Till Brönner auf Tour

Jazz, Funk und ein Körnchen Schubidubidu

Von Wolfgang Sandner
 - 16:04

Ja, da muss man doch einfach mit der Zunge schnalzen. Schon zu Beginn. Erst ertönt ein undefinierbarer Urknall aus allem möglichen elektronischen Equipment der Begleitband. Dann löst sich das Klangchaos in lässig swingende Melismen des Trompeters auf. Das hat Stil. Nicht wie beim Zirkus mit Trommelwirbel und Tusch vor der Attraktion der Show. Schon eher wie beim Eingangschor von Haydns Schöpfung: „Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor.“

Till Brönner, dieser smarte Jazzmusiker, ist auch als Showman und Entertainer ein Profi mit erlesenem Geschmack. Da sitzt jeder geringfügige Blick, mit dem die Einsätze gegeben werden, und jeder kleinste Fingerzeig, der den Applaus auf jene Mitspieler lenkt, die gerade ein Solo beenden. Was seine eigenen Stegreifeinlagen auf Trompete, Flügelhorn und – eher zurückhaltend – mit den Stimmbändern betrifft, scheint ohnehin alles eine Kunst für sich und über jeden Avantgarde-Zweifel erhaben zu sein.

„The Good Life“ nennt sich die Tour, die ihn jetzt durch Deutschland und dabei sehr früh schon in die Alte Oper Frankfurt gebracht hat, in ein randvolles Haus versteht sich, denn Till Brönner ist zurzeit wohl der einzige Jazzmusiker Deutschlands, der eine Halle mit nahezu zweitausendfünfhundert Plätzen füllen kann. Die Gründe dafür muss man nicht mystifizieren. Seine Fernsehpräsenz in Casting Shows, instinktsichere Plattenproduktionen für Stars wie Hildegard Knef, Liaisons mit populären Künstlern von den No Angels bis zu Carla Bruni oder Nana Mouskouri, Crossover-Projekte mit klassischen Sängern vom Rang eines Thomas Quasthoff, attraktive Filmmusiken und nicht zuletzt ein Marketingkonzept bis hin zum Dresscode haben ihm ein breiteres Publikum beschert, als es Jazzmusiker im geschlossenen Untertagebau der Hardcore-Szene je erreichen könnten.

Mit Blick auf Karrieren wie jene von Paul Kuhn, Hans alias James Last, Horst Jankowski oder Caterina Valente lautet die Frage freilich auch, ob ein Till Brönner musikalisch ebenfalls um ein Bier bettelt, damit er ökonomisch gut dasteht.

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Wird er sich demnächst ein Pseudonym und einen Plastik-Klang zulegen? Hat er gar schon die swingenden Taktschwerpunkte auf zwei und vier den marschierenden Akzenten auf eins und drei in seinen Songs geopfert? Die gute Nachricht lautet: Till Brönner ist ein außerordentlicher, origineller, wer es pathetisch mag: ein genialer Jazzimprovisator und absoluter Beherrscher seines Instruments geblieben. Was hat dieser Mann mit seiner sicheren Instrumentaltechnik alles zu bieten! Wie viel musikalischer Esprit kann jederzeit aus kleinsten Neben- und Zwischennoten sprühen. Was für ein Timing, wie viel atmosphärische Dichte steckt in allen Tönen, die er produziert, indem er die Ventile seines Instruments ganz, halb oder in was auch immer für einem Winkel niederdrückt.

Till Brönner ist ein Gigant auf seinem Instrument, dem Giganten Wynton Marsalis jenseits des Atlantiks wohl kaum unterlegen.

Und gerade deshalb regt sich – zumindest bei der aktuellen Tournee – auch ein leises Bedauern darüber, dass man für dieses musikalische Potential keinen kreativeren Rahmen finden wollte. Über Allerweltsarrangements im immer gleichen Thema-Chorus-Thema-Format und den beständig und stereotyp als Showeinlagen präsentierten Acht-auf-acht-Takt-Soli mit dem Saxophonisten Magnus Lindgren ist er doch ästhetisch längst hinaus. Auch über ausgemergelte Funk-Rhythmen oder Improvisationen, die zwangsläufig in zirzensischen Trillerkombinationen kulminieren und ihren Höhepunkt in stratosphärischen Registern finden. Till Brönner verpackt seine Kunst in Kartons, die dem Inhalt nicht entsprechen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Magnus Lindgren ist schon ein versierter Tenorsaxophonist und Flötist, ein wieselflinker Jazzdenker, der die Herausforderungen im Achttaktwechsel mit Till Brönner sicher besteht. Jasper Soffers am Flügel weiß, wie man viermal zweiunddreißig Takte mit musikalischem Leben füllt, der Gitarrist Bruno Müller, warum es für sein Instrument so viele nützliche Effektpedale gibt. Und manche dieser Songs aus dem Potpourri von der Produktion „The Good Life“ bis zu der mittlerweile auch schon wieder fünfzehn Jahre alten Session „Blue Eyed Soul“ lassen Körper und Seele des Jazz erkennen, vor allem dann, wenn Till Brönner selbst zum Instrument greift.

Eigentlich sehnt man sich in solchen Momenten nach einem reinen Duo mit dem kongenialen Dieter Ilg am Bass. Da würde Jazz zur hohen Kunst und der drohende Party-Sound verschwände hinterm Horizont.

Quelle: F.A.Z.
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