Ein Jahr Elbphilharmonie

Klassik light

Von Jürgen Kesting
 - 12:57
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Ein nasskalter Wind zieht an diesem Dezembermorgen über die für rund zwölf Millionen Euro gebaute Mahatma-Gandhi-Brücke, die vom Sandtorkai zum Platz der Deutschen Einheit führt – zur Elbphilharmonie. Vor den Drehkreuzen am Eingang hat sich wieder eine lange Schlange von Besuchern gebildet, ganz so wie an allen Tagen des vergangenen Jahres. Sie sind gekommen, um von der Plaza, der Aussichtsplattform, zum Ticket-Preis von zwei Euro einen Blick auf den Hafen der Stadt zu werfen. An die fünf Millionen waren es bis Mitte Dezember. „Ein Teil von ihnen wohnte sogar einem Konzert bei“, vermeldete – ahnungslos oder staunend? – eine Tageszeitung. Es waren, immerhin, rund sechshunderttausend Konzertbesucher. Alle Konzerte waren „eine halbe Stunde nach Öffnung der Konzertkassen ausverkauft, ob für Konzerte mit internationalen Stars oder für kaum bekannte Ensembles“, sagt Hans-Werner Funke, Seniorchef der Konzert-Direktion Goette, „das habe ich in fünfzig Jahren als Konzert-Impresario noch nicht erlebt.“

So wie die ökonomischen Sollwerte im ersten Jahr erfüllt wurden, ist die auf einem alten Backstein-Speicher errichtete, silbrig leuchtende Fassade der Elbphilharmonie, wie von der Politik versprochen, zu einem „Wahrzeichen“ der Stadt geworden oder, wie Ole von Beust unnachahmlich sagte, „ein Merkmal, wo ein Raunen der Bewunderung durch die Betrachter geht“. Als Briefmarke reist das Bild des Hauses in alle Welt, und aus aller Welt treffen zur Freude von „Hamburg Stadtmarketing“ die Anfragen nach einem kultouristischen Hamburg-Event ein. Die Elogen auf den „oceanliner of architectural virtuosity“ („The Guardian“) füllen inzwischen eine fünf Zentimeter dicke Dokumentensammlung. Aber so vage wie in der Politik wird über die „Inhalte“ gesprochen, darüber also, ob und wie die Elbphilharmonie zu einem „Juwel der Kulturnation“ (Joachim Gauck) werden kann. Hat Hamburg, wie anfangs von Vertretern des Senats versprochen, „den klanglich besten Konzertsaal der Welt“ bekommen, was übrigens der Mann, der dieses Wunder wirken sollte, der Akustiker Yasuhisa, nie zu versprechen gewagt hat? Und ist der 2100 Menschen fassende Saal zu einer „würdigen Stätte für die Ausübung und den Genuss edler und ernster Musik“ geworden?

Masse durch Masse

Pardon, die Frage ist ein Zitat und zielt nach dem Unwiederbringlichen. Sie greift den hehren Wunsch des Reeders Carl Laeisz auf, der vor gut einem Jahrhundert der Stadt testamentarisch 1,2 Millionen Mark für den Bau eines Konzertsaals vermachte, der nun als zweite Spielstätte dient. Diese aus den Zeiten der Kunstreligion und des Großbürgertums stammenden Vorstellungen sind, darin stimmen Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und der für die Elbphilharmonie verantwortliche Intendant Christoph Lieben-Seutter überein, in der „modernen Stadtgesellschaft“ mit einem heterogenen Publikum nicht zu verwirklichen. Als habe er die Ideen des Stadthistorikers Lewis Mumford verinnerlicht, definiert Senator Brosda den Sinn und das Ziel: „Ein erstklassiger Konzertsaal, ein Wahrzeichen für Hamburg und eine Attraktion für alle, ob sie nur auf die Plaza steigen oder in den Konzertsaal gehen wollen.“ Das ist, nachdem die schmähliche Baugeschichte, die absurden Kostensteigerungen vergessen oder verdrängt wurden, das kulturpolitische Narrativ.

Elbphilharmonie
Chanel-Modenschau erobert Hamburg
© AP, Deutsche Welle

Was aber die Frage nach den „Inhalten“ angeht, so war die Planung des ersten Jahres nach der Maxime des Theaterdirektors aus Goethes „Faust“ ausgerichtet. „Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Wenn es eine Programmatik gab, so war es die der krassen, auch modischen Kontraste. Auf das Gastspiel des Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti folgte ein Abend mit dem amerikanischen Jazz-Pianisten Brad Meldau, auf die bruitistischen Attacken der „Einstürzenden Neubauten“ eine Aufführung von Haydns „Schöpfung“, auf Rossinis „La Cenerentola“ mit Cecilia Bartoli ein Jazz-Abend mit Michael Wollny; auf ein Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters mit Musik von Mahler ein Abend mit dem italienischen Liedermacher Paolo Conte.

Man fand sich ein zu einer „langen Nacht der Kammermusik“ oder einer „langen Nacht der Orgel“; wurde selber als Laienmusiker in einem Publikumsorchester aktiv oder mischte sich unter einen „Symphonic Mob“; erlebte den Schauspieler John Malkovich bei einer Diktatoren-Phantasmagorie unter dem Titel „Just call me god“; hörte Richard Wagners „Rheingold“ oder Arnold Schönbergs Oper „Moses und Aron“ und auch Musik von anderen „Monolithen“ des zwanzigsten Jahrhunderts. Erwähnt sei auch der Tiefpunkt der Saison: die Verleihung des „Echo Klassik“ mit allerlei PR-Tand, und auch nicht zu vergessen, dass das Konzert zum G-20-Gipfel bewies, dass Beethovens Neunte keine Ode an die Freude wurde.

Aber so sieht er nun einmal aus, der Spielplan des Kulturbetriebs. Ihm vorzuhalten, dass „sein Wesen die Industrie, sein moralischer Zweck der Gelderwerb, sein ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten“ (Richard Wagner) sei, ist müßig. Denn diese gigantische Kulturmaschine mit ihren Spielorten – dem großen und dem kleinen Saal, dem Kai-Speicher und der Laeisz-Halle – arbeitet, ganz zeitgemäß, im Geist der Public-private-Partnership, sowohl für die Hamburg Musik gGmbH (die mit sechs Millionen Euro geförderte gemeinnützige Elbphilharmonie und Laeiszhalle Betriebsgesellschaft) als auch für private Agenturen wie die Konzertdirektionen Jahnke oder Goette, die seit Jahrzehnten in der Reihe ProArte „Klassik für Hamburg“ anbietet.

Klassik light, zum Kennenlernen

Deren Geschäftsführer, Pascal Funke und Burkhard Glashoff, betonen, das Hamburger Musikleben habe durch die Elbphilharmonie starke, ja unerwartete Impulse bekommen. Selbst die Besucherzahlen der Laeiszhalle seien gestiegen. Das ist wirtschaftlich wie politisch – wer sähe da noch einen Unterschied? – ein Fortschritt. Auch Lieben-Seutter betont, dass „viele Künstler und Orchester begierig sind, den neuen Saal zu erproben – und auch sich selber“. Dass auch der Kampf um ein neues Publikum aufgenommen wurde, zeigen die von der Hamburg Musik gGmbH initiierten kurzen, meist nur einstündigen „Konzerte für Hamburg“ mit hervorragenden Solisten zu Ticket-Preisen, die es für Fußball beim HSV nicht gibt. Klassik light, zum Kennenlernen. Zudem hat Lieben-Seutter ein Dutzend Musikpädagogen in seinem Team, die unter der Woche Schulklassen durch die philharmonischen Welten führen: „Vermittlung ist alles im heutigen Musik- und Kulturbetrieb.“

Den stärksten Anteil an den Programmen hatten das Philharmonische Staatsorchester unter Kent Nagano und das Orchester des Norddeutschen Rundfunks unter Thomas Hengelbrock, das – namens-nobilitiert – zur NDR Elbphilharmonie Orchester geworden ist. Dank der Initiative des ebenso weitsichtigen wie gerissenen Rolf Beck, des früheren Intendanten des Schleswig-Holstein Musik Festivals, hat es sich einen Zehnjahresvertrag – Laufzeit seit Januar – gesichert, ein großes Volumen an Terminen und offenbar auch besonders günstige Konditionen bei den Mieten. Bei einem Kartenpreis bis 25 Euro beträgt die Saalmiete 8200 Euro, die als Staffelmiete bei Ticket-Preisen bis zu 200 Euro auf 28 000 Euro steigt. Auf die Frage, warum die Wahl nicht auf das Orchester der Stadt, das Philharmonische Staatsorchester unter Kent Nagano, gefallen ist, gibt es nur ausweichende Antworten oder den Hinweis auf die Vollbeschäftigung in der Oper.

Die erste Saison hat die Hamburger Orchester starkem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Schon drei Tage nach den Eröffnungskonzerten der beiden Hamburger Orchester unter Thomas Hengelbrock und Kent Nagano fand sich das von Riccardo Muti geleitete Chicago Symphony Orchestra ein, das sich vor dem ersten Konzert nicht einmal einspielen konnte und doch die Herausforderungen der Raumakustik ebenso glorios bewältigte wie kurz darauf die Wiener Philharmoniker unter Semyon Bychkov. Auch Gastspiele der Orchester aus Berlin, München Amsterdam und Cleveland, die im Ranking unter den Big Ten zu finden sind, führten zu der Frage, ob die Strahlkraft der Hamburger Orchester ebenso groß ist wie die des Hauses, in dem sie spielen. Eine Antwort darauf wird von den Konzert-Impresarios wie von Lieben-Seutter mit einem enigmatischen Lächeln verweigert. Hingegen sieht Senator Brosda eine Chance darin, dass sich „die beiden Orchester durch die Herausforderungen der neuen Spielstätte in einem harten Wettbewerb befinden“.

Zu den Herausforderungen gehört endlich die Akustik des Saales, die als direkt, klar, trennscharf beschrieben wird oder, bündelt man die Urteile von Musikern und kritischen Hörern, als „gnadenlos ehrlich“ (Senator Brosda). Dass der Saal „nichts verzeiht“, haben die Goette-Impresarios auch von den Gastdirigenten wie von Orchestermusikern gehört.

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Es war wohl auf eine Reaktion auf das (vor)laute Versprechen, Hamburg bekomme den akustisch besten Saal der Welt, dass einige Kritiker die Frage stellten, ob die „Elbphilharmonie als Akustikdebakel in die Geschichte eingehen“ werde – sie taten dies auch unter Berufung auf den Wiener Musikvereinssaal, der als „Kronjuwel“ unter den Konzertsälen berühmt ist. Aber er wurde für das symphonische Repertoire der Wiener Klassik gebaut, für die Musik von Haydn, Mozart und Beethoven. Hingegen wird die Elbphilharmonie, betont Lieben-Seutter, der Musik von Mahler und Messiaen, von Strawinsky und Schostakowitsch und der Musik unserer Zeit gerecht. „Vor einigen Jahren sind viele Besucher bei einer Aufführung von Olivier Messiaens ,Turangalîla‘ unter Christoph Eschenbach ob der klanglichen Bruitismen aus der Laeiszhalle geflohen. Dass sie bei uns in einer Aufführung unter Ingo Metzmacher zu einem triumphalen Erfolg wurde, war auch ein Erfolg der Akustik.“ Bleibt nur die Frage der Nornen: Wisst ihr, wie das wird?

Hamburg
Elbphilharmonie feierlich eröffnet
© EPA, reuters
Quelle: F.A.Z.
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