur Last gelegt werden Hartmann keine Straftaten, sondern ein schlüpfrig-penetrantes Klima. Er habe sexistische Witze zum Besten gegeben und seine Machtstellung ausgenutzt, um Kolleginnen zu demütigen. Auch wenn der Brief darum bemüht ist, besonnen und unaufgeregt zu wirken, geschieht die detaillierte Wiedergabe von Hartmanns unappetitlichen „dirty talks“ auf Proben wohl nicht absichtslos. Nach der gerade abgeflauten Debatte um Hartmanns Rolle im Wiener Theaterfinanzskandal, scheint seine Kündigung nun rückwirkend zumindest aus moralischen Gründen gerechtfertigt. Dass es sich bei Hartmann offenbar nicht um einen sensiblen und disziplinierten Spielleiter handelt, ist betrüblich, enttäuschend, abstoßend. Allein auf weiter Flur wird er mit so einem Verhalten an den deutschsprachigen Bühnen allerdings nicht sein. Was von Proben an der alten Berliner Volksbühne berichtet wird, klingt nicht weniger abgeschmackt.

Aber wohin soll eine solche moralische Aufdeckungsreise eigentlich genau gehen? Reichen jetzt üble Geschmacklosigkeiten, um die Me-Too-Lawine ins Rollen zu bringen? Konterkariert man damit nicht das ursprüngliche wichtige Anliegen, dem es vor allem um massive sexuelle Übergriffe ging? Worüber man strukturell debattieren könnte, das ist einerseits eine Quote für Frauen in künstlerischen Führungspositionen, um die für sexuellen Missbrauch offenbar anfällige männliche Macht an Theatern einzuschränken, andererseits die Frage, ob Intendanten wirklich unbedingt auch an ihren eigenen Häusern Regie führen müssen. Mit schlüpfrigen Details aus der ungewaschenen Bühnenunterwelt kann man vielleicht kurzzeitig Aufmerksamkeit erregen, die generelle Arbeitsatmosphäre produktiv und nachhaltig verbessern wird man nur durch konkrete Forderungen nach Strukturveränderung.

So weit zu den Vorzeichen, unter denen Matthias Hartmanns Inszenierung von David Bowies Musical „Lazarus“ am vergangenen Wochenende in Düsseldorf stattfand. Zwei Monate vor seinem Tod hatte Bowie die Uraufführung seines Musicals, das er zusammen mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh konzipierte, im Dezember 2015 noch in New York miterlebt. Jetzt konnte man auf der großen Düsseldorfer Bühne am abgesperrten und aufgerissenen Gustaf-Gründgens-Platz die deutschsprachige Erstaufführung sehen. Kurz vor Aufführungsbeginn trat Hartmann vor die Zuschauer, die Finger nervös an der Hosentasche nestelnd, sprach er ein paar Begrüßungsworte, scherzte über Presslufthammergeräusche im Hintergrund während der Proben und gab die leichte Bronchitis-Erkrankung zweier Schauspieler bekannt. Eine Sekunde lang hatte man das Gefühl, er wolle sich zu den gegen ihn erhobenen Sexismus-Vorwürfen äußern, aber dann sprang er von der Bühne und machte sie frei für Bowie.

„Lazarus“ erzählt die Geschichte von Bowies erstem Kinofilm weiter: In „Der Mann, der vom Himmel fiel“, Regie Nicolas Roeg, spielte er 1976 den Außerirdischen Thomas Jerome Newton, dessen Planet verdurstet und der auf der Erde nach Wasser sucht, dabei ein erfolgreicher Unternehmer wird, sich in ein junges Mädchen verliebt und nicht mehr den Weg zurück ins Universum findet. Als isolierter Transitpassagier zwischen den Welten tritt er jetzt wieder auf, sitzt in einem Appartement mit angeschlossener Raumschiffkapsel, trinkt Gin und schaut fern. Der norwegische Performancekünstler Hans Petter Melø Dahl ist Bowie erstaunlich ähnlich, hin und wieder imitiert er dessen graziles Kopfschütteln, deutet die Schlaffheit eines Körpers an, der sich selbst zu viel ist. Seine Stimme ist dagegen eigenständig stark, die schwierigen Textzeilen klingen von ihm gesungen mitunter sogar handfester und einfacher als sie gemeint sein könnten.

Vier Songs hat Bowie extra für das Musical komponiert, „Lazarus“ ist mit Abstand der eindrucksvollste, weil er vom nahenden Tod eines Sterbenden erzählt, der noch nicht sterben kann, aber sich danach sehnt. Im Musikvideo dazu trat Bowie als letzter Siegelbewahrer der Dekadenz auf, mit verbundenem Kopf und Knöpfen auf den Augen. In Hartmanns sorglos-heiterer Inszenierung singt Dahl den Song so, als wäre doch noch eine Besserung möglich. Vom angekündigten „Requiem“ ist der Abend überhaupt weit entfernt. Stattdessen zeigt das Düsseldorfer Schauspielensemble eine unterhaltsame, manchmal sogar mitreißende Nummernrevue. Die Handlung gerät dabei weit in den Hintergrund, die platten Dialoge dienen nur dazu, die Lücken zwischen den Liedern zu füllen. Drei mit glitzernden Plateau-Pumps gestiefelte Vocal-Girls sorgen für eine anrüchig-schwülstige (oder schon sexistische?) Stimmung, in der André Kaczmarczyk als zittriger Liebesmörder mit unterschiedlichen Augenfarben seine Auftritte mit jener Mischung aus Verzweiflung und Aggression zelebriert, die die Kinowelt von Heath Ledgers „Joker“ kennt. Rosa Enskat umweht als ehebetrübte Außerirdischen-Assistentin immer wieder ein Divenhauch, und die junge Lieke Hoppe spielt und singt mit einer so spöttischen Zärtlichkeit, dass einem das Herz aufgeht.

Wirklich professionell wirkt das alles allerdings nicht, in jeder Sekunde merkt man, dass hier Theaterleute, keine Musical-Profis am Werk sind. Aber was dem Abend womöglich an Können und Ambition fehlt, wird durch die große Spiel- und Singlaune der Beteiligten und die kaltromantische Musik von Bowie wettgemacht. Dessen exzentrische Popphantasien waren ja stets auf radikale Weise mehrdeutig: „Who knows, not me / We never lost control / You’re face, to face/ With the man who sold the world.“ Ein Weltverkäufer, der nichts mehr weiß, aber alles kontrolliert, – wer kann das schon verstehen? Bowies Liedern entsprechen die Beschwörungsformeln und videoanimierten Bilderfluten dieses Düsseldorfer Musical-Abends. „Noch hat mich dieser Ort nicht gezeichnet“, sagt Newton und singt am Ende ruhig, fast zurückhaltend den berühmten „Heroes“-Song. Ein Saxophon begleitet ihn, dann hebt die Raketenkapsel endlich ab.

Beim tosenden Schlussapplaus kommt Matthias Hartmann auf die Bühne gelaufen, er tanzt schüchtern, verbeugt sich und lässt beim Abgang den Damen ostentativ den Vortritt. Ein Wiederauferstandener vor dem nächsten Fall? „Dirty Boys“ heißt eines der Lieder an diesem Abend, darin gibt es die Zeile: „You’ve got to learn to hold your tongue.“ Von Bowie lernen, heißt vielleicht nicht siegen lernen, aber überstehen ist ja manchmal schon alles.

Quelle: F.A.Z.
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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