Deutsches Theater Berlin

Da braut sich was zusammen

Von Simon Strauss
 - 21:04

In der Berliner Kantstraße, der rüpeligen kleinen Schwester des Kurfürstendamms, gab es vierzig Jahre lang ein Café: das Kant-Café. Auf abgewetzten Lederbänken, an wackeligen Holztischen konnte man hier für fünf Euro ausführlich frühstücken oder einen Erbseneintopf für 2,80 Euro bekommen. Das Lokal war immer gut besucht, Rentner lasen Zeitungen, Studenten lernten gemeinsam, Sozialempfänger verabredeten sich zu mutmachenden Gesprächen. Anfang des Jahres wurde dem Betreiber gekündigt. Inzwischen hat ein vietnamesischer Gastronom die Räume übernommen und hier sein zehntes Berliner Restaurant eröffnet: „Funky Fish“ heißt es und serviert spanische Fischgerichte mit einem japanischen Twist. Eine bekannte Designerin hat den Raum neu ausgestattet: freigelegte Kassettendecke, darunter ein Labyrinth aus blauen und roten Neonröhren, rechteckige Regalelemente aus eloxiertem Metall. Man sitzt auf ausklappbaren Holzschemeln an Hochtischen und isst Gambas à Portuguesa für 29 Euro.

Das ist kein Ort mehr für Durchschnittsbürger, sondern eine stylishe Location für die Selfie-Selfmades. Die früher niedrige Schwelle ist hochgelegt worden, hier geht man nicht einfach so hin, hier muss man wer sein, um reinzupassen ins Design. Was der Hartzler wohl fühlt, wenn er heute an seinem alten Stammlokal vorbeigeht? Wen der Rentner, der hier seit vierzig Jahren saß, jetzt wohl wählt?

In Berlin wird der Platz knapp. Überall werden Alteingesessene rausgeschmissen und Kiezlandschaften künstlich verwandelt. Das in einem ehemaligen Kaufhaus am Kreuzberger Oranienplatz eröffnete neue Luxushotel „Orania Berlin“ ist zum Symbol dessen geworden, was unter dem Stichwort Gentrifizierung nur verharmlosend angedeutet wird. Vor ein paar Wochen haben Linksautonome dem weltoffen-liberalen Hotelier mit Baseballschlägern die Fenster eingeschlagen. Drinnen in teuren Suiten lobt man mit dem Champagnercocktail in der Hand die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, draußen stehen Plattenbewohner aus Marzahn und wollen auch mitreden. Es geht um Wohnraum und vor allem um Lebensatmosphäre. Welches Gefühl soll in der Stadt vorherrschen: coole Weltoffenheit oder niederschwellige Lokalverbundenheit?

Kein Platz mehr für den Schuster

In der Neuinszenierung des „Hauptmanns von Köpenick“ am Deutschen Theater, 86 Jahre nachdem Carl Zuckmayers Urberliner Märchenstück über einen Ex-Häftling ohne Papiere, der sich in eine Uniform wirft, um sich am Unrecht der Welt zu rächen, hier uraufgeführt wurde, sind die Sympathien eindeutig. Milan Peschel spielt den von Amt zu Amt gehetzten, von allen gedemütigten Außenseiter vor, zwischen und in fahrbaren Hochkulissen, auf die Stéphane Laimé Fotografien von Emblemen des Berliner Wohlstands gedruckt hat: die Spiegelfassade des Bahntower am Potsdamer Platz, eine Gründerzeitfassade Unter den Linden, Gucci-Werbeplakate. Keinen Platz gibt es in der Heimatstadt mehr für den ehemaligen Schuster Voigt, der gerade aus der Strafanstalt Plötzensee entlassen worden ist und jetzt wie „eine Leiche auf Urlaub“ durch die Straßen geistert. Ein Heimatloser, der seine Eckkneipe nicht mehr findet, dem kein Anhaltspunkt geblieben ist. Alles wird inzwischen videoüberwacht, das Recht steht über allem, auch über dem Menschen. Erst recht, wenn er keine Papiere hat.

Zwischen die im Altberliner Dialekt gesprochenen Dialoge lässt Regisseur Jan Bosse Monologfragmente von Armin Petras einfließen: Martin Otting schildert auf schlicht-schneidende Weise den Alltag eines Flaschenpfandsammlers, der die verschiedenen Taktiken des „Mülleimerhineinschauens“ erklärt. Und aus der wunderbaren Steffi Kühnert bricht an einer Stelle eine herzbewegende Rentnerinnen-Suada heraus: 35 Jahre wohnt sie schon als Alt-Prenzlbergerin in Berlin, jetzt soll sie raus aus ihrer Wohnung. Dauernd stehe jemand in ihrem Badezimmer und spreche von Sanierung und goldverchromten Mischbatterien. Dabei hat sie hier doch so lange glücklich gelebt – ganz ohne Gold. „Die neuen Menschen gucken durch dich hindurch“, sagt sie traurig, „sie sind ja auch immer so groß.“

Während die Inszenierung eher ambitionslos, der Abend – trotz eines authentisch heruntergekommenen Milan Peschel mit Lederjacke und Hosenträger – eher langatmig ist, überträgt sich doch etwas vom Gefühl der Bedrohung, die eine Stadt ausstrahlt, wenn sie die Gesetzesvorlagen und Kapitalerlöse wichtiger nimmt als die Menschen. Man bekommt eine Ahnung davon, was es bedeutet, sich „als Fußmatte“ zu fühlen, über die alle hinwegtrampeln. Was damals das Polizeirevier war, ist heute das Jobcenter, die Mechanismen der Distinktion durch Wohnraum, Kleidung, Nahrungsmittel sind so brutal wie eh und je, und der Blick in die Zukunft ist für den Deklassierten gleich düster geblieben: „Man möchte kotzen, wenn die Sonne aufgeht.“ Was bleibt, bleiben muss, ist die Hoffnung darauf, dass eines Tages die Mächtigen mit den Ausgestoßenen die Rollen tauschen. Der Hauptmann von Köpenick – er hat einiges zu tun mit dem Rentner vor dem Kant-Café.

Um ein ganz ähnliches Milieu geht es tags darauf bei der Uraufführung eines Textes von Ferdinand Schmalz in der Box des Deutschen Theaters: „schlammland. gewalt“ ist ein monologischer Text, mit dem der diesjährige Bachmann-Preisträger sich 2013 zum ersten Mal in der Prosa versuchte. Erzählt wird in der Schmalz-typischen Mischung aus Bierzeltheimeligkeit und Schauermärchen von einem langsam eskalierenden Dorffest, auf dem Hähnchen brutzeln, die „Kapelle stummt“ und einer Frau ein Braten ins Maul gestopft wird, bis der „Hendlsaft“ sich ununterscheidbar mit Blut mischt und ihr in die Nasenlöcher läuft. Die Atmosphäre ist stickig, Eiscrememarkenschirme, Zigarettenrauch, Janker-Breitbeinigkeit. Feindbild ist der studierte Stadtmensch, dagegen lebt das Landleben in all seiner rohen Gewalttätigkeit hoch. In einem Kühlwagen fallen zwei betrunkene Fleischberge wild übereinander her, während draußen eine Schlammlawine heranrollt und das Dorf samt seiner sabbernden Festgesellschaft unter sich begräbt. Alles wird in einer Sodom-und-Gomorra-haften Sühneaktion vernichtet, nur die beiden verdutzten Lustmolche findet man später unversehrt in ihrem Wagen.

Schmalz’ von Ferne an Kleists „Erdbeben von Chili“ angelehnte Kurzgeschichte verbindet eine geschickte Eskalationsdramaturgie mit der sprachlich lustvoll ausgestalteten Beschreibung von eruptiv hervorbrechender physischer Gewalt. In der bescheidenen Inszenierung von Josua Rösing sprechen zwei Froschmänner (Thorsten Hierse und Caner Sunar) und eine Froschfrau (Olga Wäscher) abwechselnd den Text, während sie sich unter Zellophanpapier in eine Art Grabkammer zwängen und immer wieder von Schlagzeugtuschs unterbrochen werden. Die Sprache, in der sie reden, klingt manieriert und unmodern. Aber die Geschichte, um die es geht, erzählt vom Hier und Heute: vom Überlebenskampf des naturnahen, dreckigen, mitunter eskalierenden Landlebens gegen die vorbildlich transparente, stets moralordentliche Stadtgesellschaft.

Zwei Schauspielpremieren im jahresendzeitlichen Berlin. Zwei Milieustudien. Große Theaterabende sind das nicht. Aber man denkt einmal mehr, dass sich die Moralkämpfe unserer Zeit nicht allein in Debatten um Geschlechterverhältnisse und Netzausbau erschöpfen dürfen. Dass es auch um psychosoziale Bindungsmittel gehen muss – um bezahlbare Wohnungen, Lebensatmosphäre, also um das Kant-Café.

Quelle: F.A.Z.
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