Jazzpianist Wolfgang Dauner

Er setzt den Flügel in Flammen

Von Wolfgang Sandner
 - 14:43

In den frühen achtziger Jahren gab es eine Konzertreise des Manfred-Schoof-Orchesters durch die DDR; vom „Haus der jungen Talente“ in Ost-Berlin über Rostock und Meerane bis zur Sporthalle der Stadt Brandenburg, Straße der Aktivisten. Die Tournee gehörte zu den „zwischenstaatlich vereinbarten kulturellen Maßnahmen“, wie es damals hieß. Es war die „Gegenmaßnahme“ zur Ausstellung von Werken Karl Friedrich Schinkels, die die DDR zuvor in Hamburg ausgerichtet hatte. Jazz als kultureller Exportartikel der Bundesrepublik, das war vor allem deshalb möglich, weil sich die Musiker längst von ihren großen amerikanischen Vorbildern gelöst und einen eigenständigen Jazz geschaffen hatten.

Zu den Vorkämpfern dieses neuen, europäischen Jazz gehörten Musiker wie Manfred Schoof, Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber und eben Wolfgang Dauner. Die Organisatoren der Tour bewiesen gutes historisches Gespür, gerade diese vier als Solisten der Bigband auf Kulturmission zu schicken. Mag sein, dass Albert Mangelsdorff aus dem Quartett der Neuerer (das man um den Saxophonisten Peter Brötzmann zum Quintett ergänzen müsste) den größten internationalen Namen besaß. Der stilistisch vielseitigste, über den Tellerrand des Jazz hinausblickende, sich in allen ästhetischen Formen tummelnde Künstler ist bis heute Mangelsdorffs Freund, der Pianist und Komponist Wolfgang Dauner.

Vorkämpfer des europäischen Jazz

Mit Recht gilt Dauner als der bedeutendste deutsche, wenn nicht gar europäische Jazzpianist der letzten fünfzig Jahre. Und nur seine von eloquenter Selbstvermarktung unbelastete Konzentration auf die Kunst mag im Bewusstsein der Öffentlichkeit manchen jungen Tastendrücker als einen auch Dauner überragenden neuen Liszt des Jazz erscheinen lassen. Eine Dokumentation von Dauners musikalischen Meriten erschiene schier endlos, aber wenn man sich ein Bild von seinen Qualitäten machen möchte, dann muss man eine seiner frühen Aufnahmen hören, die er mit dem Bassisten Eberhard Weber - auch so ein bisweilen unterschätzter Gigant - und dem Schlagzeuger Fred Braceful eingespielt hat; etwa „Dream Talk“ von 1964 (CBS) oder „Output“ von 1970 (ECM). Da fühlt man sich an Bill Evans erinnert oder an andere legendäre Pianisten in Trio-Formationen wie Paul Bley oder gar Keith Jarrett, die wie Dauner Flammen aus dem Flügel zu schlagen vermögen.

Dauner, in Stuttgart geboren, war immer ein großer Stilist, der nie nötig hatte, Geschwindigkeitsrekorde zu brechen oder babylonische Klaviertürme zu errichten. Das Material seiner Improvisationen richtete sich nach den Funktionen der Stücke, Virtuosität war nie sich selbst genug. Aber die stilistische Bandbreite hat kaum ein anderer Pianist seiner Generation erreicht: vom Bebop über Free Jazz zur Fusionsmusik im von ihm mitbegründeten United Jazz & Rock Ensemble oder im Duo mit seinem Schlagzeug spielenden Sohn Florian.

Stets gab es in Dauners Karriere einen ausgeprägten Hang zu Grenzverletzungen bis hin zu künstlerischen Skurrilitäten wie einer Schallplatte, die Gerüche verströmen, sich erhitzen und beim ersten Abspielen sich selbst automatisch vernichten sollte. Es war der Gegenpol zum Interpreten von Werken Maurice Ravels oder George Gershwins und zum seriösen Komponisten von zahllosen Filmmusiken und einem stattlichen Katalog von Werken für Sinfonieorchester, Kammermusik bis zu Opern, Konzeptkunst, elektroakustischen Experimenten und Aktionen zwischen Musik, Tanz und bildender Kunst. Wolfgang Dauner feiert heute, am 30. Dezember, seinen achtzigsten Geburtstag. Im Januar wird ihm für sein Lebenswerk der Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg verliehen.

Quelle: F.A.Z.
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