Zürcher Kleist-Inszenierung

Das MeToo-Evchen und der alte Adam

Von Martin Halter, Zürich
 - 12:16
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„Der zerbrochne Krug“, vor zweihundert Jahren in Goethes Inszenierung ein Flop, ist heute Kleists erfolgreichstes Stück, die meistgespielte deutsche Komödie und gerade jetzt auch: ein hochaktuelles Drama um Männermacht und sexuellen Missbrauch auf dem platten Land. Dorfrichter Adam ist kein Harvey Weinstein, nur ein armes Würstchen. Man hat Respekt, wenn nicht Mitleid, wenn er gegen jedes Gewohnheitsrecht Gerichtstag über sich selbst hält und sich dabei um Kopf und Kragen redet. Oder wenigstens um Perücke, Robe und Amtsbonus. Aber Mann ist Mann, und der alte Adam hat ein langes Sündenregister: sexuelle Gewalt in Tateinheit mit Meineid, Bestechung, Bestechlichkeit, Amtsmissbrauch und Rechtsbeugung. Eve ist in Zürich keine Unschuld vom Lande, kein bloßes Opfer, sondern eine empörte junge Frau, die ihre Geschichte heute unter Hashtags wie MeToo oder Aufschrei posten würde. Sie hat lange geschwiegen und rückt nur spät mit der ganzen Wahrheit heraus: Ein Richter ist zwischen Huisum und Holla immer noch eine Macht; ihre Mutter ist eine Keifzange, ihr Verlobter nicht gerade ein Traumbräutigam. Aber was zu viel ist, ist zu viel.

Aber wie spielt man Evchens „Lass Er mich!“ und „Pfui, schäm Er sich!“ heute, ohne peinlich oder anbiedernd zu werden? 2006, bei Jan Bosses „Krug“ am Zürcher Schauspielhaus, sprang Edgar Selge schon im Theaterfoyer nackt, wie Gott Adam schuf, auf die Garderobentheke und erklärte aller Welt die Herkunft seiner verräterischen Schrammen. Der Richter war mit seinem Juristenlatein am Ende, bevor das Stück begonnen hatte, aber er verlor nie seinen Humor und seinen dreisten Narzissmus. Selge humpelte und humpelte schwerenöterisch herum und heischte durch verschwörerisches Augenzwinkern Beifall beim Publikum. Eve, die Provinztussi, trug noch den Petticoat vom letzten Tanz, Ruprecht war ein halbstarker Dorfrocker im Glitzerjackett. Jean-Pierre Cornus Revisor trug seinen moralischen Zeigefinger in Gips, und Marthe Rull war eine verzweifelte Hausfrau mit Handtäschchen, die mit länglichen Powerpoint-Präsentationen die kunsthistorische und juristische Bedeutung des zerbrochenen Krugs referierte: „Schließlich geht’s hier um unsere Kultur.“ Bosses „Zerbrochner Krug“ war ein lässig-übergriffiger Dorfschwank, eine One-Man-Show mit ländlichem Klamauk und städtischer Selbstironie.

In Barbara Freys Inszenierung am Schauspielhaus Zürich geht es auch um eine Kultur, die zum Brunnen geht, bis sie bricht. Aber die Sache ist doch ein wenig düsterer und ernster als damals. Die Vertrauenskrise ist universell geworden: Sie tangiert das Verhältnis von Mann und Frau, Kindern und Eltern, Volk und Machteliten, Sprache und Sein. Über sexuelle Gewalt im Mädchenzimmer, über vertuschte Vergewaltigungen und Dinge, so schändlich, dass „es kein Mädchenmund wagt auszusprechen“, kann man heute nicht mehr so einfach zur komischen Tagesordnung übergehen. Muriel Gerstners Bühne ist daher ein klassizistisches Karussell, ein Wetterhäuschen mit vielen Fächern und Kammern, das beim Drehen immer neue Räume, Figurenkonstellationen und Handlungsoptionen offenbart. Auf dem Dach prangt eines jener absurden Ordnungskriterien, mit denen Jorge Luis Borges zufolge eine alte chinesische Enzyklopädie die Tierwelt klassifizierte: „m) die den Wasserkrug zerbrochen haben“. Das Chaos im Universum lässt sich nur willkürlich oder mutmaßlich ordnen, Vernunft und Logik sind eher hinderlich.

Das Licht der Aufklärung ist in Zürich jedenfalls eine trübe flackernde Funzel, die nicht einmal die Bühne erhellen kann. Schreiber Licht wartet seelenruhig auf die Selbstentlarvung seines Chefs. Amtsrat Walter bohrt und ätzt unerbittlich, aber je länger die Verhandlung dauert, desto mehr lässt der Revisor, sediert von Niersteiner, juristischem Hickhack und Adams erratischer Prozessführung, den Dingen ihren Lauf. Markus Scheumann gibt den Adam als jovialen, kreativen Performer und schneidigen Paragraphenreiter. Frau Brigitte, die den Teufel gesehen haben will, ist Graham F. Valentine, Marthalers Stimmkünstler, dafür ist Knecht Ruprecht eine Frau, PolleschIkone Inga Busch. Identitätsverrückungen gehören zu Kleist, aber, ach, der Geschlechterwechsel leuchtet wieder wenig ein.

Ein maßvoll komischer Abend

Gegen Chuzpe und Männerbündelei kann sich nicht einmal die resolute Frau Rull durchsetzen, geschweige denn ein Engel mit Flammenschwert. Am Anfang des Abends stellt Adam seine Nacktheit schamlos zur Schau, am Ende, nach der Vertreibung aus dem Paradies, schämt er sich zwar seiner Blöße, macht aber keine Anstalten, sie zu bedecken.

Der korrupte Richter wird nicht in den Ruhestand oder gar von höheren Instanzen strafversetzt. Licht wird nicht sein Nachfolger, Eve, die „liederliche Metze“, nicht glanzvoll rehabilitiert. Die Männer werden weiter als Elefanten durch den Porzellanladen trampeln und ihre Opfer die Scherben zusammenkehren lassen. Der zerbrochene Krug wird nie wieder heil, der Rückweg ins Paradies ist versperrt. Im letzten Bild dieses konzentrierten, leisen, nur maßvoll komischen Abends liegen alle einsam, nackt und verkrümmt im Halbdunkel ihrer Kammern: Jeder für sich hat den Hals im Eisen, alle zusammen sind aufs Rad des Schicksals geflochten.

Quelle: F.A.Z.
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