Kabarettist Michael Niavarani

Wer da? Nein, antwort du erst mir!

Von Hannes Hintermeier, Wien
 - 11:01

Am Firmament des österreichischen Kulturlebens erstrahlt Michael Niavarani wie ein eigenes Sonnensystem. Gerade weil er im Ruf steht, herausfordernd zu sein. Auch wenn er sich selbst oft genug als „Unterhaltungshandwerker“ oder „Fernsehkasperl“ beschrieben hat. Es steckt eben viel Arbeit in und hinter einer solchen Karriere wie sie der vor neunundvierzig Jahren in Wien geborene Niavarani hingelegt hat. Als Theaterschauspieler, Kabarettist, Filmschauspieler, Alleinunterhalter und Conférencier sowie als Autor von bislang vier Büchern, die in seiner Heimat zu Bestsellern wurden. Kein Wunder, dass man ihn dort mit Superlativen überzieht und mit Preisen behängt.

Einen solchen echten Wiener müsste man sich sonst stricken: der Vater Iraner, die Mutter Österreicherin, alles gut bürgerlich. Der Großvater mütterlicherseits war Erster Geiger der Wiener Philharmoniker. „Ich wurde als Kind oft in die Konzerte ,geschliffen‘, habe dann immer gesagt, wenn der Opa Fleischhauer wäre, müsste ich ihm dann beim Wurstmachen zuschauen?“ Schlagfertigkeit gehört zur Grundausstattung in seinem Metier.

Niavarani sitzt in einem tiefen Fauteuil auf der Bühne seines Theaters, des Globe Wien. Weißer Vollbart, sportliches Schuhwerk, lässiges Hemd, Sakko, Zigarette, forschender Blick aus dunklen Augen. Im zweiten Sessel darf heute der Besucher sitzen, sonst ist das der Platz von Otto Schenk, der mit Niavarani witzig und lebensklug durch das Programm „Zu blöd um alt zu sein“ spazierenplaudert. Die frühere Marx-Halle im 3. Wiener Gemeindebezirk hat Niavarani vor drei Jahren mit dem Künstleragenten Georg Hoanzl eröffnet. Sie fasst tausend Zuschauer. Zwischen Ausfallstraßen und einem Telekom-Raumschiff aus Beton gelegen, war die Halle früher Teil des Schlachthofgeländes.

Als erstes Stück war dort „Die unglaubliche Tragödie von Richard III.“ zu sehen, danach „Romeo & Julia – Ohne Tod kein Happy End“. Beide Stücke waren mit jeweils rund 95 000 Besuchern ausverkauft. Das Fernsehpublikum folgte seinem Liebling ins Theater. „Es hat mich selbst verblüfft, dass es gelungen ist, so viele Menschen ins Theater zu bringen“, übt sich der Prinzipal in Bescheidenheit.

Niavarani ist ein geborener Geschichtenerzähler. Und ein sturer Hund, der nur seinem inneren Kompass folgt – was es für seine Entourage nicht immer einfach macht. „Der Nia“, wie man ihn, wenn man ihn als Zentralgestirn umrunden darf, nennt, ist Diva und Respektsperson zugleich. Freilich eine lernfähige: Als Niavarani seinen Meister fand, kapitulierte er umstandslos. Gegen Shakespeare gab es keine Gegenwehr.

Entzugserscheinungen ohne Shakespeare

Und das kam so: Er habe sich nie für Shakespeare interessiert, weil er ihn für überschätzt hielt, für Hochkultur, sagt Niavarani bei der zweiten Zigarette. „Und wenn mir wer einreden will, dass ich das lesen muss, mache ich es nicht.“ Bis er vor vier Jahren, bei einem seiner regelmäßigen Verwandtschaftsbesuche in London, Shakespeare aus dem Regal zog, „wie man im Wald beim Schwammerlsuchen hineinstolpert“. Um den Text zu bewältigen, griff er zu „No Fear Shakespeare“, links das Original, rechts eine zeitgenössische Übertragung. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem Saul ein Paul, Ankauf und Lektüre mehrerer hundert Bücher zum Thema folgten.

„Ich bekomme Entzugserscheinungen, wenn ich zwei Wochen lang nichts über Shakespeare recherchiere. Wenn ich in einer Fußnote auf eine Bemerkung Goethes über Shakespeare stoße, die widerlegt wird von Herder, der dann Schiller gesagt hat, er solle Goethe sagen, er verstehe nichts vom Theater.“ Er sei „fassungslos, wie großartig, wie spannend und gleichzeitig unterhaltend diese Stücke sind“. Shakespeare habe nicht, wie zu seiner Zeit üblich, Klischeefiguren auf die Bühne gestellt. „Er hat Richard III., dem schlimmsten aller Bösewichte, gleichzeitig seine Hässlichkeit und seine Traurigkeit darüber mitgegeben, dass er bei Frauen nicht ankommt und ihm Hunde nachbellen, weil er so scheußlich ist. Ich verstehe plötzlich diesen Mörder.“

Es ist das Aufbegehren eines Erfolgreichen

Mit dem Aufflammen dieser reifen Liebe verband sich eine Abwendung vom Fernsehkasperltum und dem Medium, das ihn berühmt machte. Angebahnt hat er diese auch in einem legendären Sketch, in dem er die Eingangsszene von „Hamlet“ in der Übersetzung des von ihm hochverehrten Frank Günther liest. Was ihn nicht hindert, dessen ungewöhnliche Verwendung der Wortstellung („Nein, antwort du erst mir!“, „Bitter kalt ist“) zum Nachweis zu nutzen, Shakespeare habe das Stück für Ausländer – „für Türken“ – geschrieben. Libidinöser Wortwitz und intelligente Beobachtungskunst sind Markenzeichen seines Kabaretts, das politischer ist, als es sich gibt. Man nehme die Nummer über die grassierende Dehydrierungspanik. Niavarani ganz in Schwarz mit Wasserflasche: „Du musst trinken, hast schon ’trunken, wie viel trinkst’n?“, frage ihn seine Frau permanent. Seine Antwort „acht Liter“ beruhige sie keineswegs. Zwanzig Liter brauche der Körper täglich, so ihr Verdikt.

Aber wo er im Fernsehen nur die Kunstfigur Michael Niavarani spielt, ist er in „Richard III.“ obendrein als Shakepeare-Figur ein Mitspieler, gleichzeitig auch Spielleiter und Kommentator. Höhenkamm trifft Komik. „Die zwei Mörder, die Richard in den Tower schickt, um seinen Bruder umzubringen, sind geschrieben wie eine klassische Karl-Farkas- oder Valentin-Karlstadt-Szene. Das sind Komiker, die reden über ihr schlechtes Gewissen, sie zögern wie in einer Kabarettnummer. Aus der Sicht dieser beiden Rüpel wollte ich das Stück erzählen“, erläutert er seine Herangehensweise. Ihm sei es nicht darum gegangen, Volkstheater zu machen oder eine neue Version von Shakespeare zu erfinden, er wolle stattdessen „Shakespeares Stücke auf das zurückführen, was sie waren: Unterhaltung für die Massen.“

Und hier kommt bei der dritten Zigarette die Hochkultur ins Spiel, die nach Auffassung Niavaranis „für eine sehr konservative und oberflächliche Welt missbraucht“ wird: „In die Staatsoper gehen viele Leute, die sich überhaupt nicht für diese Musik interessieren, das ist ein Schlafzimmer für Millionäre. Du bist aber kein besserer Mensch, nur weil du im Anzug in die Staatsoper gehst und eine Gesamtausgabe von Goethe zu Hause hast.“

Robust wie das Vorbild

Es ist das Aufbegehren eines Erfolgreichen, der seine Position nutzt und darum wirbt, bildungsbürgerliche Schallschutzwände einzureißen. „Man darf bei uns nicht sagen: Shakespeare ist langweilig. Dabei ist er unendlich langweilig, wenn man die Stücke ohne Hintergrundwissen liest. Man darf bei uns nicht sagen: Shakespeare versteht man nicht. Ich verstehe ihn jedenfalls zunächst nicht, ich muss für jedes Stück eine Woche recherchieren, muss Szene für Szene klären, was sie damals bedeutet. Vieles bleibt auch rätselhaft. „Hier in unserem Globe wäre er wahrscheinlich enttäuscht und würde sagen: Kinder, das ist zu klein.“

Robust wie sein großes Vorbild geht der Wiener Theatermann bei der Gestaltung der Stücktexte vor. Da Shakespeare selbst kaum eine Handlung erfunden hat, sich aus Vorlagen bediente, habe er sich das auch getraut: „Ich habe Heinrich VI. geplündert für meine erste Szene von ,Richard III.‘, um die Rosenkriege zu erklären. Dass ich es gemacht habe, könnte er mir also nicht vorwerfen, höchstens wie.“ Das elisabethanische Zeitalter fasziniere ihn, weil es am Anfang jener globalisierten Welt steht, in der wir jetzt leben. „Wenn Shakespeare über die London Bridge ging, waren die Köpfe der Hingerichteten dort ausgestellt. Wir halten ,Titus Andronicus‘ heute für eine Splatter-Geschichte, aber sie wurde damals nicht als so grausam empfunden.“

So wird Niavarani durch Anverwandlung beinahe zum Zeitgenossen, der Shakespeare vor seinem geistigen Auge mit John Fletcher und Ben Johnson in der Taverne über Theater streiten sieht. Er sei eben kein Wissenschaftler, sondern Handwerker. Es gebe aber wenig Menschen, die mit ihm gern über das Theaterhandwerk redeten, stattdessen wollten alle stets über Inspiration, Interpretation und Poesie reden. Das Theater hat sich nach seinem Dafürhalten in den letzten Jahrzehnten vom Publikum wegbewegt. „Ich bekomme einen Zorn, wenn ein Regisseur sagt, er möchte eine Textfläche bearbeiten. Ich habe gern Geschichten von echten Menschen für echte Menschen. Das wird bald wieder modern werden.“

„Ein Trottel kommt selten allein“

Auch wenn Niavarani bei der vierten Zigarette sagt, der Live-Auftritt vor Publikum sei das, was er am besten könne, hat er mit seinem Ende Juni erschienen Buch „Ein Trottel kommt selten allein“ schon wieder einen Verkaufserfolg gelandet. Mehr als vierzigtausend Stück sind verkauft, der Vorgänger „Der frühe Wurm hat einen Vogel“ (2011) schaffte das Doppelte. Das Buch ist ein postmoderner Durchgang durch die Literatur- und Kunstgeschichte anhand von Mythen und Anekdoten, im Zentrum tragische Narren und Hochstapler. Es geht viel um die Frage, was Komik sei und wie sie funktioniere. Gerahmt werden die Erzählungen von einer Begegnung am Neusiedlersee, bei der ein dem Autor ähnlicher Erzähler mit einem intellektuellen Friseur eine schlaflose Nacht mit Geschichtenerzählen bis zum Morgengrauen verbringt.

Die Lektüre dürfte für Teile von Niavaranis Publikum eine ungewohnte Kraftanstrengung bedeuten. Obendrein hat der Verfasser die Unsitte, permanent möglichen Einwänden vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen und sich selbst sicherheitshalber zu widerlegen. Verbirgt sich dahinter die Verunsicherung eines Mannes, der immer wieder darauf zurückkommt, kein Abitur gemacht zu haben? Es stimme schon, am Theater brauche man keine Matura, sagt Niavarani, trotzdem habe er manchmal das Gefühl, „vielleicht doch minderwertig“ zu sein, „weil ich diese Prüfung nicht gemacht habe. Irgendwas hat man mir da offenbar eingeimpft.“

Auf der Trennung von Person und Rolle beharrt er, während er sich die fünfte Zigarette anzündet. Zumal er im Buch gar nicht so auftrete wie als Bühnenfigur, die sich als unwissender Komiker präsentiere, Motto: „Ich kenne mich überhaupt nicht aus.“ Obwohl fast nichts Persönliches vorkomme, sei „Ein Trottel kommt selten allein“ das bislang autobiographischste Buch geworden. Viel mehr als „Vater Morgana“, sein persischer Familienroman aus dem Jahr 2009. „Ich bin leider so. Alles, was ich weiß, steht in diesem Buch. Wenn man wissen möchte, wie ich bin, muss man dieses Buch lesen. Sollte ich jemals meine Autobiographie schreiben, wird sie nicht so authentisch ausfallen.“

Wie jeder anständige Komiker ist Niavarani ein mit sich und der Weltlage hadernder Melancholiker, dessen Spielfreude ihn davor bewahrt, nur schwarz zu sehen. Dass einer wie er, der in der Straßenbahn oder im Restaurant sofort erkannt wird, eine gewisse Distanz zu Menschen hält, leuchtet ein. Der Rest ist schwärzestes Wien und dessen Faszination mit dem Tod. „Ich halte die Menschheit für eine Krankheit des Planeten, wenn ich höre, dass jetzt im Trinkwasser schon Plastikfäden drin sind. Zu Recht wird sie irgendwann aussterben. Und dann höre ich eine Symphonie und denke mir, großartig. Wir sind eine schreckliche Spezies, aber die einzige, die eine Oper wie die ,Zauberflöte‘ komponieren kann.“

Im Buch setzt Niavarani den politischen Kabarettisten gelegentlich auf die Austragsbank und doziert präsidial über Menschenrechte und Demokratie. Damit kein Leser die FPÖ wähle, was einige am 15. Oktober aber doch tun werden. Im Gespräch vertieft er diese Thesen, indem er etwa die katholische Kirche als liberale Zukunftshoffnung apostrophiert – nicht gerade das, womit Vertreter seiner Zunft üblicherweise bei ihrem Publikum punkten.

Ein Kanzlerkandidat, der das Falsche predigt

Heute begehe der „Islamische Staat“ ähnliche Greueltaten wie die katholische Kirche in früheren Jahrhunderten, aber sie habe es geschafft, „einen Papst hervorzubringen, der in einem Asylheim mit Muslimen spricht und sagt, es ist Christenpflicht, zu helfen. Ein humanistischer, historischer Fortschritt, der noch gar nicht allen wirklich klar ist.“ Franziskus gebe ihm „das Gefühl berechtigter Hoffnung: Es wird der Tag kommen, wo das mit dem Islam passiert, weil es uns allen letztendlich besser geht, wenn wir helfen und teilen“.

Politik spielt also immer mit, wenn es auf die Bühne geht. Als er anfing, sich in Shakespeares Richard III. zu vergraben, ahnte Niavarani nicht, wie aktuell das Stück werden würde und „dass es einen Donald Trump – oder wie bei uns: einen Herrn Kurz – mit dem absoluten Willen zur Macht geben würde. Aber Kurz ist eher Richard III. für Arme.“ Womit Niavarani von den Gloucesters und Yorks dann doch bei ÖVP, SPÖ und FPÖ landet, die derzeit mit härteren Bandagen als in Deutschland üblich Wahlkampf führen.

Er hat Sympathie für den sozialdemokratischen Kanzler Kern und findet es „schade, dass wir jetzt im Wahlkampf einen einunddreißigjährigen Außenminister und Kanzlerkandidaten haben, der genau das Falsche predigt“. Der „Kurz-Show“ misstraut er. Sollte Kurz Kanzler werden, wonach es derzeit aussieht, „wird er bald Probleme mit der eigenen Partei bekommen. Außer er hat sie dann tatsächlich so weit, dass sie ihm alles erlauben, was er will. Dann ist er vielleicht wirklich der Messias.“

Nächstes Jahr wird Niavarani fünfzig, was er als Nächstes inszenieren wird, weiß er nicht, oder er verrät es jedenfalls nicht. Der Nervenkitzel liegt für einen Perfektionisten wie ihn immer im Neuen. Sobald eine Inszenierung sitzt, fängt sie an, ihn zu langweilen. Aber da gibt es schließlich noch ein Projekt, ebenso ambitioniert wie überflüssig, ebenso herausfordernd wie über Autorenwitz gehend. „Ich würde schon noch gern ein Buch über Shakespeare schreiben. Vielleicht mache ich das.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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