„Die Nase“ in der Met

Endlich die ersehnte Sensation

Von Jordan Mejias, New York
 - 12:04
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Im Film stammt die Nase oft aus der Vorratskammer des Schönheitsarztes. Hollywood ist ohne „nose job“ gar nicht mehr denkbar. Das Kino gehört dem Rhinoplastiker. Obwohl sich die Metropolitan Opera jetzt in ein phantastisches Lichtspielhaus verwandelt hat, herrschen hier andere Regeln.

Der Kollegienassessor Platon Kusmitsch Kowaljow, dem in Dimitrij Schostakowitschs unvergleichlicher Erstlingsoper „Die Nase“ selbige abhanden kommen soll, braucht sich keiner Operation zu unterziehen. Er behält sein Riechorgan, selbst während wir es durch St. Petersburg spazieren und in der Kasaner Kathedrale beten sehen, ganz handfest und in Überlebensgröße auf der Bühne, schattenförmig und als Silhouette in allen nur möglichen Dimensionen, Überblendungen und Verschichtungen im Film.

Eine einzige Hommage

So will es der südafrikanische Zeichen- und Videokünstler William Kentridge, der sein Publikum weniger zu einer Operninszenierung einlädt als in eine multimedial entgrenzte Erfahrung verstrickt, in einen wohlbegründeten Musiktheaterrausch, in dem sich die Bühne in Projektionen auflöst und doch Bühne bleibt. Die Met hat endlich ihre visuelle Sensation.

Indem Kentridge dem Mann, der nach seiner verlorenen Nase sucht, diese gut sichtbar belässt, fügt er einer aus Absurditäten zusammengesetzten Handlungsmontage eine weitere hinzu. Zugleich aber bringt er so auch die metaphorische Ebene ins Spiel. Lebte Nikolaj Gogols Erzählung, auf die sich Schostakowitsch stützte, noch aus den surrealen Verwirrungen und Groteskerien, die dem Staat und seiner Bürokratie innewohnen, dreht Kentridge das Rad der Zeit hundert Jahre weiter, bis in die Entstehungszeit der Oper.

Und da wird er nun ganz deutlich, stilistisch und thematisch. Die gesamte Bühne ist eine einzige Hommage an die sowjetrussischen Konstruktivisten, mit ihrer markanten Grafik, ihren geometrischen Explosionen und ins knallige Rot getauchten Punkten und Ausrufungszeichen. Derart dynamisiert, regnen Libretto, Kommentare, historische Zitate auf die Bühne herab, schwirren und fliegen und sausen über eine Kulissenlandschaft, die ihrerseits aus einer Kollision von Zeitungsartikeln und Bücherseiten beruht.

Dokumentarschnipsel von Aufmärschen

Dazu kommen und damit vermischen sich, so verblüffend wie bezwingend, Zutaten in Kentridges eigener künstlerischer Handschrift, seine schattenspielhaften Passagen und Animationsfilme mit Figuren, geboren aus schwarzen Papierfetzen. Nur als Zeichner hält Kentridge sich weitgehend zurück. Ein ausgewachsenes Wunder ist es, dass Kowaljow samt den achtzig anderen Bühnencharakteren, die sich in sein Leben einmischen, nicht in der Bilderflut ertrinkt. Das Handwerk des Theatermanns, als der Kentridge seine Karriere begann, macht sich so bemerkbar, und es spricht aus jeder genau durchformten Szene, aus jedem Atemholen im hektischen Aktionsgehämmer und jedem hochstilisierten Bewegungsablauf, der sich auch wieder auf konstruktivistische Vorbilder, diesmal des Theaters, bezieht, nicht jedoch auf sie beschränkt ist.

Kowaljows Nase mag durch Dokumentarschnipsel von Aufmärschen und Ansprachen geistern, sie mag den Oberkörper der Primaballerina Anna Pawlowa ersetzen und sich sogar über Schostakowitsch stülpen, der kurz einmal am Klavier sitzt, aus dem er das revolutionäre, bloß fürs Schlagzeug orchestrierte Zwischenspiel zu hämmern scheint. Aber Kentridge verliert sich nicht in Musik-, Kunst-, Gesellschafts- und Politikgeschichte.

Geniales Notenmosaik

Am Ende ist Kowaljow doch einer von uns. Wie der Mann mit der Nase, der sich für nasenlos hält, wissen wir auch nicht immer, was wirklich zu uns gehört und was nicht, wie uns die anderen wahrnehmen und warum wir auf Reaktionen stoßen, die uns niemand zu erklären vermag. Paulo Szot ist da eine Idealbesetzung, kein Fall für den Chirurgen oder Psychiater, sondern ein Jedermann, den das Leben manchmal überfordert. Samtig und farbenreich lässt Szot seinen Bariton erklingen, und darin folgt ihm Valeri Gergiew mit dem Orchester, kämmt also sanft eine Partitur gegen den Strich, die aus Ecken und Kanten besteht, die gern in schrille Polkas und Galoppen ausbricht, die das Schrummen der Balaleika schätzt, das Kontrafagott zum Rülpsen bringt und die Posaune zum Ausrutschen. Gergiew, ein Schön- und Weichzeichner?

Die Durchsichtigkeit, die er so gewinnt, und die Eleganz, mit der er auch derbe Späße serviert, sind in ihrer nonkonformistischen Logik durchaus überzeugend. Und wenn es darauf ankommt, kann er auch schon mal kräftig auf die Pauke hauen lassen. Jedenfalls braucht Gergiew keine Sekunde zu fürchten, dass er lediglich einen Soundtrack zu Kentridges Videobühne liefern muss. Dafür sorgt schon Schostakowitschs geniales Notenmosaik, aber auch auf Kentridge ist Verlass, auf sein urmusikalisches Gespür für diese Partitur zwischen Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung, für ihre Ambivalenz und innere Dynamik.

Fehlender Animationsschwung im MoMA

Wie gründlich er sich mit dem Werk befasst hat, ist auch im Museum of Modern Art zu erfahren, wo er zudem mit einer großzügig ausgebreiteten Schau gefeiert wird. Das ist nicht ungefährlich. Als Künstler, dem gleichzeitig Starauftritte im MoMA und an der Met gewährt werden, kann er einerseits beträchtlich Furore machen, fordert andererseits aber auch die doppelte Generaluntersuchung heraus. Im MoMA breitet er gleichsam die Skizzen für die Inszenierung aus. Das sind nicht allein Kohlezeichnungen und Collagen, sondern auch Dokumentar- und Animationsfilme, die er als Anregung benutzt oder übernommen hat. Statt eine allumfassende Retrospektive zu veranstalten, wirft das MoMA fünf Schlaglichter auf Kentridges Schaffen.

Neben den Arbeiten zur „Nase“ sind Zeichnungen und Bühnenmodelle für Mozarts „Zauberflöte“ versammelt, die er vor fünf Jahren inszenierte und jetzt in akustischen Aufnahmen und Videoprojektionen zum Nachleben erweckt. Seine Videos vor allem aus den neunziger Jahren erzählen von Alfred Jarrys König Ubu, von Felix Teitlebaum und Soho Eckstein, den beiden von ihm erfunden Archetypen, in denen er und sein Land, noch von Apartheitswirren gezeichnet, Gestalt annehmen.

In einer fünften Abteilung porträtiert er sich selbst, in Videos, die vor- und rückwärts laufen, die ein ständiges Entstehen und Vergehen in Zeichnungen übersetzen, deren Linien vor unseren Augen wachsen und kreisen und sich krümmen und ausradiert werden. Sobald die Kohlezeichnungen aber nur an der Wand hängen, sobald sie nicht mehr ins Zucken und Zittern geraten, sobald sie sicher sind, nicht mehr vom Blatt zu verschwinden, stößt ihr Reiz an Grenzen. Erst im Animationsschwung kommt Kentridge zu sich selbst. Wo er publikumswirksam ist, gewinnt er auch künstlerisch an Tiefgang. Darum kommt er in seiner ganzen Vielschichtigkeit und Einfallskraft im MoMA nicht voll zur Wirkung. Wer Kentridge in Höchstform antreffen will, muss ihn via Schostakowitsch an der Met erleben.

Bis 17. Mai im Museum of Modern Art. Der Katalog kostet 50 Dollar. An der Metropolitan Opera wird „Die Nase“ bis 25. März gespielt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Mejias, Jordan (J.M.)
Jordan Mejias
Feuilletonkorrespondent in New York.
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